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Das Museum Folkwang in Essen zeigt eine große Expressionismus-Schau

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Von: Ralf Stiftel

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Franz Marcs Werk „Liegender Stier“ (1913)
Mythische Abstraktion: Franz Marcs Werk „Liegender Stier“ (1913) ist in der Expressionismus-Ausstellung des Museums Folkwang in Essen zu sehen. © Foto: Museum Folkwang Essen

Essen – Alles scheint selbstverständlich beim „Sitzenden Akt auf orangem Tuch“. Als ob die Frau nur nackt unterwegs sei, präsentiert sie sich, ohne klassische Pose, neben einem profanen Kohleofen. Schon das ist frech. Aber wie Ernst Ludwig Kirchner hier mit Farbe umgeht, die Konturen auflöst, den Strich vom Motiv befreit, das sorgte 1909 vollends für Verstörung. Man vergisst heute schnell, dass der Expressionismus zu seiner Zeit „Sturm und Drang“ war, wie der Sammler und Museumsgründer Karl Ernst Osthaus es formulierte.

Heute erfreut sich das Kunstpublikum an den krass gesetzten Komplementärfarben in Karl Schmidt-Rottluffs „Haus am Bahnhof“ (1908). An der verwegenen Dynamik in der „Amazone“ (1912) von Christian Rohlfs. An der meditativen Überhöhung in Franz Marcs „Akten unter Bäumen“ (1911). An dem „Selbstbildnis mit Kamelienzweig“ (1906/07), bei dem Paula Modersohn-Becker sich von ägyptischen Mumienporträts anregen ließ. Der Expressionismus gehört zum Populärsten auf dem Kunstmarkt. Wen wundert es, wenn das Museum Folkwang in Essen nach der großen Impressionismus-Ausstellung im Frühjahr nun auf den Farbzauber der frühen, einst verstörenden Avantgarde setzt, um sein 100jähriges Bestehen zu feiern? Die Ausstellung „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – verfemt – gefeiert“ lockt mit schierer Augenlust.

Christian Rohlfs: Amazone, 1912
Mit dynamischen Strichen hat Christian Rohlfs seine „Amazone“ (1912) gemalt. © Foto: Museum Folkwang Essen

Aber die Schau begnügt sich nicht damit, die farbstarken Meisterwerke aneinander zu reihen. Die Kuratoren Tobias Burg und Nadine Engel zeichnen nach, wie Folkwang-Gründer Osthaus und sein Essener Nachfolger Ernst Gosebruch frühzeitig die jungen Expressionisten förderten. Es gebe in Deutschland kein Museum, das die Geschichte des Expressionismus mit Eigenbesitzgeschichte so darstellen könne, behauptet Museumsdirektor Peter Gorschlüter. Mit 250 Gemälden, Papierarbeiten, Skulpturen zeigt die Schau jedenfalls einen intensiven und fortdauernden Austausch.

In 14 Kapiteln wird ausgebreitet, wie aufmerksam Osthaus auf die „Arbeiten dieser Jüngsten“ reagierte und sie gegen Kritik verteidigte. Die „Brücke“-Künstler hatten ihm die Mitgliedschaft angeboten. Er nahm nicht an, zeigte aber 1907 ihre Werke. Osthaus bewies Spürsinn, stellte früh Bilder der Gruppe „Blauer Reiter“ aus, präsentierte Kirchner, Schmidt-Rottluff, Kokoschka, Schiele. Oft waren das die ersten Museumsausstellungen für die Künstler. Das Museum Folkwang brachte dem Expressionismus Resonanz und Aufmerksamkeit.

So führt die Ausstellung, wie von Gorschlüter angekündigt, chronologisch durch eine Geschichte des Expressionismus ausschließlich mit Werken mit Folkwang-Bezug. Das beginnt mit einigen Arbeiten von Vorläufern, Erich Heckels Bild „Die Elbe bei Dresden“ (1905) erweist sich als Echo des Pointillismus, wie eine Ansicht der Seine von Paul Signac (1900) daneben zeigt. Gauguin, Hodler und vor allem Edvard Munch boten ebenfalls Anregungen. Es folgen thematische Kabinette zu Künstlern oder Richtungen wie eben „Brücke“, „Blauer Reiter“, Wilhelm Lehmbruck und Ernst Barlach. Das Ergebnis sind kleine Einzelausstellungen zum Beispiel zu Paula Modersohn-Becker. Die 1907 früh gestorbene Malerin hatte schon 1905 das Hagener Museum besucht und war beeindruckt. Zu ihrem posthumen Ruhm trug wesentlich die Gedenkausstellung mit 77 Gemälden und mehr als 50 Arbeiten auf Papier bei, die 1913 im Folkwang gezeigt wurde. Immerhin 13 Arbeiten sind jetzt in Essen zu sehen, darunter allein fünf Selbstporträts. Das „Selbstbildnis mit Kamelienzweig“ (1906/07) hatte Osthaus 1913 direkt aus der Ausstellung erworben. 1937 hatten die Nationalsozialisten es beschlagnahmt. 1957 wurde es ein zweites Mal angekauft, für den enormen Betrag von 50 000 Mark. Dem Verkäufer war durchaus bewusst, dass er zum „Profitierer des Naziterrors“ wurde. Er kassierte trotzdem.

Die Schau thematisiert die großen Einschnitte in der Geschichte des Hauses, das Osthaus 1902 in Hagen gegründet hatte. Die Stadt wollte nach seinem Tod das Museum nicht übernehmen, so dass die einzigartige Sammlung 1922 nach Essen kam, wo der dortige Museumsleiter Gosebruch eine ähnliche Sammelpolitik betrieb. Man kann es bei Kirchner sehen. Gosebruch hatte Kirchner in den 1920er Jahren mit einer Wandmalerei für den Festsaal des Folkwang-Neubaus beauftragt. Das Projekt erwies sich als zu komplex und wurde nie realisiert. Aber in Essen findet man nun Kirchners Skizzen, zwei Bildteppiche und das, was am Ende übrigblieb: zwei monumentale Gemälde zum Thema „Farbentanz“ (1932/34) im Spätstil des Künstlers, die erstmals wieder zusammengeführt sind. Eine expressive Ölskizze zum Farbentanz, etwas kleiner als die ausgeführte Version, wurde 1968 für das Museum erworben.

Die Essener Schau rekonstruiert eine Situation noch aus der Hagener Zeit, belegt durch ein wandgroß installiertes Foto. Drei Gemälde hingen an einer Wand, das „Stillleben mit Maske“ (1914/15), die „Rhätische Bahn“ (1917) und das „Bildnis Oskar Schlemmer“ (1914) – und sind auch jetzt wieder im Original zu sehen. Allerdings gehört nur eins der Werke noch dem Folkwang Museum. Die anderen mussten entliehen werden.

Das war eine Folge des zweiten großen Bruchs. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Gosebruch aus dem Amt gedrängt. 1937 wurde die moderne Kunst aus dem Folkwang entfernt: 1273 Bilder, wie eine Liste auf 31 eng beschriebenen Seiten belegt. Die Bilder wurden in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Auf Fotos aus der diffamierenden Präsentation sind Werke der Folkwang-Sammlung farbig hervorgehoben. Im Detail kann man nachlesen, welcher Schatz vernichtet wurde. Die Nationalsozialisten brauchten Devisen, aber sie selbst machten die Preise kaputt. Grafikblätter wurden in der Schweiz für 20 Rappen verschleudert, wenige Ölgemälde brachten nennenswerte Beträge.

Die Kuratoren zeigen auch Ambivalenzen und Widersprüche auf, zum Beispiel bei Emil Nolde, der mit Osthaus befreundet war und dessen Werke früh in die Sammlung eingingen. Ein Saal ist den Bildern gewidmet, die der Maler 1913 und 1914 bei einer Expedition für das Reichskolonialamt in Neuguinea geschaffen hatte. Der Künstler hat exotische Idyllen dargestellt, obwohl er, wie man aus seinen Aufzeichnungen weiß, von der brutalen Realität der Kolonialpraxis wusste. Nach 1933 war Nolde ein überzeugter Anhänger Hitlers und Mitglied der NSDAP. Obwohl auch seine Werke als „entartet“ eingestuft wurden, konnte er erfolgreich weiterarbeiten. Nach 1945 galt er als Opfer, seine Verstrickung ins System wurde ignoriert. Er wurde einer der beliebtesten Expressionisten.

Nach dem Krieg versuchte das Haus, verlorene Bilder zurückzuholen, was nur in wenigen Fällen gelang, oder gleichwertig zu ersetzen. Zugleich betrieb man Wiedergutmachung. Schon 1948 gab es die erste Ausstellung mit Werken des Expressionismus. Als 1958 der Neubau eröffnet wurde, geschah das mit einer großen Schau zur „Brücke“. Und wenn auch längst nicht alle Verluste ausgeglichen werden konnten, verzeichnet das Haus durch Schenkungen und Stiftungen noch Zuwächse beim Expressionismus. So vereint diese opulente Schau den Seh-Genuss mit Aufklärung und Information.

Bis 8.1.2023, di - so 10 - 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0201 / 88 45 000, www.museum-folkwang.de

Katalog, Steidl Verlag, Göttingen, 38 Euro

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