In Bochum eröffnet Tamás Ascher die Spielzeit mit Tschechows „Kirschgarten“

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So bewegt ist Tschechows „Kirschgarten“ am Schauspielhaus Bochum nur in kurzen Momenten: Szene mit Raiko (Jascha), Bettina Engelhardt (Ranjewskaja) und Torsten Flassig (Trofimow, von links). Küster

BOCHUM - Ganz recht, der Kirschgarten ist bei Tschechow ein Symbol, und ja, da geht nicht nur Botanik, sondern eine Lebensform unter. Wer aber glaubt, der „Kirschgarten“ sei nichts als eine langgezogene Tragödie, liegt daneben. Am Schauspielhaus Bochum inszeniert zur Eröffnung der Spielzeit Tamás Ascher, der führende Regisseur Ungarns, in seiner Heimat Zielscheibe der Konservativen und Nationalisten, die unter Ministerpräsident Orbán auch in der Kultur an die Macht kamen. Eigentlich ist er ein Tschechow-Spezialist, dessen Inszenierungen mehrfach internationale Preise gewannen.

Der „Kirschgarten“ in Bochum aber zieht sich über drei Stunden, ohne dass ersichtlich wäre, wieso man das Stück heute in der Form spielt. Die Regie von Ascher bewegt Klischeefiguren wie die hausmausige Warja (Kristina Peters), den loyalen Diener Firs (Heiner Stadelmann) und den poltrigen Lopachin (Roland Riebeling), der seine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber der Herrschaft mit jeder Zeile ausstellt.

Das Problem liegt darin, dass Ascher seine Figuren nicht übersetzt. Es sind Ausstellpuppen. Die Überspanntheit der Gutsbesitzerin, die sich um ihre finanzielle Lage nicht schert und alles verliert – gäbe es dafür denn wirklich kein aktuelles Äquivalent? Der Bochumer „Kirschgarten“ wächst im Limbo.

Schon das Bühnenbild ist ein Limbo. Das Gutshaus ist hier einer dieser Riesenkästen, mit denen niemand mehr was anfangen kann, und die deshalb vielleicht zu Jugendherbergen werden. Genau diesen heruntergekommenen Charme bringt Bühnenbildner Zsolt Khell auf die Bretter: Sesselchen aus den 60ern, Schutt und abgeranzte Heizkörper vor den Fenstern. Räume, die offensichtlich zu groß geworden sind für die verkleinerten Verhältnisse ihrer Besitzer. Hierher kehrt die Gutsbesitzerin Ljuba Andrejewna (Bettina Engelhardt) aus Paris zurück. Abgebrannt, aber ohne Sinn fürs Reelle, feiert sie die Nostalgie des Heimkommens. Ihre Tochter Anja (Sarah Grunert), Marke verwöhntes Gör, schafft sich durch die Beziehung zum Studenten Petja (Torsten Flassig) eine Perspektive. Aber Petjas politische Phrasen klingen hohl und finden ebenfalls keine Aktualisierung.

Mehr Leben bringt Jürgen Hartmann in seine Rolle als Gutsbesitzer Simeonow-Pischtschik. Wenn er mit Ljuba tändelt oder um Geld schnorrt, sieht man einen fehlerhaften Menschen, aber zumindest einen Menschen. Bei Riebelings Lopachin wiederum bleibt nur bloße Wut übrig, die sich in Geschrei äußert. Der Buchhalter Semjon (Marco Massafra) bringt Slapstick-Elemente ein und wird dem Publikum quasi als Witzbrocken in die Trübsal hingeworfen.

Der Regisseur wollte sich nicht in das Minenfeld politischer Aktualität begeben. Aber er holt im Verlauf seines konventionell inszenierten Sprechtheaters aus dem Nebeneinander seiner Figuren keinen Funken Inspiration heraus. Es ist immer vorhersehbar, was eine von ihnen tun wird. Die Figuren hegen tiefe Wünsche, können aber zusammen nicht kommen; das wäre doch eine Vorlage für ein Untergangsszenario in geschlossener Gesellschaft? Aber nichts davon.

Ihre Maschen beobachtet Ascher zwar gut, aber es entsteht wenig daraus. Weder Wahnsinn noch Witz befruchten einander. So wirkt Tschechow wie ein langweiliger Theatraliker. Sein Witz oder seine Gesellschaftskritik sind nur ansatzweise berücksichtigt.

Bettina Engelhardt ist in ihrer Rolle als Ljuba Andrejewna nicht zu Hause, das zeigt sich an ihrer hektischen, oft schlecht verständlichen Sprechweise, und daran, dass sie ihr Porträt einer verhätschelten Kindfrau nicht über den Abend retten kann. Es kommt dahin, dass sie im letzten Akt, als Ljuba ihr Haus verlassen muss, noch einmal „sich hinsetzen und die Zimmer betrachten“ will, und der Zuschauer nur hofft: Bitte nicht. Bitte zum Ende kommen.

13., 19., 27.9., 14., 25.10.,

Tel. 0234 / 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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