Ausstellung „Weltvermesser“ in Lemgo zeigt die Geschichte der Kartografie

Die Weltschau verstellt den Blick für das Wesentliche: Kupferstich „Die Welt unter der Narrenkappe“ (Antwerpen, um 1590/1600).

Lemgo - Als Isidor, Bischof von Sevilla, im siebten Jahrhundert das erhaltene Wissen der Antike sammelte, da genügten ihm für eine Weltkarte ein Kreis und einige Linien. Asien, Europa und Afrika waren darin Tortenstücke, getrennt durch ein stilisiertes T-Stück, das für die Meere stand. Doch als im Mittelalter die Europäer anfingen, die Welt zu bereisen, da begannen sie, genauere Karten zu zeichnen.

Auf der „Portolankarte“ von 1541 stellte der genuesische Kartograf Vesconte Maggiolo die Küstenlinien rund um das Mittelmeer, aber auch die von Frankreich, England und der Nordsee erstaunlich genau dar. Das Landesinnere ist eine weiße Fläche, nur große, schiffbare Flüsse sind mit den anliegenden großen Städten wie Colonia und Paris eingetragen. Der Zweck bestimmte hier ganz die Form.

Das wunderbar gestaltete Pergament gehört zu den Prachtstücken der Ausstellung „Weltvermesser“ im Weserrenaissance-Museum in Lemgo. Mit rund 250 Exponaten zeichnet die Schau eine Geschichte der Kartografie vom Mittelalter bis in die frühe Moderne nach. Der Besucher bekommt faszinierende Einblicke, wie europäische Gelehrte ein immer genaueres Bild der Erde gewannen.

Karten dienen zunächst ganz praktisch dazu, dass der Benutzer sich zurecht findet. Seefahrer nutzten früh sehr genaue Karten wie die von Maggiolo, in die minuziös alle Häfen eingetragen waren. In Lemgo sind auch Ausschnittskarten zum Beispiel von der Nordsee ausgestellt, in die nicht nur die Orte und markante Bauten eingezeichnet sind, sondern auch Sandbänke und Fahrrinnen.

Zugleich standen besonders Weltkarten für den wissenschaftlichen Fortschritt. Zunehmend lösten sich die Menschen von religiösen Dogmen und bekamen einen freien, wissenschaftlichen Blick auf die Erde. Prägend dabei war die Entdeckung Amerikas. Die Schau glänzt mit dem „Taufschein Amerikas“. Auf dem recht unscheinbaren Holzschnitt mit Globussegmenten zeigt Martin Waldseemüller 1515 erstmals Amerika als eigenständigen Kontinent.

Sebastian Münster zeichnet die „Neüwen Inseln, so hinder Hispanien gegen Orient, bey dem Landt Indien ligen“ 1544 noch recht verzerrt. Und weil er Details aus dem Landesinneren nicht kennt, bildet er eine Szene mit „canibali“ ab. Die Bewohner Südamerikas wurden als Menschenfresser denunziert, was es rechtfertigte, das Land gewaltsam zu erobern. Viele frühe Kartenwerke ersetzten das Wissen von geografischen Details durch die Darstellung mythischer Wesen oder Orte, was ihnen einen großen Schauwert verlieh.

Die Schau zeigt Werke von Gerhard Mercator, der den Begriff „Atlas“ (eigentlich der mythische Riese, der die Welt auf seinem Rücken trägt) auf ein Kartenwerk überträgt. Und es ist das „Theatrum orbis terrarum“ zu sehen, jenes vorbildhafte Werk, das Abraham Ortelius 1570 in Antwerpen druckte.

Die Welt zu kennen hieß auch, sie zu beherrschen. Kaufleute hängten Karten ihrer Absatzgebiete ins Kontor. Könige stellten große Globen auf, alles, um bei Besuchern Eindruck zu machen. Zunehmend wurden Karten Grundlage politischer Einflusssphären. im Großen wie im Kleinen, wie eine Karte in der Schau belegt. Um 1600 stritten ein Bauer aus dem Lippischen und die Stadt Herford um das Holz alter Pappeln. Die Herforder hatten die Bäume gefällt, Bernd Deterding sagte aber, dass sie auf lippischem Boden standen und das Holz ihm zustünde. Die Herforder legten eine gezeichnete Karte vor, mit dem sie ihren Besitzanspruch untermauerten.

Die Schau bietet großartige Kunstwerke, wie zwei Karten des Sternenhimmels, die Albrecht Dürer 1515 schuf. Aber auch kunstvolle Erd- und Himmelsgloben sind zu sehen, verschiedenen Werkzeuge, mit denen denen Landschaften für Karten vermessen wurden. Gemälde zeigen, welch hohen Stellenwert Karten hatten. Willem Pietersz. Buytewech malte 1617/20 eine „Fröhliche Gesellschaft“: Junge Niederländer genießen darauf den Reichtum des Landes. Hinter den Kerlen hängt die Karten an der Wand, die das Land zeigt, das die Alten dem Meer durch Deichbau abgetrotzt hatten.

Gerade auch einige Humanisten sahen die Weltvermessung kritisch. Ein Antwerpener Kupferstich (1590/1600) zeigt die Welt unter der Narrenkappe: Der Blick auf die irdischen Orte, so die Botschaft, lenkt ab von der Selbstreflexion, vom „Erkenne dich selbst“.

Den Erfolg der Karten hielt das nicht auf. Zu offensichtlich war der Nutzen der Weltvermessung. Das Themenfeld ließ sich ausweiten: Es gab Karten für Sprachen und Flussläufe. Und fiktive Karten beflügelten die Fantasie der Menschen. So stellt eine Karte das Schlaraffenland dar als Warnung vor den Lastern. Eine andere Karte soll zeigen, wie man den Versuchungen der Liebe widersteht.

Bis 6.12., di – so 10 – 18, fr bis 21 Uhr, Tel. 05261 / 94 500, www.weltvermesser.de,

Katalog, Sandstein Verlag, Dresden, 25 Euro

Quelle: wa.de

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