Köln zeigt die abstrakte US-Malerin Joan Mitchell

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Eins von Joan Mitchells letzten Werken: „Merci“ (1992).

Köln - Wild schwirren die Pinselstriche durcheinander. Hier und da blitzt ein bisschen Rot auf, metallisches Türkis, etwas Grün. Schnell hat Joan Mitchell das gemalt, mit dünner Farbe, die Zufallslinien nach unten zog. Man sieht so viel von der weißen Leinwand, und das nimmt „Ladybug“ (1957) alle Schwere und Dichte. Da tanzt die Farbe vor dem Zuschauer und macht ihn vielleicht etwas glücklicher.

Das Bild ist im Kölner Museum Ludwig zu sehen. Joan Mitchell (1925–1992) nahm 1959 an der documenta II teil. Sie gehörte zur New Yorker Intellektuellenszene, war mit Malern wie Willem de Kooning und Franz Kline, mit Autoren wie Samuel Beckett und Frank O’Hara befreundet. Und doch ist sie längst nicht so berühmt wie ihre männlichen Kollegen. Zur Zeit aber scheint man die großen Künstlerinnen der Moderne wieder zu entdecken. In Düsseldorf ist die großartige, leise Kunst von Agnes Martin zu sehen. Köln widmet sich der nicht minder faszinierenden abstrakten Expressionistin Mitchell, zeigt rund 30 Bilder, die zwischen 1951 und ihrem Todesjahr entstanden.

Musik spielte in ihrem Schaffen eine große Rolle. Sie hörte im Atelier Jazz und Klassik. Und ihren oft wandfüllenden Bildern sieht man den Rhythmus, die Kunst der Tönung, den Groove an. Wenige ihrer Werke hat sie betitelt. „Ladybug“ ist eine Hommage an die Sängerin Billie Holiday, die sie auch „Lady Day“ nannten. Von da ist es im Englischen nicht weit zum Marienkäfer, Ladybug.

Mitchell stammte aus einer gut situierten Familie in Chicago. Ihr Vater war ein erfolgreicher Hautarzt. Um Geld musste sie sich in ihrem Leben nicht sorgen, das zeigt schon der Sport, den sie betrieb: Eiskunstlauf (da hatte sie in nationalen Meisterschaften Erfolg) und Turnierreiten. Was sie nicht hinderte, sich für soziale Fragen zu interessieren und als Studentin der Kommunistischen Partei beizutreten. Joan Mitchell malte schon als Kind, hatte ihre erste Ausstellung noch an ihrer Schule in Chicago. In mehreren Vitrinen kann man anhand von Fotos und Briefen das Leben einer durchaus privilegierten, sehr selbstbewussten Frau nachvollziehen.

Die Kölner Retrospektive, die in Kooperation mit dem Kunsthaus Bregenz entstand, ist chronologisch gehängt. Und sie stellt eine Künstlerin vor, deren Schaffen ganz den eigenen Regeln einer freien Abstraktion folgte, unbeeinflusst von anderen, zeitweise dominierenden Tendenzen wie der Pop-Art, der Konzeptkunst, dem Minimalismus. Im frühesten Bild der Schau, „Untitled“ von 1951, hallen noch Großstadtszenen nach. Man meint, eine nächtliche Straße zu sehen voller Menschen, und die Silhouetten erinnern von fern an Kompositionen des „Brücke“-Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner.

Aber diese figurativen Echos verschwinden aus ihrem Werk. Bilder wie „Ladybug“ nähern sich dem All-Over an, der gleichmäßigen Gestaltung einer Fläche, wie sie Jackson Pollock in seinen Tropfbildern betrieb. Aber Mitchell arbeitete stets an der stehenden Leinwand, wie die Tropfspuren ihrer Pinselstriche belegen. Sie zog alle Register der Maltechnik, variierte in einem Bild Farbaufträge von dünnflüssig bis zu fettem Brei. Sie spricht allein durch die Verve ihrer Formen (wobei sie durchaus kalligraphische Zeichen wie feste Vokabeln einsetzte) und die Leuchtkraft ihrer Farben.

Obwohl ihre Bilder abstrakt bleiben, spiegelt sich in ihnen die Welt, und manchmal die Befindlichkeit der Künstlerin. Der Tod ihres Vaters fand Niederschlag in einer Serie „Schwarzer Bilder ohne die Farbe Schwarz“, wie sie es nannte. In „Untitled (Cheim Some Bells)“ (1964) kann man bestaunen, wie sie den grauen Fleck im Zentrum, auf einer Wolke aus Blau und Schwarz, strahlen lässt.

Die Bilder sind nun strukturierter, aufgeteilt, haben erkennbare Formen, mal grob geometrisch, mal wie Schrift oder Vegetation. 1968 ist Mitchell nach Europa umgesiedelt, in der Nähe von Paris hat sie ein kleines Gut erworben. Ihre Malerei bleibt abstrakt, weckt aber nun Assoziationen an Landschaft und Natur. „Wind“, „Champs“ (Feld), „Trees“, „Sunflowers“ heißen die großen Diptychen, und die symmetrischen Kompositionen sind von berückender Intensität. Grandios ist ein Raum mit vier Quadriptychen, jedes mehr als siebeneinhalb Meter breit, die jeweils vier Einzeltafeln zu einer großen Farbbewegung zusammenfassen. Ein Bild widmete Mitchell ihrer langjährigen Psychotherapeutin Edita Fried (1981).

Bis 21.2.2016, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 26165, www.museum-ludwig.de,

Katalog, Buchhandlung Walther König, Köln, 45 Euro

Quelle: wa.de

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