Edward Quinns Fotografien zu Pablo Picasso in Münster

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„Pablo Picasso mit seiner Tochter Paloma, Vallauris, 1951“ fotografiert von Edward Quinn, zu sehen im Picasso Museum Münster.

Münster - Ist das Genie Picassos zu erkennen? Auf den Fotografien ist ein liebevoller Vater mit Tochter Paloma, 1951, in Vallauris zu sehen; ein gestenreicher Plauderer vor dem Atelier des Fournas, 1953, wo der Künstler zeitweise wohnte; ein Trompetenspieler zeigt sich, belustigt und vergnügt, zu Beginn eines Stierkampfes.

In Picassos Augen ist das Kind im Mann zu entdeckten, und der Fotograf Edward Quinn zeigt es uns. Für den Iren, der als Celebrity- und Pressefotograf unterwegs war, erscheint Picasso auch als „Der rauchende Künstler auf der Sommerkeramikausstellung“, 1951. In Vallauris fotografierte Quinn den Superstar zum ersten Mal. Es wächst eine Freundschaft zwischen beiden, und Picasso spricht ihn in seiner Korrespondenz fortan als „Meinen Freund Quinn“ an.

Das Picasso Museum in Münster zeigt in der Ausstellung „Edward Quinn – Mein Freund Picasso“ 125 Fotografien von 1951 bis 1974 – vor allem schwarzweiß. Die letzten Jahre des „ersten globalen Kunststars“, wie Markus Müller, Direktor des Kunstmuseum Pablo Picasso sagt. Die Schau hat Jean-Louis Andral, Leiter des Musée Picasso in Antibés, konzipiert. Sie war in Südfrankreich und Bratislava zu sehen. Nach Münster folgt noch eine Station in Dublin, wo Quinn (1920–1997) geboren wurde. Er war Autodidakt. Sein Vater arbeitete in der Guiness Brauerei. Als Fotograf folgte Quinn seiner Frau in die Schweiz. Von dort aus kam er an die Côte d’Azur, fotografierte Grace Kelly, Aristoteles Onassis, Brigitte Bardot und die Jet-Set-Größen jener Jahre. Das erste Foto, das er verkaufen konnte, war allerdings ein siegreiches irisches Pferd bei einem Galopprennen in Nizza 1950.

Die Auswahl aus Antibes hangelt sich nicht an Picassos Frauengeschichten entlang. Aber Quinn war Picasso so vertraut, dass er Frauen aufnehmen konnte, die eine Affäre mit dem Künstler hatten, wie Paule de Lazerme. Picasso fummelt 1953 an ihr und einer Kette herum, die er natürlich selbst entworfen hatte. Seine linke Hand hält er in der Hosentasche, eine Kippe im Mundwinkel, alles geschieht irgendwie beiläufig; aus heutiger Sicht, mit dem Bewusstsein, mehr Harmonie zwischen Mann und Frau zu fordern, könnte man meinen selbstgefällig, abfällig – aber das ist eine andere Geschichte.

In Farbe strahlt die Familie Picasso 1953. Francoise Gilot ist mit Paloma und Claude zu sehen. Vati trägt ein türkisfarbenes, derbes Hemd mit Ornamenten, kurze Hose und bequeme Pantoffeln. Es ist heiß. Und Quinn liefert eine Facette vom guten Menschen Picasso. Eine Aufnahme mit der Ziege Esmeralda aus Cannes, 1956, steht dagegen für die Tierliebe des Malers.

Die Fotografen wollten den Ausnahmekünstler ablichten, und der Künstler wollte sein Bild in der Öffentlichkeit kontrollieren. Beide Seiten gingen aufeinander zu, und die Illustrierten gierten weltweit nach Picasso am Strand, im Atelier, vor dem Kunstwerk, bei der Arbeit, mit der Geliebten, in der Ausstellung, beim Stierkampf ...

Brassaï, Man Ray, Robert Capa, David Douglas Duncan..., die besten Lichtbildner haben Picasso vor die Linse bekommen. Aber Quinn durfte in private Sphären, in die Villa La Californie, wo er 1960 auch Jacqueline Roque traf. Ins Schlafzimmer, wo wieder die Pantoffeln zu sehen sind und Picasso in einem dreiteiligen Spiegel vervielfältigt ist. Solche Motive füllten die Illustrierten jener Zeit. Die menschliche Seite eines Stars (Off-Screen-Identity) war eine Projektionsfläche für die Leserinnen und Leser. Picasso machte solche Homestories mit. Er mochte es, zeitgleich göttlich und menschlich zu wirken. Er archivierte alle Presseartikel zu seiner Person, ließ sich Berichte aus London zu seinen Ausstellungen mitbringen und arbeitete an seinem Image als ewig schaffender Künstler, der aus Schrott Gold, nein Kunst, machte. Er konnte beides. „Wenn ich arbeite, dann ruhe ich mich aus; nichts tun oder Besuch empfangen ermüdet mich“, sagte er einmal.

Zwar zählte auch Quinn den Hofberichterstattern – streng genommen –, aber der Ire war ein so guter Fotograf, dass er Picasso selbst inszenierte. Er blieb, wenn die Kollegen zu einem weiteren Shooting fuhren. Er nahm sich Zeit und machte in rund 20 Jahren gut 10 000 Aufnahmen. Sein Nachlass liegt in der Schweiz.

Die Ausstellung in Münster zeigt nicht die Evergreens von Quinn. Zwar ist ein Porträt ausgestellt, das den Künstler in seinem Atelier (Vallauris, 1953) zeigt, und ein Pose Picassos, wenn er eine Porträtzeichnung von Jacques Prévert stolz präsentiert. Aber Quinn findet den agilen Macher auch in stillen Momenten: mit seinen Bildern und Werken von Joan Miró (Mougins, 1962), als gealterten Mann in der Villa- Notre-Dames-de-vie (1971). Vor allem lassen Quinns Porträts eine angenehme Gelassenheit zu. Die Facetten und Masken, die der Superkünstler angenommen und aufgezogen hat, erhalten in Münster eine stille Alternative. So wie das Bild von Jacqueline, die Picassos Hand nach der Operation 1965 in Paris hält. Hier ist die Endlichkeit zu spüren, die Picasso auf den Fotos zu seiner Person, seiner Kunst nie zugelassen hatte.

Edward Quinn profitierte fotografisch von seinen Begegnungen in Südfrankreich. Statt dem hastigen Handwerk mit Blitzlicht zu folgen, ließ er sich auf Alexander Calder, Francis Bacon, Salvador Dali, David Hockney ein. Mit Georg Baselitz, dem deutschen Kunststar, machte er in den 80er Jahren Fotobücher. Auch die beiden verband eine innige Freundschaft. Nur das Genie eines Künstlers hat auch Edward Quinn nicht zeigen können.

Die Schau

Bilder eines Fotografen, der Picasso näher gekommen ist als jeder Kollege. Vielschichtig und erhellend.

Edward Quinn – Mein Freund Picasso im Kunstmuseum Picasso in Münster.

Bis 22. April; di-so 10 bis 18 Uhr; Katalog 29,80 Euro, im Wienand Verlag erschienen.

Tel. 0251/ 4144710

www.kunstmuseum- picasso-muenster.de

Quelle: wa.de

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