„Die Show“: Der TV-Klassiker „Das Millionenspiel“ auf der Bühne

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Gehetzt vom „Kommando“ aus drei Killern: Sebastian Kuschmann ist der Kandidat der „Die Show“, der Dortmunder Fortschreibung von Wolfgang Menges TV-Klassiker „Das Millionenspiel“.

Dortmund - Dagegen ist eine Dschungelprüfung ein Kindergeburtstag: Der Kandidat steht barfuß auf zwei Eisblöcken, während ihm der Oberkörper mit Heizsonnen bestrahlt wird. Zehn Stunden lang. Der Chef des „Kommandos“ spielt auf dem Handy den Werbesong „Like Ice In The Sunshine“. Wie gemein, findet das launige Moderatorenpaar. Und beginnt dann doch ein munteres Tänzchen.

„Die Show“ klingt nicht mehr so harmlos, wenn man es englisch ausspricht. Das Schauspiel Dortmund bringt ein Fernseh-Format auf die Bühne, das noch die übelsten Casting- und Scripted-Reality-Verbrechen der Privatsender übertrifft. Die „Sterbe-Show“ liefert Bernhard Lotz (Sebastian Kuschmann) eine Woche lang dem „Kommando“ aus, drei Killern, die am letzten Tag die Lizenz zum Töten erhalten. Lotz, Bäcker und Freizeit-Kampfsportler, gewinnt eine Million Euro – wenn er überlebt.

Die Geschichte gab es schon einmal. 1970 schockten Regisseur Tom Toelle und Autor Wolfgang Menge Fernsehdeutschland mit dem „Millionenspiel“. Sie nahmen viele Auswüchse des Privatfernsehens vorweg, bevor es auf Sendung war.

Der Dortmunder Intendant Kay Voges, der auch Regie führt, Anne-Kathrin Schulz und Alexander Kerlin haben das „Millionenspiel“ der Medienrealität 2.0 angepasst. Die Uraufführung funktioniert schon deshalb so gut, weil eine Live-Show im Ursprung auf einer Bühne produziert wird. Darum gibt es Showtreppe, Sitzgruppe, Band (um Tommy Finke) und ein grandios getroffenes, von Grund auf verlogenes Moderatorenpaar Ulla (Julia Schubert mit herrlichem Linda-de-Mol-Zungenschlag) und Bodo (Frank Genser als Lanz-Verschnitt, der nie um einen Kalenderspruch verlegen ist). Aber man hat auch einen jovialen Warm-Upper (Carlos Lobo), der das Publikum auf klatschfreudige Betriebstemperatur bringt, und eine Aufnahmeleiterin (Wiebke Rüter), die das Ende der Werbepause anzählt.

45 Jahre nach der TV-Ausstrahlung war genug Zeit, den Zynismus des Unterhaltungsfernsehens zu beobachten. Und so arbeiten Voges und sein Team in ihrer monumentalen Produktion das ein, was Toelle und Menge noch nicht ahnen konnten. Die ganze Entertainment-Klaviatur findet sich in prägnanten Beispielen. So hat die „Die Show“ eine klare Dramaturgie. Am Anfang wird Lotz vom Killer-Trio entkleidet, ihm wird alles abgenommen. Er bekommt ein rosa Ballett-Tütü und muss sich im Stadtraum bewähren. Es folgen Tagesaufgaben, die in Filmeinspielungen rekapituliert werden. Es wird kräftig gemenschelt, Lotz‘ Mutter (Uwe Schmieder) kommt in die Show. Ihre Tränen sollen Zuschauer rühren. Am liebsten mit einer zusätzlich abenteuerlichen Lebensgeschichte: Lotz‘ Mutter ist eigentlich sein Vater, einstiger Olympia-Ringer der DDR, in den Westen geflohen und dort einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Aberwitzig, klar, aber auch eine Story, die jeder Privatsender mit Kusshand nähme.

Regelmäßig wird eine TV-Expertin befragt, wie viele Zuschauer Lotz Erfolg wünschen oder ihn sterben sehen wollen. Und das Publikum darf sogar in einer Szene per Anruf entscheiden, ob Lotz ärztliche Hilfe bekommt oder nicht. Seine Krankenkarte wurde ihm ja abgenommen.

Weil das Team die Show-Mechanismen so genau analysiert hat, wirkt die Aufführung so unheimlich realistisch. Je mehr Moderator Bodo die Mutter erschreckt, desto näher rückt er ihr. Herrlich schräge „Stargast“-Auftritte gibt es, ein Musicalsänger (Sebastian Graf) beglückt die Mutter mit seiner CD. Eva Verena Müller ist erst japanischer Teenie-Star im Cosplay-Look, dann ätherische Artrock-Künstlerin und parodiert Synchronübersetzungspausen. Und die Inszenierung setzt virtuos Schnitttechniken ein (Director of Photography: Voxi Bärenklau). Immer wieder werden kurze Momente des leidenden Bernhard Lotz als Ikonen eingeblendet, sei es in Jingles, sei es in den Videobildern zu den Shownummern. So verdichtet das Fernsehen (und auch die „Die Show“) das Geschehen zu einem Markenprodukt. Und wenn ein Zuschauer auf der Bühne protestiert und von Ordnern beiseitegezerrt wird, übertrumpft der fiktive Bodo Aschenbach den realen Jauch (der als Vorbild diente) und holt den Mann zurück: „Wir sind doch nicht in Russland.“ Um ihn dann erst recht nicht zu Wort kommen zu lassen.

Auch die fluffige, auf Gags getrimmte Sprache ist bis in die Entgleisungen getroffen. Aschenbach sagt, er empfinde ein „Schaumbad der Gefühle“ und freut sich, was der Kandidat Lotz „alles gebacken“ kriegt. Kein Kalauer ist zu billig. Ein „Charity-Projekt“ gegen Brustkrebs heißt „Noten gegen Knoten“.

Drei Stunden ohne Pause, fast wie bei Gottschalk. Die Mediensatire ist deutlich unterhaltsamer als die Vorlagen. Und sie legt dabei auch noch das unausgesprochene Programm der Shows frei, unaufdringlich, ohne in den Zeigegestus zu verfallen: Kommerz, Egoismus, Menschenverachtung, Nationalgefühl. Ist das wirklich beruhigend, wenn der Chefkiller versichert: „Solange das Kommando unterwegs ist, muss sich Deutschland keine Sorgen vor Flüchtlingen machen.“

29.8., 13., 30.9., 10.10., 12.11.; Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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