Jonathan Lethems Roman „Der wilde Detektiv“ ist auch Kommentar zu Trump

Jonathan Lethem Foto: Adrian Cook/Klett-Cotta

Die Welt ist für Phoebe Siegler zusammengebrochen. Die Kandidatin hat die Wahl nicht gewonnen, sondern das „Monster im Turm“. Phoebe kann nicht weiter für die „große graue Nachrichtenorganisation“ beim Radio arbeiten. Sie kündigt. Da bittet ihre Freundin Roslyn um Hilfe: Ihre Tochter Arabella ist verschwunden. Phoebe macht sich auf die Suche, und sie engagiert einen Profi.

In Jonathan Lethems Roman „Der wilde Detektiv“ ist Charles Heist der Ermittler. Aber die Heldin ist jene Intellektuelle aus New York, die über den Triumph des Bösen verzweifelt, die Wahl Trumps zum Präsidenten. Phoebe erzählt von ihrem Weg in den Westen, in die Mojave-Wüste in Kalifornien, zu ausgestiegenen Hippies, die sich in Stämmen organisieren, den Kaninchen und den Bären. Diese Ich-Erzählung ist ein Trip im Doppelsinn des Wortes. Einerseits unternimmt die Heldin eine Reise, legt den weiten Weg quer über den Kontinent zurück, um nicht nur das verschwundene Mädchen zu finden, sondern mehr noch ihr Selbstgefühl.

Andererseits driftet die Geschichte immer mehr ab in fantastische Gefilde, mit Szenen wie aus dem Actionkino mit nomadischen bewaffneten Hippies, die aus den Mad-Max-Filmen entlaufen sein könnten, mit archaischen Ritualen wie einem Kampf um die Herrschaft auf Leben und Tod, mit einem Mädchen, das einem Schrank entsteigt, mit einem Jungen, der sich an Datura-Samen berauscht, mit einem Riesenrad, das als Gefängnis dient. Am Ende scheint diese so an der Welt verzweifelnde, dabei so lebenshungrige Phoebe bei ihrem Bericht von irgendetwas benebelt zu sein.

Lethems Buch trägt einen Detektiv in seinem Titel, aber es ist kein Thriller. Der Krimi-Fan wird enttäuscht, denn es gibt zwar eine verschwundene Person, sogar einen Ritualmord. Aber das klassische Rätselspiel um das Who-dun-it verweigert der Autor. Er bietet kein Werk der Genre-Literatur, obwohl er seine Erzählung aus Versatzstücken der Hoch- und Pop-Kultur collagiert. Die Heldin steht für die liberalen, aufgeklärten Großstadtbewohner, die die Wirklichkeit einfach nicht akzeptieren wollen. „Ich war aus dem Glaswolkenkratzer in New York ebenso weggelaufen wie vor seinem bösen Gegenspieler, Saurons goldenem Finger, ich war aus der beschissenen alten Welt an ihren utopisch leuchtenden Rand gezogen, die Leere des Westens, und hatte die Entführung durch diesen Menschen erfleht, dessen Existenz ich mir nie hätte träumen lassen.“ Lethem nutzt den Zufall, dass der Sänger Leonard Cohen ausgerechnet am Vorabend der Präsidentschaftswahl starb, und er macht Cohen zum Idol Arabellas. Immer wieder tobt Phoebe sich aus über das „Trumpeltier“, über die „toxischen Anzugträger, die Grapscher und Faktenfälscher, die machiavellistischen Auspresser, Aufspalter und Einmaurer, die Wahlmänner“.

Ein großartiger Dreh, dass Lethem diese Sentenzen in Phoebes Mund legt. Durch ihre panische Verzweiflung kann er die Polemik loswerden und doch Distanz wahren. Denn sie ist eine komische Heldin, mit allen Mängeln ihrer Schicht, wie dem versessenen Schauen auf das Smartphone, ihren Blicken in die Dating-App Tinder, und in wenigen hellen Momenten ist ihr das auch klar. Dass sie einigermaßen schräg tickt, sollte man spätestens registrieren, wenn sie dem „Wilden Detektiv“ beim ersten Treffen ein „Penisgesicht“ zuschreibt, die sie anfangs immer abstoßend findet, aber manchmal auch anziehend. Natürlich fallen beide übereinander her. Und was sagt sie? „… das war mein erstes Mal seit der Wahl.“

Wundervoll spiegelt Lethem die gespaltene US-Gesellschaft in Gegensätzen wie New York und Wüste, wie den fürsorglichen, konstruktiven, weiblich geprägten Kaninchen und den brutalen, nomadischen, männlichen Bären. Immer wieder lädt er seinen Text mit Mehrdeutigkeit und Anspielungen auf, lässt mal eine Figur an „Game of Thrones“ denken, setzt den Präsidenten mit dem Oberschurken aus „Herr der Ringe“ gleich, dem ebenfalls in einem Turm hausenden Sauron, und Phoebe setzt sich und Heist mit Tarzan und Jane gleich. Sogar Janosch hat einen Auftritt mitten in der blutigen Schlacht. Da denkt sie: „Ich mach dich gesund, sagte der Bär“, eine feine Pointe. Aus dem feministischen Begriff des „Mansplaining“ macht er einen wortspielerischen Running gag – nicht nur hier muss man die fabelhafte Übersetzung von Ulrich Blumenbach loben, dem so etwas wie „Bärklärungen“ einfällt. Dann wieder bezieht Lethem sich auf Swifts große Satire „Gullivers Reisen“, auf die abstoßenden Yahoos, das Zerrbild einer verwilderten Menschheit.

Wie wenige andere Autoren findet er für diese Mischung aus Polit- und Abenteuerroman auch eine faszinierende Sprache, die Schönheit und Provokation zusammenbringt, zum Beispiel, wenn er über die Wüstenlandschaft schreibt: „… die Bäume wurden seltener, das Wüstengestrüpp tüpfelte den staubigen, geschundenen Boden mit der Kraftlosigkeit von Achselhöhlengrün oder Teenagerschamhaaren“.

Jonathan Lethem: Der wilde Detektiv. Deutsch von Ulrich Blumenbach. Tropen Verlag, Stuttgart. 335 S., 22 Euro

Quelle: wa.de

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