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Der Kreis Unna zeigt auf Haus Opherdicke „Herman Stenner und seine Lehrer“

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Von: Ralf Stiftel

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Hermann Stenner Kaffeegarten am Ammersee
Ein sommerliches Idyll zwischen Impressionismus und Expressionismus: Hermann Stenners Gemälde „Kaffeegarten am Ammersee“ (1911) ist auf Haus Opherdicke zu sehen. © Kreis Unna/Sammlung Bunte

Holzwickede – Das sommerliche Licht flirrt durch das Laub der Bäume im „Kaffeegarten am Ammersee“. 1911 fing Hermann Stenner das Idyll ein. Es ist in seinem Werk ein Bild des Übergangs. Einerseits stammen Motiv und Lichtführung von den Impressionisten. Mit den Helligkeitsinseln, weißen Flecken im verschatteten Bereich holt der Künstler die spezielle Atmosphäre eines Sommertags in sein Gemälde. Andererseits arbeitet er mit härteren Konturen, mit kräftigeren Farben. So malten die Fauves in Frankreich, und ähnlich arbeiteten auch die Expressionisten.

Zu sehen ist Stenners Gemälde auf Haus Opherdicke. Der Kreis Unna zeigt von Sonntag an die Ausstellung „Hermann Stenner und seine Lehrer“. Mit rund 100 Leihgaben aus der Sammlung Bunte bietet die Schau erstmals Einblicke in das Frühwerk des Künstlers. Wobei der Begriff trügt: Stenner, 1891 in Bielefeld geboren und 1914 im Weltkrieg an der Ostfront gefallen, hatte gerade fünf Jahre für seine Kunst. Er war unglaublich produktiv, hinterließ 300 Gemälde und 1500 Arbeiten auf Papier. Sein Talent wurde früh erkannt. Sein Vater Hugo Stenner betrieb zwar ein Malergeschäft, aber er hatte dekorative Malerei an der Kunstgewerbeschule studiert. In Opherdicke sieht man Zeichnungen, die Hermann Stenner 1904 im Wartesaal des Bahnhofs angefertigt hat. 1906 porträtiert der gerade 15-Jährige einen Jagdhund. Der Jugendliche malte Arbeiter in der Bielefelder Firma Dürkopp und zeichnete 1907 bei einer Reise zum Onkel nach Hamburg. Und all das wurde zumindest so wertgeschätzt, dass man es verwahrte. In der Schau hängt das frisch restaurierte „Selbstbildnis als Schüler“ (Kohle, 1908), die künstlerische Selbsterkundung eines 17-Jährigen überrascht durch ihre Nüchternheit und ihre sichere psychologische Auffassung. Wenige Frühwerke von Künstlern sind von solcher Reife geprägt.

Kein Wunder, dass Stenner schon mit 18 zur Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie München zugelassen wurde. In der Ausstellung hängen die Werke von vier Künstlern, bei denen Stenner lernte. Hans von Hayek, Ludwig Dill und Christian Landenberger sind Vertreter des damals populären Spätimpressionismus. Man findet die Spuren ihrer auf Stimmung ausgerichteten Kunst bei Stenner wieder. Zum Beispiel in dem Gemälde „Mit Kastanien bestandener Kanal“ (1909). In der Sammlung Bunte befindet sich nicht nur das ausgeführte Ölbild, bei dem der Künstler raffiniert mit der Fluchtlinie des Gewässers spielt, dem Wechsel von Licht und Schatten, den Spiegelungen. Man sieht auch die vorbereitenden Skizzen, eine Zeichnung mit einer zusätzlichen Brücke im Vordergrund. Stenner wechselte den Blickwinkel, um dieses störende Element auslassen zu können. Und es gibt einen in Öl ausgeführten Entwurf, der schon nah am fertigen Werk ist.

Hermann Stenner Selbstbildnis als Schüler
Ein reifes Frühwerk: „Selbstbildnis als Schüler“ (1908). © Katja Gläß/Kreis Unna/Sammlung Bunte

Stenners wichtigster, letzter Lehrer war Adolf Hölzel, ein Pionier der Abstraktion und Lehrer später prägender Bauhaus-Meister wie Johannes Itten und Oskar Schlemmer. Von ihm ist in Opherdicke die religiöse Szene „Büßerin“ (1907/08) zu sehen, eine abstrakte „Figürliche Komposition“ (o.J.), sowie der Entwurf für ein Glasfenster, „Lesende“ (1926). Das ausgeführte Fenster wurde zerstört. In der Ausstellung sieht man das Fenster gleichwohl, in einer Neufassung aus diesem Jahr.

Um Hölzel hatte sich ein Künstlerkreis gebildet. Er vermittelte, dass mehrere Mitglieder, darunter Stenner, Bilder zur wichtigen Kölner Sonderbundausstellung einreichen konnten. Zugleich lernte Stenner dort die damalige Avantgarde kennen, van Gogh, Munch, Cézanne, Picasso, Braque und viele mehr. Stenner folgte Hölzel auch, als dieser vorübergehend seinen Kreis in Monschau in der Eifel ansiedelte.

Die Ausstellung schlüsselt diese Etappen in Stenners Karriere gut nachvollziehbar auf. Man sieht Gemälde, die in Monschau entstanden. Man findet jene farbglühenden Bildnisse der späten Jahre. Die „Grüne Frau mit gelbem Hut“ (1913) abstrahiert die weibliche Büste zu einer Komposition breiter Pinselstriche, und die heftigen Konstraste der Komplementärfarben laden das Bild mit unwiderstehlicher Energie auf. Aus dem knallgrünen Antlitz blitzen drei rote Striche, Augen und Mund.

Unmittelbar an Hölzels religiöse Bilder knüpft Stenner an mit Szenen wie „Heilige von Engeln verehrt“ (1913). Allerdings verunklart er die Szene, so dass der Raum nicht mehr identifizierbar ist. Es scheint, als wolle er an mittelalterliche Buchmalerei oder ostkirchliche Ikonen anknüpfen. Die expressive Farbigkeit und die Abstraktion allerdings führt Stenner fort.

Auch die Sonderbundausstellung schlug sich in seiner Malerei nieder, zum Beispiel im Bild „Kubistische Figur mit Häusern“ (1914).

In seinem letzten Lebensjahr entwickelte Stenner so etwas wie ein blaue Phase. Die leuchtenden Farben verschwinden, stattdessen hält er das „Damenbildnis mit Lilie“ (1914) in einer gedämpften Nachtstimmung. Die Farbe trägt er nun lasierend auf, arbeitet fast monochrom in Blautönen und am unteren Bildrand lässt er ein Stück Leinwand frei.

Er traute sich nun an größere Formate, im letzten Saal hängt eine „Auferstehung“. Christus und die Wächter am Grab sind ebenfalls in, allerdings kräftigerem Blau gehalten, ihre Gesichter sind zombiebleich. In den Hintergrund setzt Stenner Partien in Gelb als Kontrast. Die Grundstimmung freilich ist ebenfalls düster. Eins der letzten Bilder zeigt eine Beerdigung, „Grabrede“ (1914), es scheint wie eine Vorahnung. Im August meldete er sich als Freiwilliger. Am 5. Dezember fiel er in Polen.

5.9.–27.2.2022, di – so 10.30 – 17.30 Uhr,

Tel. 02303/ 275 041, www.kreis-unna.de/haus-opherdicke,

Katalog, Verlag Kettler, Dortmund, 30 Euro

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