Zehn Stationen

Kulturspaziergang durch Marl: Der Glaskasten bietet Kunst unter freiem Himmel

Skulptur Carl Fredrik Reuterswärd: Non Violence, 1995/99 in Marl.
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10. Stationen hat der Kunstspaziergang durch Marl.

Ob das Zentrum von Marl schön ist, darüber kann man gut streiten. Die Stadt, gegründet 1936, bekam mitten im Wirtschaftswunder der 1960er und 1970er Jahre ein Zentrum vom Reißbrett.

Marl – Ein Ensemble aus Plattenbauten zum Wohnen, den Marler Stern zum Einkaufen und ein Rathaus. Zur Großstadt reicht das für eine Kommune mit rund 87 000 Einwohnern nicht. Aber einen Besuch ist Marl allemal wert, gerade wenn man in Zeiten von Corona einmal richtig in Kunst schwelgen möchte.

Sehenswert ist schon der Rathauskomplex, errichtet nach Plänen der niederländischen Architekten Johan Hendrik van den Broek und Jacob Bokema von 1960 bis 1966. Am City-See sieht man vor den beiden Bürotürmen den gefalteten Betonkasten für den Publikumsverkehr. Im Erdgeschoss befindet sich das Skulpturenmuseum Glaskasten, das offiziell 1982 gegründet wurde. Aber schon vorher gab es viel Kunst in der Revierstadt, 1970 zum Beispiel die Freiluftausstellung „Stadt und Skulptur“, aus der Arbeiten angekauft wurden. Mehr als 70 Werke stehen rund um das Museum. Einige sind wegen der Sanierung des Rathauses oder wegen Restaurierung nicht an ihrem Platz. Trotzdem können hier nicht alle genannt werden. Weil die Kunst aber auch vorbildlich beschildert ist, kann der Flaneur frei auf Entdeckungstour gehen.

1. Wir beginnen auf dem Creiler Platz, der von einem (zur Zeit trockenen) Brunnen beherrscht wird. An der Fassade des Rathauses befindet sich ein Schriftzug: „Les Fleurs du Mal“. Zu Mischa Kuballs Arbeit (2014) gehört eine Betonvase an der seitlichen Treppe, die gern mit Blumen bestückt wird.

Vor dem Rathaus steht die „Naturmaschine“ (1969) des Künstlerpaars Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff: Aus drei Chromnickelstahlwürfeln winden sich dicke Wülste. Die Skulptur wird gern benutzt, von Kindern erklettert. Rund um den Platz stehen weitere Werke wie das „Paar“ (1979) und die Stele „Vertikaler Rhythmus“ von Hagen Hilderhoff. Werner Graeffs „MarlSku“ (1970/72), ein hell leuchtendes Zeichen, ein abstrahierter Förderturm aus Beton. Der österreichische Bildhauer Alfred Hrdlicka hat Dietrich Bonhoeffer ein eindringliches Porträt (1977) gewidmet, um den Hals des von den Nationalsozialisten hingerichteten Pfarrers liegt ein Strick. Zwischen Rathaus und Stern steht Carl Fredrik Reuterwärds Arbeit „Non Violence“ (1995/99). Der schwedische Künstler hat mit der Serie von Revolvern mit Knoten im Lauf nach der Ermordung John Lennons begonnen. Andere Versionen stehen vor dem UN-Gebäude in New York und der Europäischen Kommission in Brüssel.

Skulptur Carl Fredrik Reuterswärd: Non Violence, 1995/99 in Marl.

2. Der Glaskasten macht seinem Namen Ehre: Das Museum ist verglast, durch die Scheiben kann man Arbeiten von Wolf Vostell (eine Objektmontage um einen Buick und ein ausgestopftes Kalb), Otto Hajek, Germaine Richier und vielen anderen sehen. In einem Graben hinter dem Museum ist Stefan Wewerkas „Schilderwald“ (1970/71) aus verfremdeten Verkehrszeichen. Wir biegen rechts in den Eduard-Weitsch-Weg ein, zu Hede Bühls „Sitzender Figur“ (1974), gefesselt und doch wie ein Totemzeichen.

3. Ein Stück weiter liegen Jochen Hiltmanns organartige Objekte „Dyspepsi“ (1968) auf dem Rasen. Und auf einem Steinrondell liegen die „Polyeder“ (2007) Ansgar Nierhoffs, Vieleck-Körper, ursprünglich Würfel, die geschlagen wurden, bis sie fast Kugeln wurden, die dreidimensionale Entsprechung zur Quadratur des Kreises.

4. Wir wenden uns links in den Weg am Ortsrand, bis wir zum „Europäischen Friedenshaus“ kommen. Hier können wir den ehemaligen Friedhof betreten, der zum Skulpturenpark wurde. An dem Haus halten wir uns links, bis wir zu einer quadratischen Anlage aus Beton kommen. Es ist Ilya und Emilia Kabakovs „Denkmal für einen Gefangenen“ (2004/10), das sich erst erschließt, wenn man es betritt. Im Zentrum deckt ein Stahlgitter eine Grube ab, in der ein Baum wächst, eingesperrt, und seine Äste, die durch das Gitter wachsen, wirken wie sehnsüchtig ausgestreckte Finger. Im Park findet man klassische figurative Skulpturen wie Seff Weidls „Vorgebeugten Mann“ (1954), aber auch Micha Ullmans „Grund/Ground“ (1987/2006), einen Eingriff in die Landschaft, akzentuiert durch Eisenträger.

5. Der englische Künstler Ian Hamilton Finlay illustriert mit einer Reihe von vier, jeweils fast fünf Meter hohen, Guillotinen die Ambivalenz der Revolution. Und Bogomir Ecker hat einer alten Eiche zwei große, rote Ohren aus Stahl und Alu verpasst („Vehoohr“, 1986/2015).

6. Wir verlassen den Park. Auf dem Parkplatz steht die „Melonensäule“ von Thomas Schütte, eine Entsprechung zur „Kirschensäule“ in Münster. Das Fruchtmonument kam 2017 nach Marl, im Zuge der Kooperation mit den Skulptur-Projekten.

7. Wir erreichen wieder den City-See und sehen zwei Werke der klassischen Moderne, die elegante „Große Badende“ (1956) von Emilio Greco und Hans Arps „Feuille se reposant“ (1959), ein ruhendes Blatt, gestützt nur auf einen Bronzezipfel, voluminös und doch ganz leicht.

8. Wir umrunden den City-See, vorbei an weiteren Kunstwerken, bis wir zu Ossip Zadkines Bronze „Großer Orpheus“ (1956) kommen.

9. Nun wenden wir uns nach rechts und gehen über die Fußgängerbrücke zum Stadttheater, vor dem Vera Röhms „Himmelsachse“ steht. Direkt dahinter liegt in einer Senke Wolf Vostells Installation „La Tortuga“ (1987/93). Vostell ließ eine Dampflokmotive mit Tender auf den Rücken legen und erzeugt die surreale Optik eines bewegungsunfähigen Tieres. Man kann die Arbeit allgemein als Abgesang auf eine Technik im Niedergang lesen. Die Güterlok ist zudem ein Modell der Baureihe 52, wie sie im Zweiten Weltkrieg von der Reichsbahn für die Deportationen in die Konzentrationslager benutzt wurden. Wenn man sich nähert, wird ein Audioprogramm aktiviert und man hört biblische Psalmen sowie Zeitzeugenaussagen.

10. Nun kehren wir um, zurück zum Zentrum und wenden uns hinter der Brücke links. Am Ufer des City-Sees finden sich weitere Skulpturen, wie Bernhard Heiligers stolze „Nike“ (1956), ein stählerner Tisch von Timm Ulrichs („so und so“, 1988/89), eine massive Stele von Ulrich Rückriem („Granit gespalten“, 1978).

Wem das Angebot am Museum nicht genügt, der findet einen weiteren Skulpturenpark an der zwei Kilometer entfernten Paracelsus-Klinik. Es ist eine Dependance des Museums.

Über die Marler Sammlung informiert der Katalog: Georg Elben (Hg.): Skulpturen in Marl. Wienand Verlag, Köln. 29,80 Euro. Die Karte darin ist inzwischen teilweise veraltet. Aktuelle Informationen bietet die interaktive Karte des Museums: www.skulpturenmuseum-glaskasten-marl.de/de/ museum/geo-karte/

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