Helge Schneider erzählt: „Orang Utan Klaus“

+
Der Musiker und Komiker Helge Schneider

Wer noch nicht genug von Helge Schneider gehört hat, der kann das Gesprochene jetzt auch lesen. Der Kiepenheuer & Witsch Verlag hat tatsächlich verschriftlicht, was der Musiker, Entertainer und Autor bei zahllosen Bühnenauftritten vorgetragen hat: „Orang Utan Klaus“. Nicht jedes Schriftstück liest sich so amüsant und schräg, wie es die „singende Herrentorte“ mal zum Besten gegeben hat. Es fehlt das gesprochene wie betonte Wort, die Grimasse, seine Erscheinung, der Blick, einfach Helge Schneiders Show.

Aber der echte Schneider-Fan kann sich bei über 90 kurzen Kapiteln schnell einlesen. Und die kauzige Erscheinung des Unterhaltung-idols tritt doch schnell vors innere Auge. Folglich beginnt man ein wenig für sich zu intonieren, wie Helge Schneider die kurze Geschichte wohl vorgetragen haben könnte. Ein Solo im Kopf wird entwickelt, und je mehr man die Absurditäten wiedererkennt oder einfach lustig findet, so ausdauernder inszeniert man lesend die eigene Helge-Schneider-Show. Ein überraschender Effekt. Dann lässt sich der nette Amüsierbetrieb auch mal aus der Hand legen, um alsbald wieder einzusteigen in die Stimmungslagen eines reflektierenden Nonsens, wie er in Deutschland einzig ist.

So dichtet Helge Schneider beispielsweise Angela Merkel und Fidel Castro ein Kind an, um letztlich zu den „Wahlen“ von 1972 in Mülheim zu kommen, wo er vielleicht mal Wahlhelfer war. Schneider verbindet die motzige Rebellion mit einer Spur von Politikerfahrung, die jeder irgendwie kennt. Die Plakate im Vorwahlkampf und die Einsamkeit in der Wahlkabine, es wird einfach angesprochen und so zurechtgelegt, dass der Leser ans Absurde gerät und sich dort irgendwie wohl fühlt. Warum? Es ist das geheime Bedürfnis, das jeder in sich trägt und das Helge Schneider herauslockt. Halt, das gilt natürlich nicht für jeden, muss man fairerweise sagen. Natürlich werden diese Leute das Buch „Orang Utan Klaus“ gar nicht kaufen – wie beispielsweise Angela Merkel. Fidel Castro hat sich erledigt. Und da zeigt sich auch ein Nachteil des Buches. Der Verlag aus Köln sagt nicht, wann die Geschichten erstmals erzählt wurden. Nur soviel, sie stammen aus den letzten 30 Jahren, und es ist Helge Schneiders elftes Buch im Kiwi-Verlag.

Mit „Orang Utan Klaus“ wird vor allem die Erzählkunst Schneiders bewahrt und leichter analysierbar. Illustriert ist das Buch mit den Zeichnungen des Multitalents. In „Der Clown“ beispielsweise dringt er durch die Schminke ans eigene Verständnis, buhlt ums Publikum, um mit seinen Ekeleskapaden („reimportierte Pommesöle, Gyrosöle und -fette, Jauche“) zu erschrecken, zu testen und den Fokus aufzuziehen, um jede Pore und Substanz zu durchleuchten. Es sind Sturzfahrten durchs Gefühlskorsett seiner Zuhörer, die er lostritt. Helge Schneider ist eine Ausnahmeerscheinung. Im Ruhrgebiet fühlen sich seine Konzerte wie ein Treffen unter Freunden an. Zwischen den Musikstücken trägt er dann diese Geschichten vor, verwandelt, immer anders, aktuell, unberechenbar. Und trotz der Invasion der Comedy-Spaßmacher seit den 90er Jahren verschafft einem Helge Schneider noch die Vorstellung von originär und unverwechselbar. Auch das ist eine seiner Kulturleistungen. Seine musikalische Klasse muss heute nicht erwähnt werden.

Helge Schneider: Orang Utan Klaus. Helges Geschichten. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 276 S., 12,99 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare