Das Jazzfestival Münster überzeugt auch mit der Kurzausgabe

Schwerarbeit leisteten die Saxofonisten von Koma Saxo beim Jazzfestival Münster: von links Jonas Kullhammar, Otis Sandsjö und Mikko Innanen. Foto: Stiftel

Münster – Man denkt, dass Mikko Innanen der Kopf platzen müsse. Solche irrwitzigen Überblastöne holt der finnische Musiker aus dem Sopransaxofon, während seine Kollegen von „Koma Saxo“ einen treibenden Groove erzeugen. Hochdampf-Musik eröffnet die erste „Shortcut“-Ausgabe des Internationalen Jazzfests Münster.

Wie seit Jahren ist das Große Haus bei diesem ersten Festival-Event des Jahres ausverkauft. Neu aber ist das Etikett. Seit 1997 hat das Jazzfestival alle zwei Jahre seinen Ort im Stadttheater. Und seit 2004 gibt es in den festivalfreien Jahren am ersten Januarwochenende einen Abend mit zuerst zwei, dann drei Konzerten. Das hieß zunächst „In Between“. Nun aber haben die Organisatoren um den künstlerischen Leiter Fritz Schmücker das Zwischenspiel offiziell eingemeindet. Das Konzept freilich ist geblieben. Schmücker mischt gern ungewöhnliche Ensembles, vorzugsweise des europäischen Jazz, und legt besonders Wert auf Deutschland-Premieren und viele Kontraste. Die Ausgabe 2020 zeigte das wieder auf hohem Niveau.

Koma Saxo ist ein All-Star-Ensemble um Frans Peter Eldh. Der schwedische Bassist gehört zu den führenden Solisten auf seinem Instrument in Europa. Mit dem deutschen Schlagzeuger Christian Lillinger, Innanen sowie den Schweden Jonas Kulhammar und Otis Sandsjö an diversen Saxofonen sorgte Eldh für einen treibenden, kraftvollen Start ins Jazzjahr. Das Quintett ging gern in die Vollen, mit einer modernen Auffassung traditioneller Elemente des Jazz. Manchmal spielte Eldh rasend schnelle Bop-Läufe, die Lillinger ebenso kraftvoll wie nuanciert umkleidete, eine Turboversion von Drum‘n‘Bass. Die drei Saxofonisten fanden manchmal zu geradezu ellingtonesken Klangfarben. Dann wieder stimmte die Gruppe herbe mehrstimmige Harmonien an, irgendwo zwischen Kammermusik und skandinavischer Folklore. Was umschlug in krachende Blasmusik, fast wie die Punkversion einer Zirkuskapelle. Hinzu kam der trockene Humor in Eldhs Ansagen, der sich offenbar vorgenommen hatte, so oft wie möglich die „West Coast of Sweden“ anzusprechen. Das war nicht die Speerspitze der Avantgarde, sondern in rhythmischen wie harmonischen Anlagen gut konsumierbar.

Das galt auch für den zweiten Programmpunkt, obwohl die Trompeterin Airelle Besson und der Akkordeonist Lionel Suarez aus Frankreich einen deutlichen Stilwechsel boten. In dieser intimen Besetzung war eine melodiebetonte, lyrische Musik zu erwarten. Und die boten die beiden auch. In ständigem Blickkontakt woben sie Melodielinien ineinander, die mal an Chansons ohne Worte erinnerten, mal klangmalerisch den Schnee beschworen. Wie sie die Stimmen ihrer Instrumente zusammenlaufen ließen, das hatte eine schon erotische Intensität. Airelle Besson spielt die Trompete weich, bevorzugt in den mittleren und tiefen Registern, was aber gewiss keine technische Begrenzung bedeutet: Wenn sie will, bringt sie ihr Instrument auch in strahlende Höhen. Oder sie holt klare, fragile Flötentöne heraus. Suarez ist ein Virtuose auf dem Knopfakkordeon. Dem Charme dieses Paares mochte sich kein Zuhörer entziehen. Zumal sie auch robustere Töne anschlugen mit einigen Kompositionen des argentinischen Tangokönigs Carlos Gardel. Ein grandioser Auftritt.

Zum Abschluss gab es als Deutschland-Premiere den Auftritt des US-Cellisten Hank Roberts, der mit der Gruppe des italienischen Posaunisten Filippo Vignato das Quintett Pipe Dreams bildete. Diese Band bewegte sich zwischen den musikalischen Genres, verband Rock-Rhythmen mit sphärischen Klängen. Eine Wundertüte mit ein bisschen Klassik, etwas freier Improvisation, zwischen Anklängen an die wilde Moderne von Bartok und Schostakowitsch und der US-amerikanischen Folklore. Das alles in einer speziellen Klangmischung, mit dem Vibraphonisten Pasquale Mirra, dem Pianisten Giorgio Pacorig, der oft auch dem E-Piano ähnlich flirrende Töne entlockte, und Zeno de Rossi, einem robust agierenden Schlagzeuger.

Roberts wechselte am Cello zwischen gezupften Tönen, fast als bediente er einen Mini-Bass, gestrichenen Klangflächen, Melodielinien parallel zur Posaune. Noch immer beherrscht er die Kunst, sein klassisches Instrument in die verschiedensten klanglichen Aggregatzustände zu versetzen, mit Kratz-Geräuschen, zarten Flageoletts, wilden Tonbeugungen fast wie bei einer E-Gitarre, er schlägt ein Rock-Riff, stimmt den Blues an. Und er singt relativ viel, meistens textlos mit der Stimme als zusätzlicher instrumentaler Klangfarbe, einmal auch in einem traditionellen Song.

Der WDR sendet Auszüge des Festivals auf WDR3, 22.2., ab 20.04 Uhr. www. jazzfestival-muenster.de

Quelle: wa.de

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