Die Ausstellung „Haltung & Fall“ im Museum Marta in Herford

Der Körper als Kunstmittel: Foto-Still aus dem Video zu Naufus Ramírez-Figueras Performance „Rainbow Action“ (2011/2019). Foto: Museum

Herford – Haltung bewahren fällt nicht leicht, wenn man auf einer halben Million kleinen Eisenkugeln balancieren soll. Der tschechische Künstler Robert Barta führt in seiner Installation den Besucher an Grenzen der Körperbeherrschung. Man schlingert durch den Raum im Museum Marta in Herford, schlimmer als ein Anfänger auf der Eisbahn. Ein großer Spaß, wenn gerade eine Schülergruppe zu Besuch ist.

Die Ausstellung „Haltung & Fall – die Welt im Taumel“ mit rund 100 Werken von internationalen Künstlern spielt mit der Mehrdeutigkeit der titelgebenden Begriffe. Oft geht es in der Schau, die von einem Team um Ann Kristin Kreisel kuratiert wurde, um körperliche Prozesse. In der Videoskulptur „The Fall“ von Peter Welz krachen zwei Tänzer zu Boden, deren Sturz und das sich anschließende Aufrichten als Endlosschleife zu sehen sind. Irritierenderweise läuft die Projektion auf dem Kopf, so dass der Fall eher ein explosiver Aufstieg unter die Decke ist. Ein raffiniertes Spiel mit dem Raumgefühl des Betrachters.

Man kann das Thema aber auch als politisch-moralische Positionsbestimmung auffassen. Der britische Künstler David Shrigley bringt die Widersprüchlichkeit plakativer Bekenntnisse in die Form vermeintlich schlichter Karikaturen. Ein unbeholfen gestricheltes Männchen ballt die Fäuste unter der Zeile „I‘m so angry about global warming“ (Ich bin so wütend über die Erderwärmung, 2014): Macht sich der Künstler lustig über einen Umweltaktivisten? Oder bringt er die Schwierigkeit eines richtigen Lebens im falschen Weltzustand auf eine ungemein griffige Formel?

Katie Holten, in New York lebende Irin, reagierte auf die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten mit einem „Pussy Alphabet“ (2017): Jeden Buchstaben stellte sie als posierende weibliche Comicfigur dar, die nur mit High Heels, Handschuhen und Strümpfen bekleidet ist. Der in vielen Äußerungen dokumentierten Frauenverachtung des Politikers setzt sie eine Selbstermächtigung über den weiblichen Körper entgegen, wenn sie ihre „Femlins“ Worte wie „Truth“ (Wahrheit) und „Resist“ (Widerstehen) bilden lässt.

Doch die wenigsten Arbeiten der Ausstellung sind so explizit. Es fällt schwer, sich dem Zauber der auf Video dokumentierten Performances von Naufus Ramírez-Figueroa zu entziehen. Der 1978 geborene guatemaltekische Künstler befasst sich mit Ungleichheit und Unterdrückung von Minderheiten, und er setzt dabei offensiv seinen Körper ein. In der „Rainbow Action (after Cezary Bodzianowski)“ (2011/2019) bemalt der massige Mann seinen nackten Leib, formt einen Bogen und rezitiert dabei ein Gedicht über die Schwierigkeiten, als Sozialist in einem tropischen Land zu leben, weil die schönen Farben die Missstände vergessen lassen. Im Museum sieht man noch den Abdruck der Regenbogenfarben an der Wand und eben das Video. Der Regenbogen ist längst zum internationalen Symbol für Diversität und Toleranz geworden. Ramírez-Figueroa gibt ihm eine sehr spielerische neue Gestalt. Berührend auch „Feather Piece“ (2013): Da befestigt er sich Federn am nackten Arm, indem er sie mit Nadeln in seine Haut steckt. Eine symbolische Überwindung seiner Körpermasse, eine Verwandlung zum Vogel.

Die Arbeiten der anregenden Themenschau entfalten eine große inhaltliche und stilistische Bandbreite. Da gibt es skurrile Puppenstuben des kanadischen Künstlers Marcel Dzama, der um Schachfiguren und Büsten großer Männer kleine Ballettcompagnien inszeniert, zum Beispiel in „They‘ll Dance with the Ghosts and Drink with the Magicians“ (2014). Da sind die magischen Bilder des französischen Fotografen Denis Darzaq, der im 19. Arrondissement von Paris Hip-Hop-Tänzer im Sprung ablichtete: Pure Schwerelosigkeit, als könnten sie fliegen, die poppige Neu-Interpretation eines berühmten Motivs von Yves Klein, der sich 1960 beim „Sprung ins Leere“ ebenfalls fliegend darstellte.

Verstörend hingegen Pauline Curnier Jardins Video „Teetotum“ (2017) über eine düstere Zirkuswelt, in der eine Dompteuse mit der Peitsche nach Fliegen jagt und Mädchen Hula-Hoop-Reifen um den Hals kreisen lassen, bis es ihnen die Kehlen aufschneidet. Der südafrikanische Künstler Kendell Geers hängt eine Buddha-Skulptur, die in weiß-rotes Absperrband gewickelt wurde wie eine Mumie, kopfüber in ein Dreibein-Gestell. Die Arbeit entwickelt eine extreme Dissonanz zwischen dem spirituell aufgeladenen Objekt und seiner profanen Präsentation.

Aber auch für Humor ist Raum: Wilhelm Klotzek zeigt in seiner Skulptur „An der Ecke“ (2017) eine mannshohe Zigarette, die an ein Straßenschild gelehnt raucht – eine ironische Variante der Zigarettenreklame für das HB-Männchen, ein Spiel mit den Mechanismen der Reklame.

Immer wieder gibt es Mitmach-Arbeiten: Der dänische Künstler Christian Falsnaes stellt eine Bühne auf. Der Besucher kann sich einen Kopfhörer aufsetzen, der ihm Anweisungen gibt. So entsteht eine absurde Choreografie des Herumlaufens oder „Hey“-Rufens, die besonders bei Gruppen für Heiterkeit sorgt.

Bis 6.10., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 05221 / 99 44 300, www.marta-herford.de, begleitend vier Broschüren Guide 5 Euro, Index 2 Euro, Essay 3 Euro, Show (ab Ende Juli) 4 Euro

Quelle: wa.de

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