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Der Skulpturenpark Waldfrieden zeigt Monumentales von Anish Kapoor

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Von: Ralf Stiftel

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Anish Kapoors Skulptur „Sectional Body Preparing for Monadic Singularity“ (2015) ist im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal
Wuchtige Kunst in der Natur: Anish Kapoors Skulptur „Sectional Body Preparing for Monadic Singularity“ (2015) ist im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal zu sehen. © Ralf Stiftel

Wuppertal – Ein gewaltiger Würfel steht auf der Lichtung im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal. 7,32 Meter Kantenlänge, die Seiten abwechselnd rot und schwarz. Eingelassen in die Flächen sind tiefe Öffnungen. Von ihnen durchziehen Schläuche das Objekt, wie Adern oder Gehörgänge. Man kann das Kunstwerk betreten und blickt im rötlichen Dämmerlicht auf die Schläuche, durch die Tageslicht fällt. Der wuchtige Brocken verliert seine Masse, wird zum verletzlichen Körper. Oder auch zu einer beiläufigen Architektur.

Der indisch-britische Bildhauer Anish Kapoor spielt in seiner Skulptur „Sectional Body Preparing for Monadic Singularity“ mit Mehrdeutigkeit. Die Grundform ist bestimmt von strenger Geometrie. Aber unter den rot leuchtenden Schlauch-Adern fühlt man sich wie ein winziger Gast in einem Wesen. Ein wenig Philosophie spielt mit, Kapoor tritt wie ein Kunst-Chirurg auf, der einen Würfel aus einem viel größeren Organismus schneidet. Und er stellt dem Betrachter existenzielle Fragen, lässt ihn sich klein und isoliert fühlen. Eine Monade, ein isoliertes Wesen im großen, undurchschaubaren Universum.

Tony Cragg, Künstler, bis 2013 Rektor der Kunstakademie Düsseldorf und Betreiber des Skulpturenparks, kennt Anish Kapoor aus seiner Zeit als Student am Royal College of Art in London in den 1970er Jahren. Mit solchem engen persönlichen Kontakt konnte er eine kleine, aber spektakuläre Ausstellung nach Wuppertal holen. Die monumentale Arbeit fügt sich wunderbar in die Szenerie aus einer Lichtung in einem hügeligen Wald. Schon beim Anstieg leuchtet der Würfel durch das Grün. Das Thema der Arbeit, die Unentschiedenheit zwischen Künstlichkeit und Natur, wird durch die Platzierung noch unterstrichen.

In der Ausstellungshalle stellen weitere Arbeiten ganz andere Fragen. Hier ist Drama angesagt. Kapoor ist eigentlich bekannt für Arbeiten, die mit Wahrnehmung spielen. Das können große, polierte Stahlobjekte sein, die wie Spiegel mit ihrer Umgebung interagieren. Oder tiefschwarze Kreise am Boden, Kugelabschnitte an den Wänden, die wie Löcher in die Wirklichkeit ragen (Kapoor hat sich ein spezielles, besonders lichtabsorbierendes Schwarz für seine Kunst schützen lassen).

Die Arbeiten in Wuppertal zeigen nichts davon, stattdessen scheint der Besucher in ein Schlachthaus geraten. Cragg scheint selbst überrascht von der Härte der Objekte, die Kapoor auswählte. Cragg spricht von einer „fordernden Bildsprache“. Hier dominiert Rot, blutiges Rot. „Threshold Door“ (2019) ist ein hölzernes Portal, das geradezu gebadet zu sein scheint in Blut und Schleim. Kapoor füllte eine Art Wanne mit einer Masse aus Harz, dem rote Pigmente beigemischt wurden. Schlieren laufen an der Wand herab, unten scheinen Pfützen in der schmierigen Masse zu stehen. Vor diesem Objekt denkt man an Gewalt und Verletzung. Anish Kapoor, zur Präsentation der Ausstellung per Video zugeschaltet, weist solche Assoziationen allerdings zurück. Er verstehe das Rot als Farbe der Erde. Er verweist auf Jackson Pollock, der malte, indem er Farbe, die man für andere Flüssigkeiten wie Blut oder Samen nehmen könne, auf die am Boden liegende Leinwand tropfte. Indem er die Leinwand aufhob und an die Wand brachte, habe er sie von der Erde in Himmel verwandelt. Kapoors Arbeiten wecken allerdings andere Gedanken als an solche metaphysische Transsubstantiation. Beim „Table of Law“ (2020/2021) liegt in einem massiven Stahlgestell ein Knäuel aus Stoff und Silikon, das an ausgeweidete Innereien erinnert. Auch das Gesetz scheint ein blutig-brutales Geschäft zu sein. Bei „Dumped“ liegt eine formlose Masse in einem aus Stahlplatten gebildeten Raumwinkel.

Man denkt, dass nach dem Ableben der Orgien- und Mysteriengeist Hermann Nitschs in Kapoor gefahren sei. Aber das führt in die Irre. Der Wiener Aktionskünstler verwendete oft echtes Blut und echte Organe, bei Kapoor ist alles Farbe. Und die Faszination davon ist durchaus eine Konstante in Kapoors Werk. Was das organisch gesetzte massive Rot einschließt.

Insoweit reagiert der Künstler mit diesen Werken auch nicht auf aktuelle politische Entwicklungen, wie er betont. Schon die Entstehungszeit schließt das aus: „Shade“, eine zwei Meter hohe Zusammenballung aus Silikonklumpen in einer transparenten Gazehülle, die auch wie der Rest eines Gemetzels wirkt, stammt von 2016. Kapoor selbst sieht die Beziehung seiner Kunst zur Realität anders: Sinn entsteht da aus der Begegnung zwischen dem Objekt und dem Betrachter. „The object is never innocent“, sagt er, das Kunstwerk ist nie unschuldig.

Bis 1.1.2023,

di – so 11 – 18 Uhr, ab 1.11. fr – so 11 – 17 Uhr,

Tel. 0202/ 4789 8120

www.skulpturenpark-waldfrieden.de

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