Jonathan Franzens neuer Roman „Unschuld“

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Jonathan Franzen

Eigentlich müsste Jonathan Franzens Roman den Titel „Reinheit“ tragen. Das ist der Vorname der Heldin. Für Purity Tyler, genannt Pip, ist Reinheit „das beschämendste Wort“, weil sie sich immer wieder beschmutzt fühlt. Damit ist nicht nur der Geburtstagskuchen für ihre Mutter gemeint, der in den Dreck der Busbahnhofstoilette fällt.

Pip hat jede Menge Sorgen: Sie hat einen miesen Job, sie muss 130 000 Dollar Studienkredit zurückzahlen, sie hat ihr Date mit Jason vermasselt. Und, was sie am meisten umtreibt: Sie weiß nicht, wer ihr Vater ist. Aus heiterem Himmel bietet sich ihr eine Lösung zumindest einiger Probleme an, ein üppig dotiertes Praktikum beim „Sunlight Project“ in Bolivien. Das Internet-Unternehmen konkurriert mit Wikileaks darum, Skandale aufzudecken. Die Hacker dort könnten vielleicht auch Pips Vater auf die Spur kommen. Ein verlockendes Angebot für eine junge Frau ohne Perspektive.

Das Sonnenlicht-Projekt geht auf Andreas Wolf zurück, der Transparenz über alles stellt. Ein DDR-Bürger, der als Dissident berühmt wurde. Und ein Mann mit Charisma, wie Pip bei der ersten Begegnung bemerkt, jemand, für den sich die Welt darstellt, „wie eine jener Menschenmassen im Stadion, wo alle ein buntes Pappschild hochhielten … Die Botschaft, die er unablässig erhielt, war die, dass er etwas Besonderes und Tolles war.“ Wundert es jemanden, dass er sich mit Ex-Geliebten umgibt, die ihm auch noch nach der Trennung verfallen sind? Ein frauenverschlingender Wolf, das Wortspiel mit dem Namen erlaubt sich Franzen. Sein Saubermann-Image verleiht dem Sunlight-Project die Überzeugungskraft, die Macht. Allerdings hat Wolf aus DDR-Zeiten noch eine Leiche im Garten. Und weil er geradezu psychotisch von Angst getrieben ist, bringt er die Ereignisse ins Rollen.

Franzen schrieb das Buch in langen Kapiteln, jeweils aus der Perspektive wechselnder Figuren. Wie er die Handlungsstränge zusammenbringt, Pips Vatersuche, das Aufdecken einer Affäre um eine beinahe verschwundene Atomrakete, den Mord an einem Stasi-Spitzel, die neurotische Ehegeschichte um eine Milliardärstochter, das ist bestes angelsächsisches Erzählhandwerk. Zumal Franzen gründlich recherchiert, wenn er sich mal nicht auskennt. Über den Alltag in der DDR zum Beispiel hat er mit seinem Kollegen Thomas Brussig gesprochen. So passt er zeitgeschichtliche Details in die Erzählung ein. Wolf ist Kind eines Polit-Büro-Mitglieds und Neffe des realen Spionage-Chefs Markus Wolf. Auch die Erstürmung der Stasi-Zentrale wird zur Kulisse eines Handlungszugs.

Ähnlich nachvollziehbar schildert Franzen das „Leaken“, das Durchstechen von Staatsgeheimnissen wie der Raketenaffäre an die Presse. Dass der Autor kein Fan von sozialen Netzwerken und Internetunternehmen ist, weiß man. Eine Passage des Buchs hat man Franzen zum Vorwurf gemacht. Da geht es um Wolfs größte Gabe, „in totalitären Systemen singuläre Nischen zu finden. Der beste Freund, den er je gehabt hatte, war die Stasi – bis er das Internet kennenlernte.“ Der Internetkonzern Google wird bei Franzen als „das neue Regime“ bezeichnet, das man mehr fürchten müsse als die Geheimdienste NSA und CIA. Mag sein, dass Franzens Ansichten über das Netz zu negativ ausfallen. Hier allerdings legt er sie ins Bewusstsein eines skrupellosen Mörders und Manipulateurs.

Dass Franzen der Ironie fähig ist, zeigt die Szene, in der Pip auf den Schriftsteller Charles trifft, der klagt: „So viele Jonathans. Eine wahre Plage von Literatur-Jonathans.“ Die Passagen über das Internet sollte man nicht zu ernst nehmen. Franzen schrieb einen Roman, keinen Essay und kein Pamphlet.

Das zentrale Thema von „Unschuld“ ist nicht das Internet. Das Buch steckt vor allem voller zerstörter Familien, die Traumata bewältigen müssen. Das Buch ist durchtränkt mit Anspielungen auf „Hamlet“. Das betrifft Pip, die sich anfangs geradezu ödipal in einen Vater-Typen verguckt. Später findet sie ihren wirklichen Vater – was auch nicht so harmonisch verläuft. Und es ist gewiss kein Zufall, dass Pips Probleme darin wurzeln, dass ihre Mutter wiederum ihren Vater verachtet und zurückweist.

Aber auch Andreas Wolf, der bei einem Stiefvater in einer klassischen Hamlet-Konstellation aufwächst, kennt solche Sorgen. Ihn sucht sein leiblicher Vater auf – und er bezeichnet ihn als „Geist“. Seine Störungen beginnen als jugendliche Rebellion gegen die familiäre Autorität.

Franzen macht aus komplexen und komplizierten Verhältnissen einen erstaunlich übersichtlichen und bei aller Fülle angenehm lesbaren Roman, der die Fragen der Zeit spielerisch, aber nicht unter Niveau behandelt. Am Ende stehen ein Streit – und eine Hoffnung.

Jonathan Franzen: Unschuld. Deutsch von Bettina Ababanell und Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, Reinbek. 830 S., 26,95 Euro

Quelle: wa.de

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