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Milan Peschel inszeniert am Schauspiel Dortmund „The Head In The Door“

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Von: Ralf Stiftel

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Szene aus „The Head In The Door“ am Schauspiel Dortmund.
Grellbuntes Geschehen: Szene aus „The Head In The Door“ am Schauspiel Dortmund. © Birgit Hupfeld

Dortmund – So recht wissen sie selbst nicht, was sie auf die Bühne des Schauspiels Dortmund verschlagen hat. Das Ziel formuliert Ekkehard Freye: „Egal, ob das Publikum schläft oder nicht. Hauptsache, sie bleiben da.“ Dafür strampeln die sieben Schauspieler sich ordentlich ab. Sie tanzen. Marlena Keil zieht den Vorhang einer Bühne auf der Bühne auf und wieder zu. Und pantomimisch legen sie zu einem dramatischen Soundtrack eine wilde Western-Schießerei hin, bei der kein Blut in Strömen fließt, aber Leichen den Weg pflastern. Absurd.

Milan Peschel hat die Stückkreation „The Head In The Door oder Das Vaudeville der Verzweiflung“ inszeniert und mit dem Ensemble geschrieben. Zunächst wirkt es wie ein Mosaik aus szenischen Versatzstücken. Es beginnt als eine Westernparodie. Allerdings hat Nika Miskovic einen kunstvoll ausgespielten Texthänger. Sätze wandern von Akteur zu Akteur, erst sagt Freye, er sei kein furchteinflößender Bösewicht: „Ich bin ein furchteinflößender Künstler mit Versagensängsten.“ Dieser Satz wandert zu Alexander Darkow und weiter zu Bettina Engelhardt. Hier spielt das Theater mit und denkt über sich selbst, ein autoreferentielles Spektakel, das lustvoll und willkürlich die (Pop-)Kultur plündert. Die Spieler zweifeln an ihrer Identität. Das leere Theater ist ihre Zuflucht, wo sie sich mal auf eine bessere Vergangenheit besinnen, mal eine neue Aufgabe suchen. Und in ihrer Sinnkrise albern sie rum.

Das erinnert von fern an Pirandellos sechs Personen, die einen Autor suchen. Nur dass Peschel und seine Mitstreiter die Schraube weiterdrehen. Bezugspunkt ist das Vaudeville, eine frühe Form der Massenunterhaltung mit Drama und Artistik, die ihr Publikum verlor, als zum Beispiel die Filmindustrie zum populären Vergnügen aufstieg. Ein Selbstporträt des Theaters als abgewirtschaftete Spielform, das steckt in Peschels Abend. Und er entwirft so etwas wie eine Utopie im Untergang, eine Philosophie der Verweigerung gegenüber den Anforderungen eines entfesselten Neoliberalismus. Wie die Spielfigur von Linus Ebner es ausdrückt: das „Nichtkönnen können“. Der Rückzug auf sich selbst. Die Verweigerung gegenüber dem Betrieb als Ausweg.

Das klingt so nihilistisch wie abstrakt. Man sollte sich auch ein bisschen auskennen, um folgen zu können, sollte erkennen, wenn auf Woody Allens Film „The Purple Rose of Cairo“ angespielt wird und auf Kafkas „Verwandlung“. Wenn sie Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ veralbern und Freye eine Szene ausmalt, in der er 125 Nazis in Dorstfeld mit einem Flammenwerfer killt: „Hat hier jemand frittiertes Sauerkraut bestellt?“ Und kennt noch irgendjemand die TV-Westernserie „Lancer“? Sie rasseln die Namen von fiktiven Stars runter wie Johnny Tequila, Rocky Shahan, Django Freeman. Oder herrlich abstruse Filmtitel wie „Die Rache des Killerclowns“ und „Die Lady in Zement“. Der Stadttheatergänger will ja gerne eine Linie erkennen. Hier wird er mit Sinnlosigkeit, mit Absurdität verwirrt.

Das braucht einige Zeit, um richtig auf Touren zu kommen. Aber eine ausgesprochen motivierte Truppe hilft über Verständnishürden, zum Beispiel, wenn sie mal eben ein Tänzchen einlegen. Oder wenn Anton Andreew den Telepathen und Hypnotiseur gibt, der mit ausladenden Handbewegungen und gewaltiger Gedankenanstrengung die anderen führt wie Marionetten. Wenn Nika Miskovic unvermittelt einen Wutausbruch abfeuert, der einen in den Theatersitz drückt („Ich bin nicht verbittert, ich finde einfach alles Scheiße.“). Wenn Linus Ebner seine Jonglagebälle fallen lässt und dabei in einem atemberaubenden Tempo über die Mona Lisa im Louvre, Handy-Kameras, Entauratisierung und Reauratisierung schwadroniert (Walter Benjamin als Anlass für eine akrobatische Sprechperformance). Sie machen sich hemmungslos zu Affen, um ein gleichgültiges Publikum einzufangen, zu interessieren, zu unterhalten. Linus Ebner zwängt sich in einen hautengen rosa Bodysuit. Marlena Keil hängt zum weißen Rüschenkleid einen Vollbart um (aber wer trüge den würdevoller als sie?).

Zum Ende hin zwängen sie sich in eine schmale Nische und erzählen vom ausweglosen Schrecken, und jeder Wortführer drängt sich vor, und sie schlagen einen Bogen von Kafkas Käfer zu einer postkolonialistischen Jonglagenummer und zum Theater als letztem Rückzugsort.

Mit Peschel entdeckt das Schauspiel Dortmund Amüsement und Verspieltheit neu. Das hat noch die eine oder andere Länge, aber es zündet letztlich doch. Großer Jubel im pandemiebedingt gelichteten Haus.

2., 3., 18., 19.2., 5., 13.3.,

Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

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