Choreograf Xin Peng Wang wagt sich in Dortmund an Dante: „Inferno“

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Der Körper als Projektionsfläche des Leids: Szene aus Xin Peng Wangs Choreografie „Inferno“ in Dortmund mit Francesco Nigro, Sae Tamura und Erik Sosa Sánchez.

DORTMUND - Man könnte sich fragen, ob Xin Peng Wang manchmal Angst hat. Der Dortmunder Ballettchef hat sich in den vergangenen Jahren die großen Werken der Weltliteratur vorgenommen und daraus abstrakte Handlungsballette voller psychoanalytisch fundierter Anspielungen gemacht.

Er machte aus dem gigantischen, vielsträngigen chinesischen Roman „Der Traum der roten Kammer“ eine Reflexion über Zeit und Identität. Er nahm sich „Faust“ vor und dachte im zweiten Teil über das Schicksal von Flüchtlingen nach. Nun soll es Dantes „Göttliche Komödie“ sein. Mit „Inferno“ geht es los, am Ende, 2021, will Wang alle Teile präsentieren: die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies.

„Inferno“ wurde bei der Premiere in der Dortmunder Oper bejubelt, vor allem wegen des Ensembles, das eine 75-minütige Tour de force absolviert. Die Choreografie Wangs fusioniert bravourös Neoklassik und Modern Dance, angereichert mit Tanztheater und Akrobatik. Weit und breit keine Spitzenschuhe. „Inferno“ lebt von einer Vielfalt sich bewegender Körper. Mehrfach lässt Wang eine Sequenz mal von Männern, mal von Frauen wiederholen und kostet die Spannung aus, die der Auftritt unterschiedlicher Körper den Schritten verleiht.

Mit dem Dortmunder Ensemble und dem NRW-Jugendballett stehen eine Menge Leute auf der Bühne. Die Wucht der Körper verbindet sich mit der Wucht der Musik. Wang hat eine Komposition des Amerikaners Michael Gordon gewählt, eines Postminimalisten, der Einflüsse von Rock und Punk verarbeitete. „Decasia“ ergibt einen Höllensoundtrack. Der Beat schlägt wie ein Herzschlag in Panik. Geigen spielen fallende Skalen, als Echo fallender Körper. Nicht umsonst werden Tänzer als verschnürte Körper von der Decke gelassen. Auf ihre Trikots sind Muskeln und Sehnen gemalt. Die Körper sind Projektionsflächen des Leidens.

Musik und Choreografie sind denkbar geschickt abgestimmt; das erzeugt einen Sog, der die 75 Minuten trägt. Die Kreise der Hölle finden sich in Pirouetten, Sprüngen, der in sich und umeinander kreisenden Gruppe wieder.

„Inferno“ ist auch ein gutes Stück Überwältigungstheater. Wang und sein Dramaturg Christian Baier bleiben abstrakt. Episoden von Dante werden nicht erzählt. Die Höllenkreise werden verbildlicht durch eine Trichterkonstruktion, die im Hintergrund bleibt (Bühne: Frank Fellmann). Das Gefängnis, deutet das an, ist im Kopf. Diese Idee hebt „Inferno“ von der Ebene der Kunstreflexion auf die innere Bühne. Deshalb zucken die Tänzer wie Zombies, recken Krallenhände, schwingen Ketten, bis man denkt, hier sei das Berghain mit Bondage-Thema. Es geht aber in Wirklichkeit um einen verunsicherten Menschen.

Dante ist eine von vier hervorgehobenen Rollen. Javier Cacheiro Alemán tanzt einen jungen Mann ohne Ziel, das menschliche Äquivalent einer weißen Wand. Vergil, sein Führer durch die Hölle, wird dargestellt von dem kühl-klassischen Dustin True, der sich als Führer in die Abgründe entpuppt. Charon (Cyril Pierre) lenkt mit Paddel und Zottelhaar die Untoten. Eigentlich spannend ist der Charakter der Beatrice (der Dortmunder Gast-Star Lucia Lacarra).

Beatrice hat vier Begegnungen mit Dante. Sie liegt zunächst in seinen Armen wie ein Traumbild in Chiffon. Ihre und seine Blicke gehen aneinander vorbei. So funktionieren die ersten beiden Duette. Das dritte lebt von ihren Blicken. Wohin sie schaut, da spielt die Musik. Zuletzt hat sie ihm den Kopf verdreht und steht triumphierend an der Rampe wie die Königin der Hölle persönlich.

Was für ein Abend. Man darf gespannt sein, wie Wang nach diesem Gruppenabend mit Dame seinen Blick auf seine Figuren schärft: im „Fegefeuer“ 2019.

10., 11., 7., 23., 25., 29.11., 24.1.2019, Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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