„Fressen“ bei den Ruhrfestspielen

Achtung Sahnesprühflasche: Laura (rechts) und Sophia in der Produktion „Fressen“ in Recklinghausen. Foto: Wytyczak

Recklinghausen „Ich habe keinen Bock mehr, meinen Körper zu hassen“, heißt es in der Bühnenshow „Fressen“. In der Halle Ludwig 1/2 in Recklinghausen wendet sich das queerfeministische Theaterkollektiv Henrike Iglesias ab von Selbstvorwürfen, Diätplänen und Schlankheitswahn. Endlich frei vom männlich dominierten Konsumdiktat und hin zum selbstbestimmten Essgefühl! Das ist der Treibstoff und die Erkenntnis dieser Produktion. „Glück hat nichts mit Körpermaßen zu tun“ unterstreicht den appellativen Ton an diesem Abend.

Damit ziehen sich Sophia, Marielle und Laura aber nicht in die feministische Schmollecke zurück. Laura zückt die Sprühsahne wie im Wilden Westen, wer macht mit, schluckt die „Sünde“ oder kippt einen Smoothie, der in Pinnchen serviert wird. Ruppig und anarchisch kommt das rüber („Auf die Fresse, fertig, los!“) und stimuliert nicht jeden zum Mittrinken.

Aber auf Wohlfühlatmosphäre haben Henrike Iglesias auch keinen Bock. Um den Hunger zu stillen, greift Laura in den Nudelberg und stopft sich die Pasta selbst unters Träger-Shirt. Mit solchen Übertreibungen wird die heile Konsumwelt in der Überflussgesellschaft attackiert. Auch die „Meat-Print“-Klamotten (Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff) konterkarieren Genusskultur. T-Bone-Steaks und Würste sind was für Grillmeister und Food-Ideologen, nix für Frauen.

Die Produktion mit den Kammerspielen München und dem Jungen Theater Basel ist derzeit auf Tour. Es gibt szenische Lösungen zu sehen, die am Stadttheater ungewöhnlich sind. Mit elektronisch verfremdeten Stimmen wird ein Brainstorming zu einer spöttischen Selbstbehauptung: „Ich bin doch nicht fett“, „Ich esse ganz viel Gemüse“, „Ich mache die grüne Currypaste immer selbst“. Frauen kommen hier nicht mehr unter Druck. Es wird persönlich, wenn jede ihre Body-Shaming-Story erzählt.

Vorher rauscht die Mikrowelle und bruzzelt das Bratfett in der Pfanne (Sound: Malu Peters). Die Bühne (Fries/Alonso) wird im Zentrum von einem Riesenmaul mit Fangzähnen dominiert. Fahrbare Küchenelemente lassen an Kochstudios denken. Wie kommt Frau da raus? Wenn die Mikrowelle eine Edelstahlspüle trifft und zur Tanzperformance wieder die Sahneflaschen gezückt werden, ist Widerstand angesagt. Cyndi Laupers „Girls Just Want To Have Fun“ und elektronische Beats liefern Energie wie die Vision von einer mehr weiblichen Zukunft. Das amüsiert bei den Ruhrfestspielen, lässt einen schmunzeln und fragen, was den dreien wirklich schmeckt? Bleibt es bei Pizza und Chips mit Senf?

Quelle: wa.de

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