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„A Letter from the front“ zeigt ukrainische Filmkunst in der Kunsthalle Münster

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Von: Achim Lettmann

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Ein Bild aus Yaroslav Futymskys Video „Flag is burning“ (2019)
In Flammen geht die Friedensfahne auf. Ein Bild aus Yaroslav Futymskys Video „Flag is burning“ (2019). © yaroslav futymsky

Ukrainische Kunst ist auch in deutschen Kunstinstitutionen angekommen. Die Kunsthalle Münster stellt ein Programm mit Filmen und Videos vor, das vor allen den Alltag verstehen lernt.

Münster – Kurze Videos zeigen den Alltag in Dnipropetrovsk, westlich von Luhansk in der Ukraine. Auf einem Autodach ist eine fingerdicke Dreckschicht zu sehen, eine Kehrmaschine verstaubt die Straße, ein Tankfahrzeug brennt vor einem Hochhaus, der Fahrer ist verschwunden. Sarkastisch haben Daniil Revkovsky und Andriy Rachinsky ihren Zusammenschnitt „Labor Safety in the Region of Dnipropetrovsk“ genannt. Es ist der urkainische Arbeitsalltag vor dem Angriff Russlands.

Der gelbe Rauch aus der Stahlfabrik, glühender Koks auf Waggons und der brennende Hochofen erinnern an Krieg und Untergang. „Fucking Hell“ wird ein Arbeiter übersetzt. Das Video ist Teil eines Loops aus 13 Filmen aus den vergangenen 15 Jahren. Es ist eine inhumane Arbeitswelt. Wohin steuert die Ukraine?

Es ist ein vielteiliges Drama, das in der Kunsthalle Münster zu erleben ist. Das Institut zeigt unter dem Titel „Ein Brief von der Front“ insgesamt 19 Filmarbeiten von 17 Künstlerinnen und Künstlern der Ukraine. Viele sind vor den Russen geflüchtet, leben am Rand des Kriegsgebiets und mussten PC-Festplatten zurücklassen. So sind viele Videobilder aus Clouds und von Servern heruntergeladen und nicht in bester Bildqualität. „Flag is burning“ (2019) von Yaroslav Futymsky sticht ein wenig hervor. Die Friedensfahne wird an verschiedenen Orten gezeigt, dann geht sie in Flammen auf. Die Ukrainer befanden sich lange vor dem 24. Februar 2022 im Krieg mit Russland. Nur sind sie mittlerweile in eine härtere Phase eingetreten. Dies belegen die Videos (englisch untertitelt) in Münster.

Das Filmprogramm haben Nikita Kadan, 1982 in Kiew geboren, und Giulia Colletti vom Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea umgesetzt, ein Institut nahe Turin. „Ein Brief von der Front“ war bereits in Rivoli und München zu sehen. Im Gespräch sei man mit dem Moderna Museet in Stockholm, sagte Merle Radtke. Die Direktorin der Kunsthalle solidarisiert sich mit den Kunstschaffenden der Ukraine. Seit März hat Radtke die Posts von Asia Bazdyrieva auf Instagram empfangen. Aus einem Bombenkeller sendete sie Lebenszeichen. Nach ihrer Flucht vor den Russen schrieb sie ein Tagebuch. Ihre „Arbeit des Bezeugens“ (2022) stellt sie in Münster aus. Asia Bazdyrieva hat sich wissenschaftlich mit Protestformen beschäftigt.

In der Kunsthalle ist das widerstreitende Grundgefühl spürbar, das viele Menschen seit 2014 umtreibt. Lässt sich die Abkehr von Russland, die mit der Maidan-Revolution 2013/14 einhergeht, in Freiheit leben? Das Video „Regular Places“ (2014/15) von Mykola Ridnyi zeigt zivile Bilder, wie sich Menschen auf Straßen und Plätzen bewegen. Im Off sind aber Beschimpfungen zu hören, die während der Maidan-Revolution aufgenommen wurden: „Maidan-Leute verlasst Charkiw!“ oder „Woher kommst du, um uns zu töten?“. Es sind prorussische und antirussische Meinungen.

Yuri Leiderman lässt seinen Vater von der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht im 2. Weltkrieg erzählen. Ein Vortrag des US-Historikers Timothy Snyder wird in Münster eingespielt, der die Verantwortung Deutschlands für die Ukraine historisch begründet. Eine facettenreiche Ausstellung.

Bis 11.9.; di – so 12 – 18 Uhr; Tel. 0251/67 44 675; www. kunsthallemuenster.de

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