Buchkritik

T. C. Boyles spannender Roman „Sprich mit mir“: Wie viel Bewusstsein hat ein Affe?

Der nächste Verwandte des Menschen im Tierreich: Darf man Schimpansen einsperren? Diese Frage wirft T. C. Boyles Roman „Sprich mit mir“ auf.
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Der nächste Verwandte des Menschen im Tierreich: Darf man Schimpansen einsperren? Diese Frage wirft T. C. Boyles Roman „Sprich mit mir“ auf.

Was wäre, wenn King Kong kein hausgroßer Gorilla gewesen wäre, dessen Monstrosität auf den ersten Blick auffällt? Was wäre, wenn die Frau auf einen niedlichen Schimpansen träfe, den eigentlich alle Leute „süß“ finden?

Sam in Thomas Coraghessan Boyles Roman „Sprich mit mir“ ist so eine Figur. Sam wird von Verhaltensforschern aufgezogen wie ein Mensch. Und er lernt sprechen. Nicht mit Lauten, das ist Schimpansen schon anatomisch nicht möglich. Aber bei der Gebärdensprache sieht das schon anders aus.

Sam wird von seinem Erzieher, dem Psychologen Guy Schermerhorn, ins Fernsehen gebracht. Publikumswirksame Auftritte öffnen vielleicht die Brieftaschen von Sponsoren. Da sieht ihn auch Aimee Villard und ist fasziniert davon, wie er ausdrückt, dass er verrückt ist nach Cheeseburgern. Die Studentin bewirbt sich als wissenschaftliche Hilfskraft. Als Sam und sie aufeinandertreffen, ist es Liebe auf den ersten Blick.

Allerdings erweist sich der Umgang als kompliziert. Sam ist kein Haustier. Er hat mehr Wünsche als nur seine Leibspeisen. Mehrstündiger Sprachunterricht strengt ihn an, er möchte lieber Cartoonserien im Fernsehen anschauen und auf seinen persönlichen Baum klettern. Und er ist schon als zweijähriges, windeltragendes Jungtier stärker als die meisten Menschen. Aimee bekommt den Job, weil Sam gerade ihre Vorgängerin ins Gesicht gebissen hat. Doch bei der Neuen benimmt er sich, vielleicht, weil sie ihn verwöhnt. Er bekommt Pizza, Pfirsichjoghurt, Wein, auch mal einen Joint, weil er danach besser schläft. Und im Bett ist er nicht allein. Aimee liest ihm erst aus seinem Lieblingsbuch vor („I am Sam“ von Dr. Seuss) und liegt auch nachts neben ihm. Das gibt ihm ein Gefühl von Sicherheit.

Die anfängliche Harmonie bei dem Projekt wird allerdings gestört, als ein anderer Affenforscher und Sprachexperte einen kritischen Aufsatz in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht. Darin bezweifelt er, dass Sam und seine Artgenossen wirklich eigene Gedanken ausdrücken. Vielleicht imitieren sie einfach ihre Lehrer, um das nächste Leckerli zu bekommen. Für Schermerhorns Projekt mit Sam bedeutet das das Aus. Denn Sam gehört dessen Professor, Donald Moncrief. Und wenn keine Fördermittel für Sprachforschung mehr fließen, dann taugt auch der klügste Affe nur noch für biologische Laborversuche, zum Beispiel in der AIDS-Forschung. Sam bedeutet für den sinistren Moncrief vor allem eins: Zehntausend Dollar. Der Professor holt ihn sich zurück in seine Zuchtanlage, um wieder einen Schimpansen aus ihm zu machen, wie er es ausdrückt. Schermerhorn gibt nach. Aimee aber reist ihrem Freund nach und plant die gemeinsame Flucht. Mit katastrophalen, blutigen Folgen.

T. C. Boyle hat sich für sein Tierversuchsdrama von tatsächlichen Forschungen in den 1970er und 1980er Jahren inspirieren lassen. Es gibt berühmte Affen wie die Schimpansin Washoe und das Gorillaweibchen Koko, die nicht nur die Gebärdensprache erlernten, sondern auch ungewöhnlich menschliches Verhalten annahmen.

Bei dem US-Bestsellerautor bekommt Sam ein Bewusstsein und sogar eine Stimme. In eingeschobenen kurzen Kapiteln blickt der Leser durch Sams Augen, wenn er in den Käfig gesperrt wird, mit Artgenossen, die er nicht kennt und die er als „schwarze Käfer“ ansieht, weil sie auf seine Gebärden nicht antworten.

Boyle wechselt auch sonst die Perspektive, bleibt mal bei Aimee, die Sam als Person ansieht und nicht als Tier, über das verfügt werden darf, wechselt dann zu Schermerhorn, der distanzierter ist und vor allem seine Karriere in den Blick nimmt. Und was anfangs vielleicht als etwas schräge Idee, als Fantasy erscheint, entpuppt sich als realistischer, wissenschaftskritischer, faktensatter Roman. Man kann das Geschehen datieren: Aimee liebt die „neue Platte“ der Talking Heads, die 1978 herauskam. Man erfährt viel über Schimpansen: dass ihre DNA mit der menschlichen zu mehr als 98 Prozent übereinstimmt, zum Beispiel. Dass sie eben nicht die niedlichen Kuschelgeschöpfe aus dem Dschungel sind, als die man sie mit ihren runden Köpfen, großen Augen und Ohren wahrnimmt. Sie sind auch Fleischfresser, die auf Tiere Jagd machen. Sie haben Reißzähne und eine ausgeprägte Muskulatur, die einen ausgewachsenen Schimpansen doppelt so stark macht wie einen Mann. Insoweit ist es keine gute Idee, Aimee anzugreifen. Oder so auszusehen wie der Mann, der Sam im Käfig mit dem Elektroschocker disziplinierte.

Boyles rasanter Roman, mal eine Frau-Tier-Romanze, mal Labor-Horror, mal Roadmovie, verhandelt einige hochaktuelle moralische Fragen. Wie darf der Mensch mit seinen nächsten Verwandten umgehen? Haben Tiere Gefühle, Bewusstsein, und daraus resultierend: Rechte? Wo stehen Menschenaffen im ethischen Kosmos? Kann man einen Schimpansen besitzen? Boyle treibt das argumentative Spiel auf die Spitze, indem er die Flüchtenden auf einen katholischen Priester treffen lässt. Pater Curran führt philosophische Gespräche mit Sam und tauft ihn schließlich sogar. Wobei Boyle es nicht übertreibt: Bei der Feier ist der Täufling Schimpanse genug und beißt in die Kerze.

Das macht Boyles Buch zu einem Höhepunkt des Buchfrühlings: Wie er aus einem allgemeinen Problem eine konkrete Geschichte macht, wie er darin Gags, Spannung, Rührung genau richtig dosiert. Am Ende des Films war King Kong das menschlichste Wesen, und der Zuschauer trauert um ihn. Sam geht es nicht viel anders, und seine Gedanken sind viel erstaunlicher als ein monströser Leib.

T. C. Boyle: Sprich mit mir. Deutsch von Dirk van Gunsteren. C. Hanser Verlag, München. 349 S., 25 Euro

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