Jan Koneffkes Roman „Die Tsantsa-Memoiren“ hat einen bizarren Helden

Ein Schrumpfschädel der Jivaro-Indianer. Der Tsantsa war 2012 in einer Ausstellung im Archäologiemuseum in Herne zu sehen. Der Schriftsteller Jan Koneffke macht einen Tsantsa zum Romanhelden. Fotos: dpa

Man entfernt aus dem abgeschlagenen Kopf Knochen, Fleisch, Hirn, bis nur noch ein Hautsack bleibt. Der wird ausgekocht, mit heißem Sand gefüllt, mumifiziert, Augen und Mund werden vernäht. Die im Amazonasraum angefertigten Kopftrophäen waren zur Kolonialzeit so begehrte wie makabre Sammelstücke. In Jan Koneffkes Buch „Die Tsantsa-Memoiren“ erwacht ein Kopf zu Bewusstsein, lernt sprechen und erlebt seine „Menschwerdung“.

Einen solchen Romanhelden gab es noch nicht. Der nach dem Ableben seines ursprünglichen Trägers unsterbliche Kopf wird von einem guten Dutzend Besitzer durch die Weltgeschichte getragen. Er erwacht um 1780 in Caracas als Eigentum eines spanischen Kolonialbeamten zu Bewusstsein. Später begleitet er einen patriotischen Abgeordneten des Frankfurter Paulskirchenparlaments, er wird Untersuchungsobjekt eines Pariser Hirnforschers, er hat Auftritte als Zugnummer einer Kuriositätenschau, er lindert seine Sexsucht in einem Bordell und unterzieht sich einer Psychoanalyse. Er findet eine Familie, geht verloren, fällt Nazis in die Hände. Am Ende diktiert er seine Memoiren.

Koneffke nutzt diese vermeintlich so passive Figur zu einer Reflexion über Identität und Menschlichkeit. Der Tsantsa, mal „Peewee“ genannt, mal „Tato“ oder „Fitzko“, bekommt seine Entwicklungsschübe oft durch Schocks. Gleich sein erster Besitzer, Don Francisco Ramirez, missbraucht rücksichtslos Menschen und Tiere in der spanischen Kolonie. Der Republikaner Jonathan Heise verfasst in Bamberg Zeitungsartikel und Gedichte gegen die monarchistische Willkür. Aber der Freiheitskämpfer ist zugleich ein egomaner Frauenheld und strammer Judenhasser, und seine Erfolge verdankt er dem rhetorischen Talent des Schrumpfkopfs. Peewee fällt auch in die Hände von Charles Worthington, einem Veranstalter von Völkerschauen in London, wo „Wilde“ aus Afrika und Südamerika vorgeführt werden, um die Überlegenheit der europäischen Zivilisation zu belegen.

Koneffkes Held übersteht selbst die Einschnitte und Elektroschocks im Labor von Paul Philippe Laurent. Da darf sich der Leser gruseln über eine Wissenschaft, die Schmerzen, Leiden, Tod in Kauf nimmt, weil der Forscher seine Erkenntnisse über alles stellt. Sogar „Monsieur Hugo“ wird nicht geschont, obwohl Laurent sein Bewusstsein anerkennt. Wundert es da noch, dass Tato erleben muss, wie Nazis aus ihren jüdischen Opfern neue Schrumpfköpfe herstellen, bloß um zu zeigen, dass Arier auch dieses Metier am besten beherrschen?

Bei aller Misanthropie und Skepsis gegenüber der menschlichen Moral ist dies aber kein finsteres Buch. Koneffke zeigt den Schrumpfkopf als besseren Menschen, der immer wieder erschrickt über die Untaten, deren hilfloser Zeuge er wird. Aber der Autor gönnt Tato auch immer wieder Glücksmomente und Erfolge. Immerhin hat der Kopf einige ungewöhnliche Talente, lernt zum Beispiel mühelos Sprachen, kann sich alles merken und sehr gut rechnen. Und er eignet sich als Spion.

Von Besitzer zu Besitzer wechselt Koneffke sozusagen das literarische Genre. Mit dem britischen Kaufmann Oliver Clifton erlebt der Tsantsa eine ironisch gebrochene Romanze im Rom des frühen 19. Jahrhunderts. Seine Auftritte im Zirkus des befellten Nachfahren eines pommerschen Adligen tragen Züge eines Schelmenromans, wo er nicht nur mit einer blutrünstigen erfundenen Lebensgeschichte das Publikum erschauern lässt, sondern auch erste Erfahrungen mit Liebe und Eifersucht macht. Und auf dem Montmartre wird der „Petit Coquin“ gar zum Helden eines beliebten Chansons. In den Szenen in Laurents Labor klingt gar der Schauerroman in der Nachfolge von „Frankenstein“ an.

Es ist schon erstaunlich, wie hier ein Einfall aus dem Phantastischen einen Roman mit historischem Realismus trägt. Wenn der Schrumpfkopf bei den teutschen Romantikern die Sprachreinigung lernt, die statt Fremdwörtern wie „Pistole“ und „Natur“ lieber „Meuchelpuffer“ und „Zeugemutter“ fordert, ist das schon witzig (und historisch wahr). Aber dass er damit 100 Jahre später die Nazis nervt, indem er ihr Deutsch überdeutscht, setzt noch eine hübsche Pointe drauf. Ebenso wie seine späte Karriere als Sänger einer Rockband und als Börsenspekulant.

Schon lange nicht mehr hat ein Roman die brisanten Themen der Menschheitsverbrechen in einer so leichten, verspielten Form behandelt. Dabei vermeidet Koneffke Frivolität. So schräg der Tsantsa als Held auch ist, er eignet sich als Identifikationsfigur, weil er humaner ist als die meisten seiner Besitzer und weil er Empathie, Mitgefühl entwickelt. Er lernt aus seinen Erfahrungen, lässt zum Beispiel den Patriotismus, mit dem Johannes Heise ihn einst ansteckte, hinter sich. Und als er sich mithilfe des Wiener Analytikers an sein erstes Leben als Augsburger Landsknecht im Dienst der spanischen Eroberer erinnert, da zieht er bald eine Trennlinie: „Melchior B. stieß mich ab.“ Auch das Thema der Identität wird hier auf eine bei aller Ironie doch tiefgründige Weise behandelt. Was ist der Mensch? Wie wird man einer? Der Tsantsa definiert sich neu – die einstige Enthauptung gibt ihm eine Chance, um die man ihn beinahe beneiden könnte.

Jan Koneffke: Die Tsantsa-Memoiren. Galiani Verlag, Berlin, 560 S., 24 Euro.

Quelle: wa.de

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