„Avatar und Atavismus“: Archaische Kunst in Düsseldorf

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Eine archaische Kultstätte: „Mutter“ (2005/2015) von Jonathan Meese und Tal R, zu sehen in Düsseldorf.

DÜSSELDORF - 1979 legte Georg Baselitz einen roh mit der Säge gestalteten Holzkopf auf einen Sockel. Günter Förg goss serienweise „Masken“ in Bronze, die er, gleichsam aufgespießt auf Montiereisen vom Bau, vor dem Betrachter aufreiht. Rosemarie Trockel legte 1986 Skimasken in eine Glasvitrine, und wollene Gesichter starren uns an. Franz West stellte 1991 aus Gips und Stahl übermannshohe „Lemurenköpfe“ auf.

Jede Menge Köpfchen hatte die Kunst jener Zeit, als die „Jungen Wilden“ die Malerei aufmischten. Gerade entdecken die Museen diese Epoche neu, das Frankfurter Städel Museum zeigt zum Beispiel die figurative Malerei der 80er. Die Kunsthalle Düsseldorf widmet sich in der Ausstellung „Avatar und Atavismus“ ebenfalls vor allem dieser Zeit, spannt den Bogen aber weiter bis in die Gegenwart. Hier geht es darum, dass nach einer längeren Auszeit, die von konzeptuellen und konstruktiven Ansätzen geprägt war, ganz unterschiedliche Künstler auf einmal den menschlichen Körper als Thema entdeckten. Einige griffen Motive auf, die sie schon in den 60er Jahren verwendet hatten, wie Baselitz und die Malerin Maria Lassnig. Aber es gab eine regelrechte Welle, meint Kurator Veit Loers.

Die Schau bringt nicht nur die Werke jener wilden Jahre zusammen, als die Motorsägen kreischten und große Pinsel im Takt des Punk geschwungen wurden. Sie sucht auch nach den Quellen dieser Welle des Archaischen und Anarchischen. Und sie verfolgt, wie sich diese Tendenzen entwickelten. Es wird gerade musealisiert, was einst als Aufstand gegen die etablierte Szene antrat.

So findet man die rekonstruierte rosafarbene zimmergroße Spielburg „Mutter“ von Jonathan Meese und Tal R, die 2005 erstmals in Kopenhagen zu sehen war. In dem chaotischen Raum sind Körperteile, Fetische, Puppen, Skelette, Bilder durcheinandergeworfen, die Wände sind bekritzelt mit „Mutter“-Wörtern, mittendrin liegt eine Meese-Puppe. Es ist eine Art Schrein, Schreckenskammer und Zufluchtsraum zugleich, eine urtümliche Hommage an Fruchtbarkeit und Familie, übersetzt in grelle Pop-Farben.

Veit Loers sieht in der Art, wie Künstler damals den Körper auffassten und zum Thema machten, eine Art psychische Konstante am Werk. Die Ausstellungsmacher beziehen sich auf Jacques Lacans Thesen zur frühkindlichen Entwicklung: Erst, wenn ein Kind sich im Spiegel erkennt, kann es auch den Körper als ganzen wahrnehmen. Auch bei psychisch Kranken ist die Körperwahrnehmung gestört.

So findet man in der Outsider-Kunst, in den Bildern von Patienten der Psychiatrie immer wieder Köpfe, Torsi, Körperteile. Ein Raum der Ausstellung bietet Vergleichsmaterial, Arbeiten zum Beispiel aus der Kunst-Praxis Soest und dem Kunsthaus Kannen in Münster. Die oft kleinformatigen, überwiegend mit einfachen Materialien erstellten Arbeiten der Patienten werden dicht an dicht präsentiert. Ihre visuelle Sprache ähnelt verblüffend den Werken der etablierten Künstler. Man vergleiche nur die gehäkelten Kopf-Objekte von Alfred Stief mit der „Femme“ (Frau, 2005) von Louise Bourgeois. Gemeinsam ist eine elementare, konzentrierte Auffassung menschlicher Formen. Jiri Georg Dokoupil erinnert auch in seiner Kleinteiligkeit an die Besessenheit psychisch Kranker, zum Beispiel in seinem mehr als sieben Meter breiten Gemälde „Wenn es mit mir nicht weitergeht, wird das Apfelmädchen die Herrschaft übernehmen“ (1984), das mit kleinteiligen Ornamenten so überarbeitet ist, dass man selbst die in die Leinwand gebrannten Löcher übersieht.

Man begegnet in der Schau Arbeiten, die längst Klassiker sind. Die Bilder der im letzten Jahr verstorbenen österreichischen Künstlerin Maria Lassnig zum Beispiel offenbaren Selbstironie(„Selbstporträt als Engel“), aber auch bösen Witz („Dame mit Hirn“, um 1990). Martin Kippenbergers gemalte Voyeurismus-Fantasie „Martin guckt durch das Schlüsselloch“ (1983) legt den weiblichen Akt über die schattenhafte Kontur des Künstler-Alter-Egos. Bruce Nauman zeigt in der Neoninstallation „A Double Poke In The Eye“ (1985) zwei Köpfe und zwei Hände, deren Zeigefinger jeweils dem Gegenüber ins Auge pieksen.

Und jüngere Künstler finden diese Positionen offenbar immer noch brauchbar. Eva Kovátková zum Beispiel inszeniert kindergroße Puppen, die sie aufhängt oder in ein Gestell zwängt („Theatre Of Speaking Objects“, 2014). Und die kopflosen, irgendwie niedlichen Männchen wirken mal wie ein Schlachttier, mal wie eine Marionette. John Bock legt Koffer auf dem Boden aus („Little By Little“, 2014). Darin liegen die Teile einer zersägten Holzskulptur, als hätte ein Mörder eine Leiche entsorgt.

Bis 8.11., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 89 962 40, www.kunsthalle-duesseldorf.de, Katalog in Vorbereitung.

Ab 2.10. zeigt das Museum Folkwang Essen die thematisch verwandte Schau „Die Schatten der Avantgarde“ über Outsider-Kunst und ihren Einfluss auf die klassische Moderne

Quelle: wa.de

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