Band „Künstlerinnen und Künstler in Westfalen“ erschließt Museumsbestände

Otto Piene beim Schaffen eines Feuerbildes 1966 in seinem Atelier. Piene ist einer von 87 Künstlern, die in dem neuen Übersichtsband vorgestellt werden. Fotos: aus dem besprochenen Buch

Münster – Otto Piene dreht dem Betrachter den Rücken zu. In der Hand hält er ein brennendes Stück Pappe oder eine Holztafel, und er bläst in die Brandstelle. Der in Bad Laasphe geborene Künstler malt auf diesem 1966 entstandenen Foto mit Feuer. Man sieht die auflohende Flamme, das Loch im Bildträger und den von der Hitze hinterlassenen dunklen Hof.

Piene gehört zu den Gründern der Gruppe Zero, deren Mitglieder vor allem mit Licht und Bewegung arbeiteten. Er schuf 1972 für die Schlusszeremonie der Olympischen Spiele in München ein „Sky Event“ und war 1977 bei der documenta 6 in Kassel vertreten. Sein Geburtsort an der Landesgrenze zu Hessen ist der Grund, warum er im Buch „Künstlerinnen und Künstler in Westfalen“ vertreten ist.

Das Museumsamt des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe möchte den reichen Beständen der heimischen Museen zu mehr Wertschätzung verhelfen. Deutlich kritisch monieren die Herausgeberinnen Ulrike Gilhaus und Ute Christina Koch, dass manche Museumsträger die „Sammlungen als Last, als Kostenfaktor und ohne Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft der Bürgerschaft und der gesellschaftlichen Entwicklung“ ansehen. Was der Kommunalpolitiker in der westfälischen Kleinstadt nicht kennt, das kann er auch nicht würdigen. Dem soll nun eine Publikationsreihe gegensteuern, die die Sammlungsschätze erschließt.

Dabei zeigte sich, dass gerade die heimischen Künstler nicht in das geplante Format passten. So bekommen sie einen eigenen Band: 87 Künstlerinnen und Künstler der letzten 250 Jahre, von dem münsterländischen Maler Johann Christoph Rincklake (1764-1813), der einer der wichtigsten Chronisten des Bürgertums in Westfalen wurde, bis zu dem in Dortmund geborenen Martin Kippenberger (1953-1997), einem provokanten und witzigen Protagonisten der Aktionskunst. Jeder wird mit einem Text zu Leben und Werk, bei besonders wichtigen Künstlern auf vier, sonst auf zwei Seiten vorgestellt, dazu gibt es jeweils ein Porträt und einige markante Werke in Abbildungen.

Diese Steckbriefe sind im Lexikonton gehalten, manchmal etwas zu nüchtern, aber voller solider Informationen. Kein Wunder, die Autoren sind entweder Kunsthistoriker des Landschaftsverbands oder aber Mitarbeiter der Museen, die die Werke betreuen und erforschen, wie Ulrike Growe vom Josef Albers Museum in Bottrop und Rouven Lotz vom Emil Schumacher Museum in Hagen. Eine allgemeine Übersicht am Anfang mit Karten und ein reicher Registerteil vermitteln zudem, wo man die Arbeiten der vorgestellten Künstler findet. Das Buch wird damit auch zum brauchbaren Führer durch die Museumslandschaft der Region, der auch kleinere Häuser aufführt wie das Schlieker-Haus in Bochum, das Heimatmuseum Fröndenberg und das Ernst Oldenburg Haus in Unna. Leider fehlen die Anschriften, das hätte den Gebrauchswert noch erhöht. Und warum ausgerechnet das Fritz-Winter-Haus in Ahlen nicht gelistet ist, obwohl es Abbildungen zur Verfügung stellte, bleibt ein Rätsel.

Ansonsten dokumentiert das Buch einen Reichtum, der selbst Kenner überraschen wird. Hier sind ja nicht nur die westfälischen Weltstars der Kunst aufgeführt wie Josef Albers, der in den USA auch als Lehrer überaus einflussreich wirkte, Expressionisten wie August Macke, Wilhelm Morgner und Peter-August Böckstiegel, Vertreter der Nachkriegsabstraktion wie Emil Schumacher und Fritz Winter, der grandiose Gestalter Anton Stankowski, Bergmannssohn aus Gelsenkirchen, der unter anderem das minimalistische Logo der Deutschen Bank entwarf. Manche Künstler waren an ihrer Wirkungsstätte durchaus gut vernetzt und anerkannt wie der Bochumer Maler Hans Kaiser (1914-1982), der im Zweiten Weltkrieg nach Welver kam und in den 1950er Jahren eine der prägenden Gestalten der Nachkriegsabstraktion in Westfalen wurde. Andere wurden erst in jüngster Zeit wieder richtig entdeckt wie der Lüdenscheider Maler Paul Wieghardt (1897-1969), der wie Albers in den 1930er Jahren emigrierte und in den USA zum einflussreichen Lehrer wurde – zu seinen Schülern gehörten die Pop-Künstler Robert Indiana und Claes Oldenburg. Vor einem Jahr widmete ihm die Städtische Galerie seiner Geburtsstadt eine eindrucksvolle Retrospektive.

Hier wird man auch auf zu Unrecht vergessene Kleinmeister hingewiesen wie den Mendener Genremaler Friedrich Lillotte (1818-1873), der einen heiter-kritischen Blick auf das Leben der Kleinbürger und Bauern warf. Christian Walda stellt den aus Wien stammenden Großstadtporträtisten Moritz Coschell (1872-1943) vor, der eine Dortmunder Bankierstochter heiratete und zahlreiche Dortmunder Persönlichkeiten malte. Der Künstler, der auch als Illustrator für Zeitungen arbeitete, floh zunächst vor der Verfolgung durch die Nazis nach Wien, verlor nach dem „Anschluss“ Österreichs seine Arbeitserlaubnis und starb in einem provisorischen Krankenhaus.

Und man erfährt, wie viele Künstlerinnen es in Westfalen neben Ida Gerhardi und Tisa von der Schulenburg gab. Da ist die in Warstein geborene Toni Farwick (1886-1979), die zwischen 1925 und 1930 malend Lateinamerika erkundete und expressive, farbstarke Bilder schuf. Aus Dortmund stammt die neusachliche Malerin Gerta Overbeck (1898-1977), die unter anderem die Gouache „Stahlwerk“ (1925) malte. Und Marie Steinbecker (1879-1968) aus Lippstadt erwies sich um 1900 als eine Vorreiterin der Emanzipation. Sie überquerte 1908 mit dem Fahrrad allein die Alpen, mietete sich ein Zimmer am Gardasee und nahm dort Aktunterricht – was zu der Zeit an deutschen Akademien noch als unschicklich für Frauen galt. Sie malte nicht nur, sondern illustrierte auch Kinderbücher und kandidierte nach der Einführung des Frauenwahlrechts 1919 für die Stadtverordnetenversammlung in Lippstadt – allerdings erfolglos.

Ulrike Gilhaus/Ute Christina Koch (Hgg.): Künstlerinnen und Künstler in Westfalen. Ardey Verlag, Münster. 268 S., 29,90 Euro

Für ein Fachpublikum gibt es den Band in einer Kassette mit einem Register aller Werke in westfälischen Museen, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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