1. SauerlandKurier
  2. Kultur

„Mädchenschule“ von Nona Fernandez am Theater Dortmund

Erstellt:

Von: Achim Lettmann

Kommentare

Nika Miskovic (von links), Valentina Schüler und Linus Ebner in dem Stück „Mädchenschule“.
Nika Miskovic (von links), Valentina Schüler und Linus Ebner in dem Stück „Mädchenschule“. Zu sehen am Theater Dortmund. © Dürkopp

Widerstand gegen Diktatur und Kapitalismus. Im Stück „Mädchenschule“ bietet Nona Fernandez in Dortmund die Geschichte Chiles im Zeitraffer.

Dortmund – Was im südamerikanischen Chile passiert, gibt uns Nona Fernández’ Stück „Mädchenschule“ auf. Die Dramatikerin weiß, wie sich die Chilenen der Militärdiktatur widersetzten und General Pinochet 1989 stürzten. Doch im befreiten Staat geriet die Demokratie unter Druck, steigende Preise und niedrige Löhne bevorteilten die schon immer Reichen. Chile wurde von westlichen Wirtschaftsinteressen gelenkt. Aber die Gesellschaft stand 2019 wieder auf. Der Staat soll nun mit einer neuen Verfassung reformiert werden. Nona Fernández hat die politische Lektion ihres Volkes in einem Bühnenstück verarbeitet, das den Mut, die Entschlossenheit und den Schmerz der Jugend thematisiert. „Mädchenschule“ ist aber kein pathetisches Sozialdrama, vielmehr werden Freiheit und Solidarität von magischen Kräften unterstützt: die jungen Demonstranten kommen zurück in die Zukunft. Als ein Physiklehrer drei Schülern aus einem Versteck hilft, wird klar, dass sie bereits in der Diktatur 1985 demonstrierten und nun 30 Jahre später wieder von Aufständen erfahren. Ein Zeitsprung. Mit dem Kuriosum dieser Rückkehr hält sich Regisseurin Anna Tenti etwas lang auf und Alexander Darkow fremdelt als Lehrer ausgiebig, kennen die Menschen mit weißen Klamotten und weißen Haaren nicht mal ein Handy. Die Botschaft richtet sich an ein junges Publikum, und dem kommt Tentis Deutsche Erstaufführung (Text: Friedericke von Criegern) im Dortmunder Studio voll und ganz nach.

Sowie das vibrierende Handy als Telefon akzeptiert ist und nicht mehr als Bombe verkannt wird, performen die drei ihre neue alte Realität. Maldonado (Nika Miskovic) und Riquelme (Valentina Schüler) rekonstruieren, was damals auf dem Schulhof passierte, als Alpha Centauri einen Polizisten tödlich traf. Die Jugendlichen hatten sich Decknamen von Sternen gegeben, um anonym zu bleiben – vergebens. Fuenzalida (Linus Ebner) kam in Haft, erlebte Folter und Willkür. Wie Ebner die Gedanken der Verstummten auf Schultafeln, Wände und Boden schreibt (Bühne: Christiane Thomas), öffnet die poetische Dimensionen des Stücks auch mit Humor. Er verliert seine Angst und findet wieder Worte. Eine Hoffnung, die auch die Videoeffekte (Lena C. Kremer/Tobias Hoeft) als Zeitbilder transportieren. Und das Strahlen der Sterne beschreibt der Lehrer in Lichtjahren, die mit der magischen Rückkehr der Jugendlichen korrespondiert. In Dortmund treffen Physik und Bürgerrechte aufeinander. Eine bemerkenswerte Liason.

20., 21., 27., 31. 10.; 6., 17. 11.; Tel. 0231/5027 222; www.theaterdo.de

Auch interessant

Kommentare