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Christoph Rüping bringt Dante nach Bochum: „Das neue Leben“

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Von: Ralf Stiftel

Szene aus „Das neue Leben“ in Bochum mit Anna Drexler, Anne Rietmeijer, William Cooper und Damian Rebgetz
Szene aus „Das neue Leben“ in Bochum mit Anna Drexler, Anne Rietmeijer, William Cooper und Damian Rebgetz (von links). © Joerg Brueggemann / OSTKREUZ

Bochum – Man sieht es in Anna Drexlers Augen. Sie strahlen, wenn die Schauspielerin sich in den verliebten Dante einfühlt, dessen 700. Todestag gerade gefeiert wird. Man spürt in allen Akteuren im Schauspielhaus Bochum diese unbändige Freude, wieder in Rollen schlüpfen zu dürfen. Der Renaissancedichter hat der Welt eine der archetypischen Liebesgeschichten geschenkt, eine, die er selbst erlebt hat. Dante liebt Beatrice. Schon von der ersten Begegnung an, als beide noch neun Jahre jung waren. Unvergesslich wird die Geschichte aus zwei Gründen: Sie blieb unerfüllt. Bevor er sich ihr erklären konnte, fiel sie der Seuche zum Opfer, die damals umging. Und sie lieferte dem Poeten den Stoff für große Texte: Sonette, Kanzonen, Erzählungen.

In Bochum inszeniert Christopher Rüping Dantes frühe autobiografische Erzählung „Vita nova“. Nicht als direkte Umsetzung, sondern als Remix mit Ausschweifungen und einmontierten Pop-Hits. Doch im Stück „Das neue Leben“ verflacht nichts zum gefälligen Melodienreigen. Der erfolgreiche Regisseur, der mehrmals zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, verbindet eine strenge Form mit einer unbändigen Verspieltheit. Die mehr als zwei pausenlosen Stunden berühren überaus unterhaltsam existenzielle Fragen, sind mal tief philosophisch, dann wieder unbeschwert albern. Mit leichter Hand rückt die Inszenierung den toten alten Dichter ganz nah an die Gegenwart. Eine Seuche, jaja, die hat uns noch immer im Griff. Und wie man Beziehungen führt, wie man sein Leben richtig lebt, das bewegt auch im Digitalzeitalter.

Vier Schauspieler sprechen reihum die Lebensbeichte des jungen Dante von seiner heimlichen, verzehrenden Liebe zur unnahbaren Beatrice. Damian Rebgetz, Anna Drexler, Anne Rietmeijer, William Cooper wählen zunächst immer ein leichtes, alltagsnahes Parlando, einen beiläufigen Ton, der das Theaterpathos verweigert. Wenn die Geliebte den Schmachtenden bei einer Zufallsbegegnung auf der Straße grüßt, dann wird das in mehreren Anläufen nachgestellt, Drexler winkt zaghaft, und Cooper und Rietmeijer erwidern als Doppel-Beatrice die Geste.

Dann verdichtet sich das Geschehen, so wie Dantes Text, bei dem jede emotionale Spannung in einem Sonett oder einer Kanzone kulminiert. Es ist ein sehr dynamischer Abend, voller Bewegung und Aktion.

Man kann sich den Erzähler als Moderator einer Hitparade vorstellen. Als fünfter Akteur steht ein automatisches Klavier auf der Bühne, das sehr eigenwillig reagiert, manchmal unvermittelt losklimpert als Soundtrack zur Love Story. Als Drexler nach dem nicht erwiderten Gruß Beatrices ihre Verletzung schildern will, als sie mit den Worten ringt, dass man nicht sagen kann, ob sie wirklich hängt oder nur Sprachlosigkeit mimt, dann mündet das in Gesang. Sie will Britney Spears‘ Hit „Baby One More Time“ anstimmen. Aber das Klavier ist nicht ihr Freund, verdichtet nach den Eingangsakkorden die Begleitung zu einer barocken Fuge, die Drexler aus der Bahn wirft. Ein emotionales Fiasko. Eine Verletzung, die man nachfühlt. Auch andere Popsongs wie Whitney Houstons „I Will Always Love You“ und Meat Loafs „I‘d Do Anything for Love“ werden nicht einfach reproduziert, sondern lösen eigene Szenen aus (Musik: Jonas Holle, Paul Hankinson).

Immer wieder eskaliert das Spiel. William Cooper bedrängt Rebgetz, der als Dante seine Liebe nicht eingestehen will. Er redet auf den verlegen Zaudernden ein: „Sag‘s einfach. Weil‘s nervt. Nun spuck‘s doch endlich aus!“

Die Dame, die fälschlich für Dantes Geliebte gehalten wird, weil sie zwischen ihm und der angeschmachteten Beatrice saß, die heißt hier Elke. Warum auch nicht?

Anne Rietmeijer verwandelt das Sonett über den Tod in einen furiosen Wutausbruch, eine schäumende Beschimpfungssuada: „Nimm dein Scheiß-Virus und lass uns mal in Ruhe!“

Und als Drexler dann wieder über die Liebe spricht, von der es vielleicht genügt zu wissen, dass es sie da draußen gibt, da küssen sich die übrigen drei, die am Klavier sitzen, reihum, innig, ein konkret sinnliches, körperliches Bild von Erotik, wie man es lange nicht live auf Bühnen sehen durfte. Ein Schockmoment. Ein neues Leben. Möglich durch Impfstoff.

Auch Dantes Höllenfahrt (ein Vorgriff auf die „Göttliche Komödie“) wird ins Bild gesetzt. Da fährt eine grell leuchtende Laterne vom Bühnenhimmel, Dunkel, Kunstnebel, wummernde Elektroklänge. Durch diese Szenerie lässt Rüping ein stoffwehendes Gespenst huschen, eine Raupe kriechen. Das währt lange, wohl zu lange. Aber man soll das Inferno ein wenig mitleiden. Und dann hat eine weiße Gestalt ihren Auftritt: Viviane de Muynck ist Beatrice, die im Jenseits gegenübertritt. Die 75-jährige Belgierin gibt all dem Liebespathos, das trotz allen Ironisierungen vorher aufkam, eine feine Wendung. Die Gefühle des Erzählers werden befragt. „Du hast dir mich anders vorgestellt, rosige Wangen, feine Glieder, Arschgeweih, oh je...“

In Bochum bleibt Rüping ganz bei Dantes Geschichte und holt sie doch über die Epochendistanz in die Gegenwart. Es gibt so viele Momente puren Theatervergnügens, angefangen bei der Spielfreude der Akteure. Die ironische Brechung, das Einziehen der Metaebene. Die überwältigenden Bilder (Bühne: Peter Baur, Kostüme: Lene Schwind, Lichtdesign: Bernd Felder). Die Premiere wurde minutenlang bejubelt.

19.9, 10.10.,

Tel. 0234/ 3333 5555, www. schauspielhausbochum.de

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