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Hamms Gustav-Lübcke-Museum erinnert an „Mythos Germanien“

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Von: Achim Lettmann

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Kuratorin Susanne Birker mit einem Schulkartenbild, das germanisches Leben und technische Erfindungen der Germanen bildnerisch aufführt und behauptet.
Kuratorin Susanne Birker mit einem Schulkartenbild, das germanisches Leben und technische Erfindungen der Germanen bildnerisch aufführt und behauptet. © Mroß

HAMM Im Museum werden Objekte aus der Geschichte erforscht und bewahrt. Manchmal sind auch Überreste der eigenen Museumsgeschichte zu entdecken. Als die Kuratorin für Archäologie und Museumspädagogik, Susanne Birker, eine Ausstellung aufarbeiten wollte, die in der NS-Zeit durch das Deutsche Reich wanderte, stieß sie auf Briefe und Belege zur Rolle Ludwig Bänfers. Die Infos kamen aus dem Pfahlbaumuseum aus Unteruhldingen am Bodensee. Der Direktor des Gustav-Lübcke-Museums (von 1926 bis 1945) hatte die Ausstellung „Lebendige Vorzeit in Reich und Heimat“ nach Hamm geholt und um eigene Exponate erweitert.

Die Propaganda-Schau der Nazis sollte die germanische Rassenideologie etablieren.

Bänfers, der lange Zeit als Mitläufer galt, half dabei. Er gehörte dem Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte an, einer Organisation, die die „Großgermanen“ als Kulturvolk mitentwickelte und bis in die Eisenzeit zurückdatierte. Bänfer sprach vor der SS-Frauenschaft, vor der Hitler-Jugend, vor angehenden Lehrern und schulte Museumsbesucher mit NS-Lehrmitteln. Das germanisch-völkische Zerrbild zu „Rasse“, „Volk“, „Führer“, wie zu „Blut-und-Boden“ sollte die Jugend für Ziele der Nationalsozialisten instrumentalisieren. Die Ausstellung „Mythos Germanien“ zeigt, wie ein Museum half, die nationalsozialistische Rassenideologie zu verbreiten und sich damit zum Standort der NS-Bildungsmaschinerie machte. Insgesamt wurde „Lebendige Vorzeit“ an 15 Orten im Deutschen Reich präsentiert. Ein Renner, in Hamm wurden 22 000 Besucher gezählt

„Mythos Germanien. Das nationalsozialistische Germanenbild in Schulunterricht und Alltag der NS-Zeit“ ist von Erik Beck und Arne Timm an der Universität Dortmund erarbeitet worden. Leihgaben kommen aus dem Westfälischen Schulmuseum und aus dem Ruhrmuseum Essen. Das Hammer Lübcke-Museum steuert vor allem Schulwandbilder und -karten bei – neben Einzelobjekten. Mit diesen farbstarken Medien wurden Schüler im NS-Staat beeindruckt. Die Nationalsozialisten machten Archäologie in der vierten und elften Klasse verpflichtend. Fortan ging es – auch in Biologie – um Vätererbe, Ahnentafel, den germanischen Charaktermenschen, nationalsozialistisches Wollen, Deutsche Stämme der Gegenwart. Sonnenwendfeiern wurden nachgespielt, germanische Kämpfe nachgestellt. Dabei waren die „Germanen“ eine Erfindung von Julius Cäsar, der die Menschengruppen rechts des Rheins zusammenfasste. Als Varus 9 n. Chr. seine Legionen einbüßte und eine Schlacht verloren war, hieß es auf Seiten der Besiegten, die „Germanen“ seien groß, mutig und stark gewesen. So lässt sich eine Niederlage auch erklären.

Im 19. Jahrhundert, als sich der deutsche Nationalstaat entwickelte und das Kaiserreich 1871 gegründet wurde, sollte die Vorgeschichte aus Fürstentümern und Kleinstaaten mit einem Bild vom einheitlichen Volk überwunden werden. Hermann, der Cherusker, wurde zu einem übergroßen Denkmal im Teutoburger Wald stilisiert und zu unserem Vorfahren gekürt. Es begann die Mythisierung.

Ohne schriftliche Belege und nur mit Grabbeigaben lässt sich für den wissenschaftlich arbeitenden Archäologen keine Hochkultur beweisen. Gustav Kossinna (1858–1931) setzte erstmal auf Behauptungen. Als erster Professor für deutsche Archäologie suchte er das „germanische Urvolk“. Vorfahren dieser Erfindung sah er sogar in der Jungsteinzeit. Felix Dahn beschrieb „Die Germanen“ 1905 noch als wilde Kerle mit Flügelhörnern auf ihren Helmen. In Hamm sind Bücher aus dieser Zeit ausgestellt, wie auch das Bild einer „Pfahlbau-Ansiedlung (prähistorisch)“ um 1900, das primitiv wirkende Menschen mit Tieren zeigt. Daneben ist das gleiche Motiv noch einmal zu sehen, allerdings frischer, farbiger und zur germanischen Hochkultur für die 30er Jahre aufgehübscht. Selbst die Haustiere sind sauber und reinlich.

Dazu passt das Familienbild „Germanische Tracht zur Eisenzeit“ mit großen blonden Menschen, die standesbewusst Kleid, Gewand und Umhang tragen. Schwert und Speer wirken edel. „Wikinger auf Binnenfahrt im Odertal“ (1937) werden im Schultext dazu als „straffe Gestalten“ gefeiert, während dem slawischen Menschen (im Bild) „gedrungene Körper“, die „zur Fülle neigen“, nachgesagt werden. Ein Jude („Fremdrassen in Deutschland“) steht am Rand mit einem Geldsäckel und krummer Nase. Und vom „nordischen Blut“ ist die Rede, das nicht durchmischt werden darf. In schulischen Lehrmitteln wird dem „Germanen mit Schwert“ als gnadenlosem Killer gehuldigt, der seinen Hof mit gebotenem Sadismus verteidigt – „Blut und Boden“. Es gruselt einem.

Die Ausstellung besticht durch eine Vielzahl solcher sprechenden Exponate. Eine rekonstruierte Lure in einer Vitrine erinnert daran, dass dieses Ritusgerät – Einzelteile waren in Dänemark gefunden worden – zum germanischen Musikinstrument stilisiert wurde. Wilhelm Petersen entwarf in seinen Gemälden stimmungsvolle Feste dazu. Er erhielt 1935 den Auftrag vom Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte das Germanenbild der Nazis zu illustrieren. Petersen fühlte sich früh der völkischen Idee verpflichtet, war NSDAP-Mitglied und zählte zur NS-Künstlerprominenz. Neben seinem Bild „Bau eines Großsteingrabes (Jüngere Steinzeit)“ ist das Modell eines solchen Grabes in Hamm zu sehen. Der Bildhauer und Maler Franz Breitholz materialisierte es als völkische Erfindung.

Die Nationalsozialisten behaupteten, dass die bronzezeitlichen Germanen („Großgermanen“, ab 800 v. Chr.) indogermanische Vorfahren gehabt hätten. Archäologische Beweise fehlen. Aber wie die „germanische Frau“ und der „pflügende Bauer in der Bronzezeit“ ausgesehen haben, das zeigen die Kohlezeichnungen von Franz Breitholz.

Es wurde getäuscht, auch in die Modellsammlung hinein. Ein Hakenpflug war den Germanen zugeschrieben worden. In Hamm ist das Gerät zu sehen, das wahrscheinlich aus der Reichsmodellwerkstatt von Hans Reinerth stammt, meint Kuratorin Birker. Reinerth hatte den Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte 1934 gegründet. Als Anhänger der nordischen Rassearchäologie führte er den „Beweis“, dass die griechischen Tempel auf das nordische Steinhaus zurückzuführen sind. Im Freilichtmuseum Oerlinghausen (Kreis Lippe) finden sich nach wie vor die Häuser, denen auch Petersen in seinen Bildern Gestalt gegeben hatte.

Und die Welt der NS-Germanen hat noch heute ihren Reiz. Auf einem Kalender von 2018 („Germanische Welt“, Zeitreisen-Verlag) ist die Sonnenwendfeier zu sehen, wie sie Fritz Koch-Gotha 1935 gezeichnet hat. Es sind Illusionen, die noch heute oder wieder heute verfangen.

Das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm will mit der Ausstellung „Mythos Germanien“ Haltung zeigen und bewusst machen, wie nationalsozialistisches Gedankengut mit Hilfe von Medien ihre Verbreitung fanden. Diese Wirkmechanismen lassen sich auch heute nachweisen.

Die Schau

Wie die Nationalsozialisten ihren Germanen-Kult in die Welt brachten. Eine präzise gearbeitete und notwendige Ausstellung, die über Parallelen zu digitalen Medien nachdenken lässt.

Mythos Germanien im Gustav-Lübcke-Museum Hamm.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr; bis 14. Juli 2019; di-sa 10 – 17 Uhr, so 10 – 18 Uhr; Tel. 02381/175704; www.museum-hamm.de

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