„Die stille Kraft“ nach Louis Couperus bei der Ruhrtriennale

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Immerzu regnet es: Szene aus Ivo van Hoves Inszenierung „Die stille Kraft“ in Essen mit Gijs Scholten van Aschat, Halina Rijn, Mingus Dagelet und Maria Kraakman (von links).

ESSEN - Zuweilen füllen die Dampfschwaden das Salzlager der Zeche Zollverein so, dass einem der Atem stockt. Wasser rauscht auf die hölzerne Bühne und macht das tropische Klima fühlbar, das an den niederländischen Kolonialherren auf Indonesien zehrte. Selten übersetzt ein Bühneneffekt die zentrale Aussage eines Textes so direkt wie in „Die stille Kraft“, einer Produktion der Toneelgroep Amsterdam für die Ruhrtriennale auf Zollverein in Essen.

Ivo van Hove inszeniert die Bühnenfassung eines Romans von Louis Couperus. Das Buch erschien im Jahr 1900, aber die Rückschau in die Kolonialzeit wirkt hoch aktuell. Im Zentrum steht Otto von Oudijck, Vertreter der Kolonialmacht in einer fiktiven Region auf Java. Bei ihm verschränken sich politische und private Befindlichkeit. Er sieht sich als strengen, aber gerechten Kümmerer, der die Entwicklung der Eingeborenen fördern will. Aber er stößt auf Wiederstand. Speziell als er den Bruder des örtlichen Regenten Soenario entlässt, der seine Pflichten nicht erfüllt und die Verluste seiner Spielsucht mit dem Griff in die Staatskasse ausglich. Für die Fürstenfamilie bedeutet das eine große Demütigung, und so bittet die Mutter unterwürfig darum, dass Otto seinen Beschluss zurücknimmt. Er tut das nicht, aber in der Folge zerbricht seine Autorität am stillen Widerstand der Eingeborenen.

Zugleich zerbricht seine Familie, weil er sich ganz dem Amt verschreibt. Seine Frau Leonie hat Affären mit ihrem Stiefsohn und mit Adrien de Luce, einem jungen Womanizer aus einer führenden eurasischen Familie. Bei offiziellen Anlässen springt für Leonie die Frau von van Oudijcks Sekretär ein, Eva, kunstsinnig und zunehmend an der Fremde verzweifelnd. Otto bekommt anonyme Briefe über die Untreue seiner Frau, aber die beachtet er nicht.

Die komplexe Geschichte besticht dadurch, dass Couperus jeder Partei Gerechtigkeit widerfahren lässt. Selbst die sinnliche Ehebrecherin Leonie wird nicht einfach als Übeltäterin gebrandmarkt, sondern als Frau gezeigt, die ihre Bedürfnisse auslebt. Der Autor zeigt, wie die Kolonialmacht an ihrer Fremdheit scheitert, an ihrem Überlegenheitsdünkel und Rassismus. Dabei ist Otto in seiner Rolle als ehrlicher Makler der javanischen Interessen ernst genommen.

All das erzählen van Hove und sein großartiges Ensemble in eindringlichen Bildern. Die Bühne von Jan Versweyveld besteht vor allem aus einem Holzboden, den die Sprinkleranlage komplett bestreicht. Immer wieder rauscht Wasser auf die Akteure, und der Dunst verschont die Zuschauer nicht. Die Wände zeigen manchmal übergroß Meereswogen oder die indonesische Landschaft oder Dorfszenen aus der Kolonialzeit. Am Piano sitzt – selbst wenn das Wasser fällt – Harry de Wit, der außerdem eine ganze Batterie von Schlaginstrumenten bedient für einen suggestiven Live-Soundtrack.

Viele Bilder versteht man ohne Worte. Wie einheimische Diener eine Tafel eindecken und abräumen, stumm, eifrig, wie Möbel, die sich bewegen. Die Momente, wenn Leonie ihren Stiefsohn Theo oder den Indonesier Addy umarmt. Wenn Otto vor einem Stuhl kniet und in einer Schreibmappe darauf ein Blatt bekritzelt. Wie er in einem Regenguss stoisch die geschlossene Schreibmappe über den Kopf hält, um sich notdürftig zu schützen.

Gespielt wird in niederländischer Sprache mit Übertitelung. Man kann dem gut folgen, auch weil die Darsteller so schnörkellos und klar agieren. Gijs Scholten van Aschat zeigt von Oudijck in seiner Sturheit, seiner Pflichtbesessenheit bis an den Rand der Selbstverleugnung stets menschlich, nie mit den Klischees des Bürokraten. Halina Reijn verkörpert die Leonie mit einer trägen Sinnlichkeit, keine Männerverschlingerin, sondern eher eine Verzweifelte, die Auswege sucht. Wunderbar auch Maria Kraakman als kunstsinnige Eva, deren Klavier die Termiten zerfressen, die sich aus Pflichtgefühl eine Beziehung zum ebenfalls einsamen Frans versagt. Grandios der Auftritt von Marieke Heebink als alte Fürstin zwischen Majestät und totaler Unterwerfung.

Dieser monumentale Abend stellt nicht nur einen großen, hierzulande unbekannten Text vor. Er erzählt auch von Weltproblemen, die längst noch nicht bewältigt sind.

23., 24.9., Tel. 0221/ 280 210, www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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