Formen aus Wasser und Sand

Die Städtische Galerie Iserlohn zeigt Küstenfotografien von Theo Bosboom

Theo Bosbooms Aufnahme „Stürmisches Meer – Island“
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Das filigrane Spiel der Tropfen: Theo Bosbooms Aufnahme „Stürmisches Meer – Island“ ist in Iserlohn zu sehen. Foto: Theo Bosboom

Die ganze Wucht des Meeres entlädt sich in der gestaffelten Woge, die in drei immer höheren Stufen auf den Betrachter zuläuft. Über jeder dieser Wellen steht ein Hof aus Gischt. Die großformatige Fotografie spielt mit der Farbe, der Meeresspiegel vorn ist blau, der Himmel lichtbraun. 

Und Theo Bosboom ist es gelungen, einen Moment so einzufangen, dass man jeden Tropfen einzeln zu sehen glaubt. Wie die vorderste Front sich oben in ein filigranes Muster aus Spritzern und Wirbeln auflöst, wie die Dynamik des Elements zum Bild erstarrt, das ist ein grandioser Anblick.

Man kann die Bilder des niederländischen Fotografen in der Städtischen Galerie Iserlohn betrachten. In der Ausstellung „Shaped By The Sea“ hängen rund 50 Aufnahmen, die an der Atlantikküste Europas zwischen Norwegen und Portugal entstanden. Bosboom war ursprünglich Jurist, erfolgreicher Fachanwalt für Urheberrecht. 2013 gab er diesen Beruf auf und widmete sich hauptberuflich der Fotografie. Inzwischen hat er eine Reihe von Preisen gewonnen, arbeitet für Magazine wie National Geographic und Geo. Die Ausstellung war früher geplant, coronabedingt wurde sie verschoben und war zuerst im Stadtmuseum Schleswig zu sehen, mit dem Iserlohn kooperiert.

Drei Jahre lang hat Bosboom an diesem Projekt gearbeitet. Natürlich hat er dabei auch das Erwartbare aufgenommen, Totalen über das Meer mit dem beeindruckenden Blick auf schroffe Felsen, die einen Kontrast zum glatten Meeresspiegel bilden. In der Aufnahme „Yin und Yang“ von den Färöer Inseln teilt die Linie zwischen Wasser und grobem Sand das Bild. Man blickt in eine symmetrische Komposition, die am Horizont von Bergen rechts und links begrenzt wird. Eine Serie von drei Bildern zeigt Möwen, die über stürmischen Wogen kreisen.

Aber die meisten Aufnahmen Bosbooms funktionieren anders. Oft braucht man den Bildtitel, um das exakte Motiv zu entschlüsseln. Die Luftaufnahme eines verschneiten Strands auf den Färöern könnte ein abstraktes Gemälde sein, eine Komposition aus geometrischen Farbfeldern. Bei einer brechenden Welle, aufgenommen in Schottland, sieht man eine zweigeteilte Fläche, oben ein schmaler weißer Streifen, unten ein breiter türkisgrüner, und eine Struktur aus Punkten und Tupfen erzeugt hellere und dunklere Partien. Er hat ein Auge für das delikate Farbspiel, das einlaufendes, dunkel gefärbtes Wasser aus Torfmoor im Meer erzeugt. Wenn die unterschiedlichen Gesteinsarten es hergeben, fängt er das Spiel der prächtigen Farbkontraste zum Beispiel im Flysch-Gestein in Spanien ein. Er wartet in Schottland die blaue Stunde der Abenddämmerung ab, um diesen besonderen Farbkontrast zu bekommen zwischen dem duftigen, impressionistisch verwischten Dünengras im Vordergrund und den leuchtenden Blautönen von Meer und fernen Bergen dahinter. Und wenn das Spiel der Wogen in den Sand ein verwirrend schönes Muster verschlungener Linien zeichnet, dann wird das ein Motiv für Bosboom („Sandmuster“, Portugal).

Und der Fotograf schaut eben nicht nur auf die prächtigen Panoramen, die Totale, er senkt auch den Blick. Dann sieht er die leere, glänzende und etwas durchscheinende Schale einer Napfschnecke im groben, sehr bunten Sand in Schottland. Als großer Abzug entfaltet das Motiv eine verführerische Anziehungskraft. Das Seegras in einem Gezeitentümpel mit seinen mal gelben, mal rötlichen Farbtönen, unterlegt von bläulichen Schatten und, weil es mal über, mal unter der Wasseroberfläche liegt, unterschiedlicher Strahlkraft wird zur organisch-abstrakten Komposition – als hätte ein Kandinsky hier zum Pinsel gegriffen.

Bosbooms Arbeit ist zuweilen unbequem, gar gefährlich, wie Nahaufnahmen von sturmgepeitschtem Wasser ahnen lassen. Er hat aber auch magische Orte gefunden, wie jene von Napfschnecken besetzten Strandfelsen in Portugal. Da hat er das richtige Licht abgewartet, bis er die sich schier ins Endlose weitende Szenerie aufnahm, bei der die Schneckenhäuser sich in den Felszacken hinten vergrößert zu spiegeln scheinen. Wie das Filmsetting eines Harry-Potter-Streifens wirkt die Treppe aus runden Felsen in Nordirland, die er im Mondlicht fotografierte. In den ruhigen, gleichmäßigen Wellen vor Schottland spiegelt sich der Himmel, durch die Wellenlinien wirkt das Bild wie eine Montage, wie eine Doppelbelichtung.

Manchmal schenkt die Natur dem Fotografen einen kleinen Scherz, wie bei den beiden mit Stengeln bewachsenen, nebeneinander liegenden, zugeschneiten Hügeln in Island. Sie wirken wie zwei Augen, eine Zeichnung, die der Zufall schuf.

Bosboom verzichtet auf genaue Ortsangaben. Er möchte nicht, dass ihm Fototouristen in Scharen nachreisen und vielleicht die unberührte Natur zerstören.

Bis 29.8., mi – fr 15 – 19, sa 11 – 15, so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02371/ 217 1940,

www.galerie-iserlohn.de

Fotobuch (nl./engl.) 49 Eur

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