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Das Museum für Klosterkultur in Dalheim fragt „Latein. Tot oder lebendig!?“

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Von: Achim Lettmann

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Das Faksimile ist im Kloster Dalheim in der Ausstellung „Latein“ zu sehen.
Die Handschrift Codex Ambrosianus (1320–1325) aus dem Besitz des Dichters Petrarca enthält Schriften Vergils und Horaz’. Das Faksimile ist im Kloster Dalheim in der Ausstellung „Latein“ zu sehen. © Köln, biblioteca petrarchesca , Speck/Hoffmann

Generationen von Schülern quälten sich mit Latein. Eine vielfältige Ausstellung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe zeigt, wie substanziell die Sprache des alten Roms noch heute ist.

Lichtenau – „Wir müssen als Grundlage für das Gymnasium das Deutsche nehmen“, sagte Kaiser Wilhelm II. am 4. Dezember 1890. Der Monarch stand an der Spitze des Nationalstaats und forderte Veränderungen im Bildungswesen. Der lateinische Schulaufsatz wurde abgeschafft. Schüler mussten fortan nicht mehr in Lateinisch schreiben. Vielleicht waren damals viele Gymnasiasten erleichtert, wie Generationen von Schülern nach ihnen, die die Sprache als Herausforderung erlebten. Heute ist Latein dritte Fremdsprache an unseren Schulen. Weshalb das so ist, thematisiert eine Ausstellung in Lichtenau im Museum für Klosterkultur Dalheim: „Latein. Tot oder lebendig!?“.

Es ist eine ambitionierte Präsentation mit rund 200 Objekten über 2100 Jahre Sprachgeschichte. Das Ausstellungsteam um Museumsdirektor Ingo Grabowsky und Kuratorin Carolin Mischer schaut mit spürbarem Respekt auf ein Phänomen: Latein existiert seit dem 5. Jahrhundert ohne römischen Staat, ohne Muttersprachensprecher wurde es weiter gelehrt. Aus dem Vulgärlatein entwickelten sich zeitgleich neue Sprachen, wie die romanischen. Eine Medienstation im Museum für Klosterkultur bietet Beispiele. „Essen“ hieß manducare (Vulgärlatein), später manger (Franz.), comer (Span.) und mangiare (Ital.). Auf Graffiti der Ausgrabungsstätte Pompeii haben Archäologen nachgewiesen, dass die Genitivendung als erster Fall im Lateinischen verloren ging. Auf Grabsteinen konnte ermittelt werden, das sich ein I-Laut zu E im Vulgärlatein verwandelte. Sprache bewegt sich.

Auch angesichts der zunehmenden Anglizismen im deutschen Sprachgebrauch darf das Durchhaltevermögen des Lateinischen erstaunen. Das Wissen um „die Muttersprache Europas“, wie sie die Kulturdezernentin des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, Barbara Rüschhoff-Parzinger, bezeichnet, wird auf spielerische Weise vermittelt. Gleich am Anfang lassen sich Produkte aus dem Supermarkt scannen, um sicher zu gehen, welchen Ursprungs die Namen sind. Wie „Nivea“ (lat. schneeweiß), „Duplo“ (lat. zweifach) oder das „Focus“-Magazin (lat. Herdfeuer).

In Lichtenau geht es aber nicht nur um Übersetzungstechnik. In elf Stationen werden einem elf Persönlichkeiten der Geschichte vorgestellt, die Latein wertschätzten. An erster Stelle steht Cicero (106–43 v. Chr.) mit großer Rom-Illustration. Der Anwalt und Politiker war Mitglied des Senats, obwohl er nicht zum Ritterstand zählte. Sein Sprachtalent adelte ihn und definierte den Höhepunkt des Lateinischen als Literatursprache. Seine Redekunst ist noch heute vorbildlich und war so gefürchtet, dass ihn Marcus Antonius 43 v. Chr. ermorden ließ. Fulvia, Antonius Frau, bohrte ihre Haarnadel durch Ciceros Zunge, die aus dem aufgespießten Kopf des Senators hing. Cicero setzte sich schon zur Zeit Julius Cäsars (100–44 v. Chr.) für die Republik ein. In der Ausstellung ist eine Haarnadel mit Kupferlegierung ausgestellt, die in Bramsche-Kalkriese ausgegraben wurde. Ein Fundstück der Varus-Schlacht 9 n. Chr.

Die Schau liefert vor allem Ausflüge in die Geschichte. Karl der Große (747–814) setzte Latein im 9. Jahrhundert als Verkehrs- und Verwaltungssprache im Frankenreich ein, wo es galt, viele Völker zu führen – mit Waffengewalt (Sachsenkriege) und Latein. Er wird als „Wegbereiter“ vorgestellt, der sich selbst mit dem Latein schwertat, kaum schreiben konnte. Heute geht der Karlspreis in Aachen an Menschen, die sich für die Einigung Europas eingesetzt haben.

Zu den weniger bekannten Persönlichkeiten zählt Hrotsvit von Gandersheim (um 935–nach 973). Die Stiftsfrau dichtete auf Latein. Ihre Texte entdeckte Conrad Celtis (1459–1508) in Regensburg und war von der Sprachkunst begeistert. Hrotsvit war überzeugt davon, dass sich Latein mehr für christliche Texte eignete als Deutsch. Ein Holzschnitt (1501) von Dürer belegt, wie groß die Verehrung Hrotsvits als Dichterin war.

Vor allem Humanisten wie Erasmus von Rotterdam (um 1466–1536) und Francesco Petrarca (1304–1374) erhoben Latein zur europäischen Bildungs- und Wissenschaftssprache. Der Italiener sagte von sich „Ich bin Ciceronianer“. Er sammelte antike Schriften wie im Codex Ambrosianus (1320–1325). Vergil und Horaz wurden verehrt. Dem dunklen Mittelalter entgegnete Petrarca, dass fortan der Mensch im Zentrum des Handelns und Fühlens stehen sollte. Mit seinen Liebesgedichten auf Italienisch ist Petrarca unsterblich geworden.

Neben modernen Medien bietet „Latein“ auch historische Originale. Das Bibelfragment aus St. Gallen (Schweiz) aus dem 5. Jahrhundert ist das älteste Objekt der Schau. Von Erasmus von Rotterdam ist ein Dolch mit Messer und Pfriem (Lochstecher) zu sehen. Und ein Schülerheft (Pergament) aus dem Kloster Reichenau, einem Benediktinerstift (9. Jahrhundert), erinnert ans Vokabellernen. Vor allem der Klerus wurde in der Zeit unterrichtet, um Bibel, Predigten und Gesang zu verstehen. Dass das Kirchenlatein über Jahrhunderte die Gottesdienste dominierte, machte Martin Luther (1483–1547) zum Thema. Er bot mit seiner ins Deutsche übersetzten Bibel eine reformatorische Alternative. Latein als Herrschaftsinstrument wird in der Schau aber nicht sonderlich vertieft.

Herrlich ist ein Übungsbuch aus dem 15. Jahrhundert. Die Novizinnen des Kloster Ebsdorf (nahe Munster) schrieben auf Pergament so gleichmäßig, dass eine grafische Qualität erreicht wurde. Die jungen Frauen sollten Chorgebete und Messetexte verstehen. In Aufsätzen und Tagebuchnotizen wird erkennbar, dass Frauenbildung einen Stellenwert erhielt.

Latein ist in der europäischen Kulturgeschichte ein Seismograph für Veränderung. René Goscinny und Albert Uderzo nutzten lateinische Zitate im ersten „Asterix“-Comic 1959, um dem Genre mehr Niveau zu geben. In der Ausstellung ist ein Originalblatt Uderzos aus Paris zu sehen: „Asterix, der Gallier“. Und es gibt Beispiele aus der Freizeit, die Lateinfans gefallen werden. Wie Filmausschnitte aus „Das Leben des Brian“ (1979). Oder einen „Turbo Schalcennis“, eine Vereinsschrift des FC Schalke 04 („Schalker Kreisel“) auf Latein 1997, als der Club den Uefa-Cup gewann. Spaß macht auch das Video, das Schüler des Theodorianum produziert haben. Lateinische Fragen werden darstellerisch unterstützt, so dass Antworten leichter fallen. Das Paderborner Gymnasium ist für alte Sprachen eine Institution. Alle Schau- und Vitrinentexte der Ausstellung sind auch auf Latein – wer es mag und versteht.

Bis 8.1. 2023; di – so

10 – 18 Uhr; Katalog 24,80 Euro im Kunstverlag Josef Fink; Tel. 05292/9319 225; www.stiftung-kloster-

dalheim.lwl.org

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