Fünf Museen in Paderborn widmen sich bei „Get dressed!“ der Kleidung

Gezeichnet von dem, was sie umtreibt: Guda Kosters Skulptur „Rot mit weißen Punkten“ (2014) ist in Paderborn zu sehen. Fotos: Stiftel

Paderborn – Den Titel braucht die Skulptur von Guda Koster eigentlich nicht. Dass die surreale Figur „Rot mit weißen Punkten“ (2014) ist, sieht man doch. Aber die niederländische Bildhauerin setzte der Dame im auffälligen Kleid ein Haus an die Stelle des Kopfs. Die starke Farbigkeit kaschiert nicht, dass eine Frau ganz in bürgerlichen Konventionen gezeigt wird. Sie ist, was sie trägt, eine Haus-Frau, und ihre Gedanken kreisen offenbar um die biederbürgerliche Sphäre.

Koster verunklart in Skulpturen und Fotoinstallationen immer wieder die Grenzen zwischen Kleidung und Person. Das Paar „Just Married“ (2016) trägt schwarz-weiße Kleidung, und ihre Kopfhäuser haben das Muster des Partners. Vielleicht übernimmt man ja wirklich in einer Ehe Gedanken und Vorlieben des anderen. In ihrem Foto „Shy“ (2016) erkennt man die Frau zunächst nicht, deren Kleid wie ein würfelförmiger Helm auch ihren Kopf verbirgt und so gemustert ist, dass es fast vollkommen mit der Tapete im Hintergrund verschmilzt. Auf einem anderen Foto verschwindet der Körper in geometrischen Stofftrichtern, so dass man denkt, vor einem abstrakten Gemälde zu stehen.

Die Arbeiten von Guda Koster findet man in der Städtischen Galerie in der Reithalle in Paderborn Schloss Neuhaus. Dort wird am Sonntag die Ausstellung „anziehend. Kunst-Kleider und textile Objekte“ eröffnet. 67 Arbeiten von 19 Künstlern sind zu sehen, von einer Lithografie von Pablo Picasso über Klassiker wie den Filzanzug von Joseph Beuys bis zu aktuellen Arbeiten.

Die Schau ist Teil eines Ausstellungsprojekts, das fünf Museen in der ostwestfälischen Stadt parallel gestalten: „Get dressed!“ Andrea Brockmann, Leiterin der Abteilung Museen und Galerien der Stadt Paderborn, unterstreicht, dass damit das Profil der Häuser geschärft werden soll. Kleidung sei ein universelles Thema, das „uns seit dem Sündenfall begleitet“. So ergibt sich ein verblüffendes Zusammenspiel zwischen Kunst, Design und Natur.

Denn sogar das Naturkundemuseum zeigt mit der Schau „Kleid der Tiere“ passgenau, wie sich Muscheln und Schnecken „in Schale werfen“, nämlich in ihre oft glitzer-schönen Gehäuse. Mit präparierten Krähen und einem Pfau wird Äsops Fabel darüber nachgestellt, wie man sich mit fremden Federn schmückt. Und auf einem echten „Catwalk“ posieren ein Wüstenluchs, ein Gepard, ein Leopard und eine Löwin.

Das Residenzmuseum zeigt wiederum in den Räumen der Dauerausstellung Altmeister-Gemälde der Fürstenberg Stiftung Eggeringhausen, auf denen die Kleidung die Hauptrolle spielt. Die Stiftsdame Elisabeth Catharina von Hörde trägt auf dem weißen Spitzenkragen ihres Kleides schwarze Schleifen, was sie auf dem Porträt eines unbekannten Meisters von 1657 als Witwe kennzeichnet. Perücken, Spitze, eine Rüstung, Accessoires, aber auch das Purpurrot, das dem Herrscher vorbehalten ist, spielen in diesen Gemälden eine große Rolle. Selbst Kinder sind auf diesen Gemälden standesgemäß gekleidet, wie der kleine Baron von Hörde, der auf dem Porträt (um 1710) mit Seifenblasen spielt. Ein Höhepunkt ist ein Neuzugang des Museums: Als Dauerleihgabe zeigt es auch nach Ende der Schau weiter ein Werk von Pieter Brueghel dem Jüngeren, die „Rückkehr von der Kirmes“ (um 1620), eine erzählfreudige Straßenszene mit fröhlichen Bauern, die noch auf dem Heimweg tanzen.

Meisterliche Fotografie bietet das Stadtmuseum mit seinem Beitrag „Kleider machen Leute“. Das ist ein Langzeitprojekt von Herlinde Koelbl, die Menschen in ihrer Berufskleidung und privat porträtiete. Es ist erstaunlich, wie anders ein Mann aussieht, wenn er den Ornat des Priesters trägt oder einen Trainingsanzug.

Ganz ähnlich ist es in der Schau „anziehend“ in der Reithalle, wenn die iranische Künstlerin Roshanak Zangeneh von Deutschland in ihre Geburtsstadt Teheran reist. Am Flughafen Frankfurt trägt sie noch Jeans und Bluse. In Teheran hat sie schon eine Jacke und ein Kopftuch übergezogen. Am strengsten ist der „dress code“ (so der Titel der Serie von Selbstporträts von 2007) beim Besuch einer Moschee, wo die Mullahs Ganzkörperverschleierung vorschreiben, die gerade das Gesicht freilässt. Folkloristisch wirkt dagegen das lässige Outfit für den Volkspark. Man muss zweimal hinschauen: Ist das wirklich ein und dieselbe Frau?

Die Schau bietet eine faszinierende Fülle beim Umgang mit dem Thema Kleidung. Ulla Reiss fertigt Kleidungsstücke aus Pflanzenteilen, ein „Hochzeitskleid für Neriman“ (2018/19) aus großen Funkien-Blättern, einen Bikini aus Grashalmen. Axel Lieber „skelettiert“ für ein Wandobjekt ohne Titel (2016) ein Herrenoberhemd, so dass nur ein schlaffes Gerüst aus Stoffstreifen bleibt. Jan Henderikse faltet Dollarscheine zu winzigen Hemden. Großartig sind die eleganten Blätter von Mouchy, die in den 1970er Jahren die Kollektionen der Couturiers in Paris sozusagen live zeichnete, weil Fotografieren nicht erlaubt war. Und Markus Willeke malt Steppjacken als monumentale „Ghosts“ (2019).

Im Kunstmuseum ist außerdem Ursula Neugebauers Installation „Tour en l’air“ (1998) zu sehen, Taftkleider an einem Gestell beginnen computergesteuert zu rotieren, ein Geistertanz im einstigen Pferdestall.

Schließlich sind noch Arbeiten der Textilklasse von Nina Lindlahr an der Universität Paderborn zu sehen, die sich mit digitalem Design befassen. Da gibt es freche Entwürfe wie einen mit phallischen Darstellungen bedruckten Minirock und einen Kittel mit stilisierten Vaginen, aber auch Unterwäsche mit Sternzeichen und mit arabischen Schriftzeichen bedruckte Kleider.

Wegen der Corona-Pandemie kann es zur Zeit keine großen Vernissagen geben. Aber „Get Dressed!“ startet doch mit einem besonderen Veranstaltungsangebot. Am Samstag ist das Stadtmuseum für eine Preview auf die Koelbl-Schau von 17 – 22 Uhr geöffnet. Am Sonntag gibt es in allen beteiligten Häusern einen Tag der offenen Tür mit freiem Eintritt, Sonderführungen und Performances. Kunstmuseum, Galerie in der Reithalle: anziehend, Tour en l’air, Digitales Textildesign bis 18.11., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251 / 88 11 076, Stadtmuseum: Herlinde Koelbl bis 31.1.2021, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251/ 88 11 247 Residenzmuseum: Standesgemäß bis 2.5.2021, di – fr 14 – 18, sa, so 10 – 18 Uhr Naturkundemuseum: Kleid der Tiere bis 3.1.2021, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251/ 88 11 052 www.paderborn.de/ getdressed

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