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„Stranger Than Fiction“ ist in acht Programmkinos zu sehen

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Von: Achim Lettmann

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Eine Kellnerin, die in Detroit vor allem von ihren Trinkgeldern lebt.
Eine Kellnerin, die in Detroit vor allem von ihren Trinkgeldern lebt. © loekenfranke

Der Niedergang der Autoindustrie in Detroit und Bochum ist Thema beim Dokumentarfilmfest „Stranger Than Fiction“, auch im sweetSixteen in Dortmund.

Dortmund/Köln – Für einen „Ruinen-Porno“ braucht man kein Sex-Kino. Es reicht ein Spaziergang über Industriebrachen. Der Strukturwandel im Ruhrgebiet hat viele Stadtviertel zu Kulissen des wirtschaftlichen Zerfalls degradiert. Der Dokumentarfilm „We Are All Detroit“ (118 Min.) reicht nun über den Atlantik und bebildert die Tristesse einer Stadt, die über Jahrzehnte ausschließlich vom Autobau lebte: Detroit. Die Filmemacher Ulrike Franke und Michael Loeken vergleichen die Stadt im amerikanischen Rust Belt mit Bochum, wo die Opel-Werke der Stadt einst ein neues Profil gaben – nach der Bergbaugeschichte. General Motors, früher der größte Automobilkonzern der Welt, prägte beide Städte.

Weshalb GM seine Strahlkraft verloren hat, zeigt der Dokumentarfilm, mit dem am 28. Januar das Festival „Stranger Than Fiction“ im Filmhaus Köln eröffnet wird. Zum 24. Mal findet nun schon das Dokumentarfilmfest statt. Im letzten Jahr mussten die Organisatoren Corona-bedingt auf den Sommer ausweichen – ins Open-Air-Kino. Nun werden zahlreiche Filme bis 6. Februar auch noch in Bochum (Endstation Kino), Brühl, Dortmund (sweetSixteen, ab 29. 1.), Duisburg, Düsseldorf, Essen (Filmstudio Glückauf) und Mülheim angeboten.

In „We Are All Detroit“ spannen historische Aufnahmen vom Opel-Kadett den Bogen bis in die 1960er Jahre, während mit dem Niedergang der Luxusmarke Packard in Detroit schon erste Fabrikhallen schließen mussten. In NRW steht der Ministerpräsident für Anschubfinanzierungen. In Michigan/USA werden nicht mal die Ruinen von den Autokonzernen beseitigt. Förderhilfen für Entlassene? Fehlanzeige. Vor allem eine Kellnerin bleibt in Erinnerung, die von Trinkgeldern in Detroit leben muss, weil ihr Basislohn zu gar nichts mehr reicht. Der Dokumentarfilm nimmt die Position der Arbeiterinnen und Arbeiter ein. Vor allem herrscht ein Gefühl von Ohnmacht vor, auch wenn viele Opelaner an die guten Jahre zurückdenken.

Viele Doku-Filme vermitteln, wie hilflos Betroffene oft sind. Das Filmfest bietet Beispiele aus aller Welt. „La Cen“ (77 Min.) zeichnet die Geschichte eines Atomkraftwerks auf Kuba nach, das 1992 nicht weitergebaut wurde. Julius Dommer (Köln) bietet neben Fidel Castro aus dem Revolutionsarchiv vor allem den sozialistischen Alltag in den Hochhäusern von Cienfuegos („Ciudad Nuclear“), die nach dem Baustopp teilweise Ruinen blieben. Pedro will Kuchen verkaufen, aber erhält keine Lizenz. „Che sagt, man kann dem Imperialismus kein bisschen trauen“, wird ein Mythos zitiert. Eine Russin vermisst Kartoffeln, Wasser gibt es nur zeitweise, der Strom fällt aus, und Kaffee muss angefragt werden: Mangelwirtschaft.

Der sozialen Not begegnet Bobo Dioulasso in der Dokumentation „Garderie Nocturne/Night Nursery“ (67 Min.). Der Filmemacher aus Burkina Faso lässt Sexarbeiterinnen zu Wort kommen, die ihre Babys zu Frau Coda bringen. Sie verwahrt die Kinder, wenn die Mütter keine Zeit haben. Nachtarbeit, Kinderbetreuung und Tanzeinlagen zur Livemusik machen das Leben der Alleinerziehenden aus, die sich in Solidarität üben. Dioulasso lässt in seinem Film die Männer draußen. Großaufnahmen und lange Einstellungen bebildern die soziale Realität einfühlsam – und nicht von oben herab. Sehenswert.

www.strangerthanfiction- nrw.de

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