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Lygia Papes Werk wird im K20 Düsseldorf ausgestellt

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Von: Achim Lettmann

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Die 365 Holzquadrate – hier ein Ausschnitt – sind singuläre Bildreliefs, die zwischen 1961 und 1963 entstanden. Zu sehen in Düsseldorf.
Vielteilig ist die Installation zu Lygia Papes „Livro do tempo“ (Buch der Zeit). Die 365 Holzquadrate – hier ein Ausschnitt – sind singuläre Bildreliefs, die zwischen 1961 und 1963 entstanden. © kukulies/Projeto Lygia Pape, Installationsansicht K20, Kunstsammlung Nrw

Sie gestaltete die brasilianische Kunst des 20. Jahrhunderts: Lygia Pape. In Düsseldorf wird ihr vielgestaltiges Werk in einer famosen Überblicksschau präsentiert.

Düsseldorf – Ihr Name ist auch Kunstinteressierten nicht geläufig: Lygia Pape. Eine brasilianische Künstlerin, die erstmals in Deutschland mit einer großen Übersichtsausstellung gewürdigt wird. Das K20 in Düsseldorf macht sich einmal mehr um die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts verdient. Lygia Pape (1927–2004) hat die moderne Kunst in einen Land beeinflusst, das hierzulande vor allem für seine modernistische Baukunst steht: Brasilien. Die geometrischen Grundtypen, die Oscar Niemeyer (1907–2012) zu seinen Gebäudeformen in der Stadt Brasìlia erhoben hatte, die finden sich auch in der abstrakten wie konkreten Kunst der Grupo Frente. Lygia Pape, im Bundesstaat Rio de Janeiro geboren, gründete mit Lygia Clark und Hélio Oiticica 1954 diese Vereinigung. Künstler, Autoren und Kritiker wie Ivan Serpa, Ferreira Gullar und Mário Pedrosa beschäftigten sich mit der europäischen Kunst. Was war für sie relevant, was für Brasilien?

Die Ausstellung „Lygia Pape. The Skin of All“ ordnet das vielteilige Werk in zwei Bereiche. Pape, die nie Kunst studiert hatte, malte, schuf Holzschnitte, drehte Filme, entwickelte Performances, die sie filmisch dokumentierte, entwarf Plakate, choreografierte Ballette, schrieb Gedichte, unterrichtete, installierte und experimentierte. Nichts will die Schau in Düsseldorf übergehen.

Am Anfang sind einige Gemälde („Pintura“, 1953) und zahlreiche Holzschnitte („Tecelares“) zusehen, die geometrische Abstraktionen mit Farben akzentuieren und schwarze Grundformen im Bildraum auf Japanpapier spiegeln. Das Bild „Tecelar“ (1959, dt. Webung), ist ein Holzdruck, der die Maserung der Druckform als weiße Linienspur auf dem Blatt in dem schwarzen Viereck festhält. So verliert die geometrische Form ihre Dichte und Absolutheit. Es war ein Schritt zur Neokonkreten Kunst, die ab 1959 die rationale Position des Konkretismus überwand und sich von Vorbildern wie Malewitsch, Mondrian und Bill entfernte.

Lygia Pape löste sich fortan vom Kunstwerk als Unikat, wollte Teil des alltäglichen Lebens sein, den Betrachter einbeziehen und mehr Sinne ansprechen mit ihrer Kunst. Bei der Performance „O ovo“ (Das Ei, 1967) durchbricht Pape eine weiße Folie und steigt aus einem Kasten, als hätte sie nach einem Reifeprozess die eigene Wiedergeburt bestimmt. Pape dokumentierte diesen metaphorischen Akt (Fotos, Super-8-Film, 1:52 Min.), der sinnbildlich für einen neuen Menschen steht. In der Ausstellung, die rund 90 Arbeiten zeigt, sind allein 13 Videos zu sehen. Es sind digitalisierte Dokumentarfilme von Papes Performances. Auch „Roda dos prazeres“ (1967, Rad der Freuden) zählt dazu, als Dokufilm und als Performancenachbau mit Schüsseln, Farbflüssigkeiten und Pipetten.

Die Grupo Frente war immer unpolitisch und vertrat die Freiheit der Kunst. Aus dieser Haltung und dem Manifest Neokonkreto (1959) entwickelte sich Brasiliens zeitgenössische Kunst. Lygia Pape war eine „Schlüsselfigur“, sagte Susanne Gaensheimer. Die Direktorin der Kunstsammlung NRW stellt seit fünf Jahren Künstlerinnen vor, die die Nachkriegsmoderne gestaltet haben. Während die Kunstsammlung NRW vor allem europäische und US-amerikanische Künstler im Bestand hat, erweitern und befragen Ausstellungen zu Lygia Pape und der Kubanerin Carmen Herrera (2017/18) das Bild einer westlichen und von Männern geprägten Moderne.

Die Ausstellung kommt im zweiten Teil dem substanziellen Wechsel im Werk Papes entschlossen nach. Vor allem zwei große Installationen geben der Schau noch eine weitere Dimension. „Livro do tempo“ (Buch der Zeit, 1961–1963) erstreckt sich mit 365 singulären Quadraten auf einer hohen Wand. Die Grundform ist eingeschnitten, variabel gestaltet, mit Rot, Gelb und Blau bemalt, aber auch mit Orange, Weiß und Schwarz versehen. Jeder Tag hat einen eigenen Ausdruck.

Zur Zeit der Militärdiktatur (1964–1985), die mithilfe der USA eingesetzt wurde, reagierte Pape mit performativen Arbeiten und subversiven Unterton. Zum Beispiel geht der Titel der Ausstellung „The Skin of All“ auf eine Performance zurück. In der Favela da Cabeça in Rio steckten Kinder ihre Köpfe durch Öffnungen in einem weißen großen Tuch. Die Kinder schauten sich an, spürten, wie das Tuch sie trennte, aber gleichzeitig zu einer Einheit verwandelte. Sie bewegten sich auf der Straße. „Divisor“ (1967) sollte zu einer Metapher der politisierten Massen werden, die 1968 gegen die Diktatur zu Hunderttausenden auf die Straßen gingen.

Lygia Pape, die 1973 inhaftiert und gefoltert wurde, weil sie Regimegegnern der Diktatur geholfen haben soll, thematisiert Kapitalismus, Öl-Multis, Militärs, den Kunstmarkt, aber auch indigene und schwarze Kultur. Sie arbeitete für das Cinema Novo, das sich als Gegenentwurf zu Hollywood verstand. Oder sie erinnert mit dem Film „Eat Me: A gula ou a luxúria? (1975, Iss mich: Völlerei oder Lust?) an das „Anthropophagische Manifest“ (1928) von Oswald de Andrade. Der Schriftsteller verwies auf ein indigenes Volk, das symbolisch seine Feinde verspeiste, um deren Stärken anzunehmen. So sollte Brasilien mit kolonialer Kultur verfahren: verschlingen, verdauen, etwas Eigenes ausspucken. Ein Grundgedanke brasilianischer Kunst bis heute.

Andere Filme Papes zeigen Märkte, Straßenhändler oder Artisten, die Menschen anziehen. Die Künstlerin suchte „magnetisierte Räume“ in Rio auf. Sie gaben ihr Energie.

Wer sich in der Düsseldorfer Ausstellung frei bewegt, auf Entdeckung geht und nicht in den Flanierschritt verfällt, kann etwas vom Spirit mitnehmen, der diese vielschichtige Kunst ausmacht. Kuratorin Isabelle Malz spricht von zirkulärem Arbeiten, das Pape immer wieder zum eigenen Werk führte: „Ich bin auf der Suche nach einem Gedicht.“

So greift Pape immer wieder auf geometrische Grundlagen ihrer Kunst zurück. Die zweite raumgreifende Installation ist eine atmosphärische Erfahrung. Einerseits sind silberne Fäden streng geordnet, im Quadrat gruppiert und diagonal in einen hohen Raum gespannt. Andererseits geben die Spots ein dosiertes Licht ab, das die Struktur und Materialität von „Ttéia 1C“ (2001/2022) zu einem magischen und ephemeren Raumgefühl verwandeln. Wann war ein konstruktiver Einbau schon mal so betörend?

Bis 17.7.; di – fr 10 – 18 Uhr, sa, so 11 – 18 Uhr;

Tel. 0211/83 81 204;

Katalog erscheint im Mai; www.kunstsammlung.de

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