Jane Gardams Roman-Trilogie beginnt mit „Ein untadeliger Mann“

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Die englische Schriftstellerin Jane Gardam.

Wer war Edward Feathers? Jane Gardam weiß es, aber die britische Schriftstellerin beginnt ihren Roman „Ein untadeliger Mann“ mit einem vieltönigen Gespräch. Dabei führt sie Beurteilungen wie „harter Arbeiter“, „sehr beliebt“ und „bescheidener netter Kerl“ auf. Das Akronym dieses Mannes, der in Anwaltskreisen Old Filth genannt wird, spannt den Bogen in die Geschichte: „Failed in London try Hongkong“, gescheitert in London, auf nach Hong Kong, ist Feathers Lebenserfahrung. Ihn beschäftigten Umweltgesetze, die seinen Ruhm und Reichtum begründeten.

Der Roman von Jane Gardam macht noch ganz andere Sprünge in die britische Geschichte und interessiert sich überraschenderweise (noch) nicht für Umweltgesetze. Ihre Bücher sind in England viel gelesen, und die 87-Jährige wird mit Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro, Jane Austen und Charles Dickens verglichen. Das heißt auch, dass der Hanser Literaturverlag Berlin nun ein Werk vorstellen will, das ebenso entdeckt werden kann wie der Romanheld Edward Feathers selbst. Es lohnt sich.

„Ein untadeliger Mann“ zählt zu Gardams Titel-Trilogie über das Ende des Britischen Empires. Sie stellt einen Kronanwalt vor, der zu den Raj-Kindern zählt, jenen Nachkommen von zumeist britischen Soldaten oder Beamten, die in Ostasien ihren Dienst verrichteten und sich verbandelten. Ihre Kinder holte die britische Krone mit vier Jahren auf die Insel, wo sie zumeist lieblosen und hartherzigen Zieheltern ausgeliefert waren. Jane Gardam hat in ihrem Freundeskreis solche „Raj-Kinder“ und spürt diesen Menschen nach, denen ein Leben aufgezwungen worden war, das viele trotzdem mit Bravour meisterten. Die Autorin bringt mit der abwechslungsreichen, aufrichtigen und durchaus amüsanten Geschichte auch ihre Anerkennung zum Ausdruck, dass Charakter, Intelligenz und Disziplin über Liebesentzug, Einsamkeit und Entbehrung siegen. Das darf durchaus als „very british“ verstanden werden.

Chronologisch erzählt Jane Gardam nicht, dafür liebt sie es, mit Figuren zu überraschen, die Eddy Feathers’ Leben kreuzen. Sein Vater bleibt in Malaysia und schickt Geld, ohne gute Worte. Eddy muss zu Ma Didds nach Wales, wo noch andere Kinder die frühen Jahre erleiden. Erst auf einer Privatschule im Lake District legt er das Stottern wieder ab. Hier wird Pat Ingoldby sein Freund und Eddy Teil der Familie. Der Colonel nennt ihn „mein lieber Junge“. Es beginnen die besseren Jahre, bis der 2. Weltkrieg ausbricht. Eddy soll zurück nach Malaysia, um dem Bombenkrieg zu entkommen, bestimmt sein Vater. Freund Pat geht zur Royal Air Force und kann als 18-Jähriger an die Front. Eddy ist erst 17 – sein Glück.

Jane Gardam blendet Betty ein, Eddys Frau, die gerade Tulpenzwiebeln setzt und darüber nachdenkt, wie ihr Ehemann einmal von der Welt scheiden wird. Beide sind betagt, und für Old Filth hält die Autorin eine neue Perspektive bereit, nachdem sein Frau tot aufgefunden wird. Er fährt mit einem alten Mercedes die eigene Lebensgeschichte in England ab. Recht klapprig besucht er seine Cousinen Babe und Claire, die wie er in Wales gelitten haben. Gardam erzählt präzise und einfühlend von einem alten Mann im Straßenverkehr, der sein Auto wie einen Tanker lenkt. Das ist amüsant und gut beobachtet. Ein anderes Mal spielt sie mit Klischees über Rechtsanwälte, wenn Claires Schwiegertochter als Kronanwältin auftritt und offen bekennt, mit Fällen zum Schifffahrtsrecht reich zu werden. Als sie Old Filths gewahr wird, flößt ihr der alte Mann ihr Respekt ein. Solche Fingerübungen zur Upperclass sind sarkastisch gewendet und zählen zum Handwerk einer Jane Gardam. Die Schriftstellerin, die 1928 in North Yorkshire geboren wurde, belegt noch zum Ende, wie fesselnd sie Spannung entwickelt. Was war mit Ma Didds passiert? Die „Kinder“ wissen es.

Weniger substanziell geraten ihre historischen Ausflüge. Als Singapur von Japanern besetzt wurde, reicht ihr der Umstand, dass ein englisches Handelsschiff nicht erwünscht war, um Eddy wieder zurück zu schicken.

Unruhige Zeiten helfen, romanhafte Stoffe als wahrhaftig zu verbreiten. Eine venerische Krankheit wird Eddy noch schwer zusetzen. Dabei gefiel ihm das „Buttermädchen“ so gut. Jede Schicksalswendung scheint in dem Buch plausibel, selbst als Eddy in London mit Queen Mary spazieren geht. Der Soldat ist für ihre persönliche Sicherheit verantwortlich.

Jane Gardam bringt das alles souverän unter, auch Eddys Gefühl für Isobel Ingoldby, Pats Schwester, sowie die stille Liebe von Cousine Claire, die ihn nicht erreichte, berühren mit ihren authentischen Momenten.

„Eine treue Frau“ heißt der zweite Teil der Trilogie Jane Gardams. Er kommt im Frühjahrsprogramm von Hanser heraus. Es geht um Betty, Eddys Ehefrau.

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann. Roman. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Literaturverlag, Berlin, 346 S., 22,90 Euro

Quelle: wa.de

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