Kinofest Lünen vergibt die Lüdia an „Der letzte Mieter“ von Gregor Erler

Zu allem entschlossen: Tobias (Matthias Ziesing) hat seinen Vater verloren und gerät in Panik. Szene aus Gregor Erlers Drama „Der letzte Mieter“. Der Film erhielt beim Kinofest Lünen den Hauptpreis. Foto: kinofest lünen/dualfilm verleih

Lünen – Gregor Erler steht im Kino 4 der Cineworld Lünen und ist angetan: „ein voller Saal“ – so viele Interessierte. Seinen Film „Der letzte Mieter“ hatte er von 2015 bis 2018 realisiert und ganz allein finanziert. Keine Filmförderanstalt, kein TV-Sender wollten sich beteiligen. Der Thriller um einen alten Mann in Berlin, der im Zuge spekulativer Modernisierung „entmietet“ wird, wie es im Immobilien-Jargon heißt, war den institutionellen Geldgebern vielleicht zu politisch. Das Drehbuch (Gregor Erler/Benjamin Karalic) bietet eine Geiselnahme, Rachemotive, einen SEK-Einsatz und neben einer Kinoillusion auch ein ernüchterndes Ende. Allerdings kam diese konsequente Story beim Kinofest-Publikum an, und Gregor Erler erhielt 24 Stunden nach der Filmvorstellung den Hauptpreis des Festivals, die Lüdia (10 000 Euro).

Erler war überrascht als er im Heinz-Hilpert-Theater in Lünen den Preis entgegennahm. Nun wächst seine Chance, dass vielleicht doch noch ein TV-Sender aufmerksam wird und „Der letzte Mieter“ ins Programm nimmt. Einen kleinen Verleih hat er bereits. Mit Dualfilm ist ein Kinostart für März 2020 geplant. „Mit ein paar Kopien in ein paar Kinos“, sagte Erler in Lünen.

Was den Thriller „Der letzte Mieter“ auszeichnet, ist der Wille, das System Gentrifizierung zu erklären. Die Aufwertung ganzer Stadtteile, in dem Häuser saniert werden, um sie an zahlungskräftige Interessenten zu verkaufen, ist Teil der Wohnungsmisere in Großstädten. Regisseur Gregor Erler setzt da an. Der Altmieter Dietmar Heine soll seine Wohnung nach 40 Jahren verlassen. Als Tobias, sein Sohn, ihm Medikamente bringt, streitet sich sein Vater mit einem Makler. Dabei läuft die polizeiliche Räumung schon. Das Thema ist durch, Dietmar muss gehen.

Doch der letzte Mieter greift zum Gewehr, bedroht den Makler, beschimpft seinen Sohn, der keine Haltung habe, und erschießt sich letztlich selbst. Der Gewehrknall geht im Schlagbohrergetöse der Sanierung unter. Diese Anfangsszenen sind mit großer Wucht und verstörend inszeniert. Erzählt wird aus der Sicht von Tobias, der als Klempner „auf Abruf“ zu Baustellen fährt, um dort für Mindestlohn zu arbeiten. Meist sind es Sanierungsobjekte – Gentrifizierung. Wie Gregor Euler nun Tobias’ Geschichte in Szene setzt, der plötzlich glaubt, die Sache seiner Vaters übernehmen zu müssen, ist hoch spannend und dramatisch. Der Alte hatte herausbekommen, dass die Immobilienfirma Lux von der Stadt Gelder für Altbausanierung kassierte, aber im Haus Wände durchbrochen hat, um große Luxus-Apartments einzurichten. Wie wollte der Makler Dietmar Heine mundtot machen, fragt sich Tobias?

Matthias Ziesing spielt Tobias, der sich ermächtigt, den Makler festzuhalten und zu fragen. Dass daraus eine Geiselnahme wird, zu der auch eine Polizistin (Pegah Ferydoni, „Türkisch für Anfänger“) kommt, die nur die Wohnung abnehmen wollte, ist atemberaubend arrangiert. Regisseur Erler beherrscht die Thriller-Dramaturgie. Doch neben dem Gewaltpotential dieses Verbrechens zieht er ursächliche Verbindungen zu Immo Lux. Eine Mitarbeiterin (Mignon Remé), Mutter des Maklers, kann im Gespräch mit Geiselnehmer Tobias ihre wahren Motive für die Sanierung nicht verschleiern. Das SEK hört mit. Sympathie für Tobias zeigt auch die Polizistin, und dann sollen die Gasbehälter im Keller gezündet werden, um dem Rachegefühl aller „Entmieteten“ dieser Welt Luft zu verschaffen. Das ist irgendwie plausibel ins Bild gesetzt, aber Gregor Euler fällt hinter seinem Anspruch, realistisch zu sein, auch jetzt nicht zurück.

Welches Potential der Film hat, wurde von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg erkannt, als sie den fertigen Film im „Picture look“ gesehen hatte und Fördergelder bewilligte. Die Agentur Arri International übernimmt die Auslandsvermarktung.

Potential hat auch der Film „Mein Ende, dein Anfang“ von Mariko Minogucchi (Regie/Drehbuch). Nora muss erleben, wie ihr Freund Aron bei einem Banküberfall zufällig angeschossen wird und stirbt. Dieser Schock zwingt Nora immer wieder zu Déjà-vus, so dass der Film in Rückblenden vor allem eine becircende Liebesgeschichte skizziert. In der Spielfilmgegenwart trifft Nora dann Nathan, der sie daran hindert, sich das Leben zu nehmen. Als Nora herausfindet, weshalb sie Nathan begegnet ist, erhält der Film einen späten Thrill. Und Saskia Rosendahl (TV-Serie „Weissensee“, „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck) kann noch eine weitere Seite ihrer Spielkunst beweisen.

In Lünen gab es dafür den Darstellerpreis. Am 28. November kommt „Mein Ende, dein Anfang“ in die Kinos. Die Story ist extrem dicht, aber enorm professionell erzählt. Produzentin Trini Götze lobte in Lünen das Drehbuch von Mariko Minoguchi: „Wir mussten eigentlich nichts nacharbeiten.“

Zur 30. Auflage des Kinofest Lünen kamen über 10 000 Besucher, die über 50 Filme sahen. Das ist ein neuer Besucherrekord. Vor allem bei dem Schulfilmprogramm legte das Festival um 20 Prozent zu.

Für 2020 ist wieder ein Kinofest im November geplant.

Preise des 30. Kinofest Lünen

Lüdia (10 000 Euro) für „Der letzte Mieter“ von Gregor Erler

Rakete (3000 Euro) für „Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten“ von Martin Tischner

Schauspielpreis (2500 Euro) für Saskia Rosendahl für „Mein Ende dein Anfang“

Hans W. Geisendörfer Drehbuchpreis (2500 Euro) an Michael Fetter Nathansky für „Sag du es mir“

Perle, Preis für Frauen in der Filmbranche (2250 Euro), für Kitty Kratschke für ihr Maskenbild im Film „Systemsprenger“

Kurzfilmpreise „Erste Hilfe“ und „Erster Gang“ (jeweils 1600 Euro) erhalten Benjamin Kramme für „Alternativen“ und Suli Kurban für „Hayat – Leben“

Weitere Schüler- und Dokumentarfilm-Preise. Insgesamt wurden 30 000 Euro an Preisgeld vergeben.

Quelle: wa.de

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