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Friedl Dicker wird Titelheldin im Helios Theater Hamm

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Von: Achim Lettmann

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Kreise und geometrische Formen gehören zum Bühnenbild der Inszenierung „Friedl Dicker“ am Helios Theater Hamm.
Kreise und geometrische Formen gehören zum Bühnenbild der Inszenierung „Friedl Dicker“ am Helios Theater Hamm. Hier proben Josephine Raschke (von links), Bahar Sadafi und Minju Kim. © Bülent Kirschbaum

Das Helios Theater Hamm thematisiert in dem Bühnenstück „Friedl Dicker“ das Leben der Bauhaus-Künstlerin. Am 22. Januar ist Premiere im Kulturbahnhof.

Hamm – „Ich bin ihr noch nie begegnet“, sagt Barbara Kölling, „es gibt kein Buch über sie.“ Die Leiterin des Helios Theaters Hamm hat Friedl Dicker in der Lockdown-Phase entdeckt. Das Theater war Pandemie-bedingt 2020 geschlossen – Zeit für Recherchen. Kölling interessiert sich schon lange für das Bauhaus, die Schule der Gestaltung in Weimar, Dessau, Berlin (1919 bis 1932). Aber Friedl Dicker? Noch heute fehlt ein monografisches Werk, das die Bedeutung der Künstlerin für die Avantgarde der Moderne feststellt.

Mittlerweile hat das Helios Theater ein Stück zu Friedl Dicker entwickelt, das am 22. Januar in Hamm Premiere feiern soll. Es ist eine biografische Annäherung an die österreichische Malerin, Gestalterin, Innenarchitektin und Kunstpädagogin. Die Tochter eines Papierwarenhändlers wurde 1898 in eine jüdisch-bürgerliche Familie geboren. 1944 starb sie im KZ-Auschwitz. Ein wechselvolles Leben endete im Holocaust.

Aber weshalb zählt Dicker, die sich nach ihrer Heirat 1936 in Prag Brandeis nannte, nicht zur ersten Reihe der Bauhaus-Künstlerinnen? Vor allem weil Gunta Stölzl (Textil, Design), Marianne Brandt (Design, Fotografie), Anni Albers (Textil, Grafik) und Marguerite Friedlaender (Keramik) thematisch fokussierter waren. Dicker arbeitete bereits 1915 fürs Theater, ab 1920 für Bühnen in Berlin und Dresden (Kostüme, Bühnenbilder). Sie musste ihr Schulgeld verdienen. Aus Wien brachte sie Kenntnisse in Fotografie und Produktionstechnik mit, hatte die Textilklasse der Kunstgewerbeschule (1914 bis 1916) und Johannes Ittens private Kunstschule besuchte. Sie folgte ihm 1919 ans Weimarer Bauhaus, wo Itten ein Antipode zum Direktor Walter Gropius werden sollte.

Dicker stach aufgrund ihrer Vielseitigkeit am frühen Bauhaus hervor. Sie ging in die Architekturklasse, die für Schülerinnen nicht vorgesehen war. „Sie trug Männerkleidung“, sagt Barbara Kölling, „und sie wurde akzeptiert.“ Sie übernahm mit ihren Freundinnen Anny Wottitz und Margit Téry-Adler Buchbinderarbeiten, sie lernte Lithografie bei Lyonel Feininger, half bei der Textilproduktion zusammen mit Walter Gropius und war 1921 von Paul Klees Malerei fasziniert. Klees Motivik und sein Kunstbegriff inspirierten sie zur Arbeit mit Kindern.

Friedl Dickers vielfältiges Interesse an künstlerischen Prozessen findet sich auch auf der Bühne des Helios Theaters wieder. Einbauten basieren auf der konstruktiven Sprache des Bauhauses. Ringe, geometrische Formen und textile Raumteiler machen Materialien spürbar. Zeichnungen auf breiten Papierrollen gehen über die grafische Kunst hinaus und führen bis in Dickers Kindheit zurück, als sie im Papierwarenladen des Vaters groß wurde. Die Bühne hat Künstlerin Krista Burger eingerichtet.

Für das Helios Theater, das Stücke für Kinder und Jugendliche entwickelt, ist Friedl Dicker auch als Frau ihrer Zeit interessant. „Wie war das Frauenbild vor 100 Jahren“, fragt Barbara Kölling und will ihrem Publikum zeigen, welchen Mut Frauen damals aufbrachten, um sich zu behaupten. „Ich spreche heute gern mit jungen Frauen über Traditionsbilder“, sagt Barbara Kölling. Am Bauhaus gab es letztlich mit Gunta Stölzl nur eine Meisterin. Walter Gropius bangte um das Renommee seiner Kunstschule, weil über 50 Prozent Schülerinnen am Unterricht teilnahmen. In einer Zeit, als deutsche Hochschulen erstmals für Studentinnen geöffnet wurden, war das ein ungewöhnlicher Wert. Aber auch am Bauhaus wollten Frauen nicht nur Stoffe weben und mit Ton töpfern.

1923 verließ Dicker nach ihrem Studienabschluss Weimar und gründete mit Franz Singer die „Werkstätten Bildender Kunst“ in Berlin. Angeboten wurden Spielzeug, Schmuck, Textil- und Buchbinderarbeiten sowie Grafiken und Theaterausstattungen. Neben dem beruflichen Erfolg litt Friedl Dicker an der On-Off-Beziehung zu Franz Singer. Der Architekt war seit 1921 verheiratet und Vater eines Sohnes. Ihm zuliebe brach Dicker ihre Schwangerschaften ab.

In dem Stück „Friedl Dicker“ – „für alle ab 14 Jahren“ – ist dieser Beziehungsaspekt wichtig, um den kunsthistorischen Stoff für Jugendliche interessant zu machen. Regisseurin Barbara Kölling ist sich ganz sicher, dass junge Menschen die Fragen nach Zuneigung, freier Liebe und danach, weshalb man zusammen bleibt, wichtig sind. „Liebeskummer ist ein Rest von Eifersucht“, wird Franz Singer im Stück zitiert.

Mit ihrem Spielansatz gibt Kölling der Hauptperson mehrere Optionen. Drei Schauspielerinnen berichten über die Bauhaus-Künstlerin und verkörpern sie auf der Bühne. Kölling setzt dramaturgisch nicht auf Identifikation mit der Titelfigur. Ihr sind assoziative Angebote wichtig. Danach ist auch die Bühne offen gestaltet. Das Publikum erlebt verschiedene Spielszenen und Lichtbildtechniken. Dicker wird als Frau in einer Zeit vorgestellt, die bewegt.

1925 ging Friedl Dicker zurück nach Wien, wo sie ein Textilatelier betrieb. Als Singer ihr nachzog, eröffneten sie das Architekturbüro Singer-Dicker. Ihre praktischen Lösungen waren der Inbegriff des Modernen: stapelbare Stühle, Klappsofas, bewegliche Lampen. Singer-Dicker waren allerdings nur noch geschäftlich verbunden.

1930 richtete Dicker einen Montessori-Kindergarten in Wien ein. 1931 unterrichtete sie Pädagoginnen darin, die Persönlichkeit von Kindern und ihre künstlerischen Impulse zu erkennen. Als Kommunistin floh sie vor den Nazis aus Wien und 1938 auch aus Prag, ohne die Chance zu ergreifen, nach London oder Israel zu emigrieren. Warum blieb sie bei ihrem Mann, mit dem sie 1942 ins KZ-Theresienstadt deportiert wurde? Diese Frage stellt auch die Inszenierung des Helios Theaters. Bleibt man, weil sich noch etwas verändern lässt? Auch die Migration unserer Tage lässt sich mit dem Stück „Friedl Dicker“ verknüpfen.

Barbara Kölling glaubt, dass die Künstlerin mit dem Leben abgeschlossen hatte. Dass sie dann noch zwei Jahre lang Kinder im KZ unterrichtete und auf eine Zukunft vorbereitete, die sie selbst nicht hatte, ist eins der Phänomene im Leben der Bauhaus-Künstlerin. Kölling ist von der selbstlosen Haltung einer Frau berührt, die mit dem Zeichenunterricht für Kinder eben diesen Hoffnung machte. Vor ihrer Deportation nach Auschwitz packte Dicker-Brandeis 4000 Zeichnungen in zwei Koffer, die 1945 die jüdische Gemeinde in Prag erreichten. Heute finden sie Platz in einem Teil des jüdischen Museums der Stadt. Einige Kopien dieser Kinderzeichnungen gehören zur Inszenierung und werden dem Publikum in Hamm gereicht.

Vor allem Dickers Ziele, die Emanzipation und Identität von Kindern zu stärken, sowie das sinnliche Gespür junger Menschen über das Gefühl für Materialien zu fördern, sind auch die Kernziele des Helios Theaters. „So viel Übereinkunft!“, sagt Barbara Kölling. Sie ist erstaunt und ein bisschen sprachlos.

22.1., 19 Uhr; 24.-26.1., 8./9.2.; 3./4.5;

Tel. 02381/926837; www.helios-theater.de

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