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Azeret Koua inszeniert am Schauspiel Dortmund Jean-Paul Sartres Denkstück „Das Spiel ist aus“

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Von: Ralf Stiftel

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Szene aus „Das Spiel ist aus“ in Dortmund mit Sarah Yawa Quarshie, Adi Hrustemovic (vorn), Antje Prust und Raphael Westermeier
Hat ihre Liebe eine Chance? Szene aus „Das Spiel ist aus“ in Dortmund mit Sarah Yawa Quarshie, Adi Hrustemovic (vorn), Antje Prust und Raphael Westermeier. © Birgit Hupfeld

Dortmund – Eine Hand reckt sich durch den Vorhang und winkt den Neuankömmling mit dem Finger zu sich. Sein ganzer Arm wird in den Kasten gezogen. Eine Stimme nennt die Stellen, wo er blind unterschreibt. „Jetzt sind Sie richtig tot“, bestätigt der unsichtbare Beamte.

Den Tod setzt Azeret Koua im Studio des Schauspiels Dortmund als surrealen Slapstick in Szene. Die Protagonisten in Jean-Paul Sartres Stück „Das Spiel ist aus“ beendeten ihr Leben nicht friedlich. Der Revolutionär Pierre (Adi Hrustemovic) wurde von einem Genossen verraten und erschossen. Eve (Sarah Yawa Quarshie) wiederum, die Gattin des Milizsekretärs, wurde von ihrem Mann vergiftet. Er hatte es auf ihr Geld abgesehen. Die Jenseits-Bürokratie gibt ihnen eine zweite Chance. Sie sind füreinander bestimmt, haben sich aber im ersten Leben nie getroffen. Nun werden sie zurückgeschickt: Wenn sie es schaffen, innerhalb von 24 Stunden ihre Liebe zu behaupten, dürfen sie glücklich weiterleben.

Sartres Text, noch im Weltkrieg geschrieben und 1947 verfilmt, spielt in einem faschistischen Staat. Er nimmt Märchenelemente für einen Denkversuch. Kann man seinem Schicksal entgehen? Da werden, psychologisch eher schlicht, philosophische Thesen überprüft.

Die Regisseurin Koua interessiert sich weniger für Gesellschaftstheorie als für den Beziehungsaspekt. Sie setzt auf Parodie und Verfremdung, macht aus dem Drama um verratene Revolutionäre und eine von einem habgierigen Schuft bedrohte Schwester eine überdrehte Seifenoper. Pierre und Eve werden von einem Moderatorenpaar begleitet. Antje Prust und Raphael Westermeier sind teuflische Drahtzieher, schlüpfen in alle Nebenrollen und lästern: „Es gibt sie noch, die Hetero-Romantik.“ Das traditionelle Bild von Beziehungen und Identität wird verabschiedet.

Die Aufführung hat Witz und Tempo. Sehr schön die Ouvertüre, eine Lightshow zu Techno-Klängen (Musik: Lutz Spira). Immer wieder gibt es aufgekratzte Einlagen, besonders von Prust und Westermeier, zum Beispiel wenn der Regent den Spitzel verhört. Im Stil einer Sado-Maso-Szene zieht Westermeier Prust den Schuh aus und leckt unterwürfig ihren Fuß, während sie ihm androht, ihn, falls er versagt, ihren „Alligator*innen zum Fraß“ vorzuwerfen. Da beschenkt uns die Inszenierung: Beim Thema Gendern kam Selbstironie bislang nicht vor. Wenn aber Sartres Text gegendert wird mit Aufrührer*innen und Genoss*innen, schwingt der leise Scherz dieser Szene mit. Hinzu kommt eine Fülle an popkulturellen Verweisen, von Schlagertiteln wie „Atemlos“ bis zum Filmzitat „Ich bin der König der Welt“, das Westermeier mit ausgebreiteten Armen nachspielt. Er fordert Prust auf, die Rolle eines Kerls zu übernehmen, und sie kommentiert: „Ah, toxische Männlichkeit...“ Während sich Eve und Pierre beim Kuss zu finden scheinen, formt das Jenseitspaar ein Handherz. Als die Liebenden versuchen, doch noch zueinander zu finden, und in Zeitlupenschritten aufeinander zueilen, lösen sich die Finger der anderen und zeigen an, dass es mit der Liebe doch nicht klappt.

Das ist am Ende etwas vordergründig, überzeugt aber durch die Spielfreude. Großer Beifall bei der Premiere.

25., 26.1., 2., 19.2., 5., 24.3., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

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