Interview

Mit Noor Mertens beginnt eine neue Zeit am Museum Bochum

Noor Mertens, neue Direktorin am Museum Bochum.
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Klarer Blick und klare Vorstellungen: Noor Mertens ist die neue Direktorin des Museums Bochum.

Am 1. Juni beginnt Noor Mertens (36) offiziell ihre Arbeit als Direktorin am Museum Bochum. Man muss kein Insider sein, um zu wissen, dass das Haus für Kunst neu aufgestellt wird.

Bochum - Der Kunsthistoriker Hans Günter Golinski (66) hatte das Kunstmuseum von 1997 bis Ende 2020 geführt. Sein größter Erfolg ist vielleicht, dass seit Mai vergangenen Jahres die Sammlung des Hauses in der Villa Marckhoff-Rosenstein als Dauerausstellung präsentiert wird. In dem Altbau aus dem Jahr 1900 war die Städtische Galerie 1960 gestartet. 1983 konnte das Institut um einen modernen Anbau erweitert werden. Achim Lettmann sprach mit der Niederländerin Noor Mertens über ihr Konzept, Positionen weiblicher Kunst und über Kooperationen des Museums mit dem Wohnungskonzern Vonovia.

Frau Mertens, was packen Sie als erstes an?
Erstmal ist die Frage, wie ich mich in das Team reinfühlen kann. Da bin ich schon dabei. Das große Thema ist für mich die Sammlung. Ich möchte mit Sepp Hiekisch-Picard, dem stellvertretenden Direktor, noch sehr viel schaffen, bevor er im Juni 2022 in den Ruhestand geht. Wir inventarisieren und digitalisieren die Sammlung. Das ist ein wichtiges Thema. Und natürlich das Programm 2022. Und wie kommunizieren wir jetzt, wie können wir das verändern. Ich habe da bestimmte Ideen.
Werden Sie von der Corona-Pandemie aufgehalten oder haben Sie mehr Zeit für die Sammlung?
Man könnte sagen, es gibt ein bisschen mehr Zeit, weil das Programm in diesem Jahr leicht verschoben wird. Das bringt etwas mehr Zeit. Ich bemerke selbst, dass das letzte Jahr für mich persönlich, aber auch im Kunstverein, wo ich derzeit noch arbeite, sehr intensiv gewesen ist, mit vielen Extraanträgen, mit vielen administrativen Sachen, die man organisieren musste. Das ist im Museum auch nicht anders. Was kann man machen? Zur Zeit arbeiten wir zu einer amerikanischen Künstlerin, die nicht mehr lebt. Ihre Werke sind größtenteils in Amerika. Wir wollen eine Ausstellung machen, aber wir fragen uns, wie das praktisch geht? Es bringt mehr Stress.
Museumsdirektorinnen wie Christina Végh, Kunsthalle Bielefeld, und Susanne Gaensheimer, K20/21 in Düsseldorf, bewerten die Werke von Künstlerinnen aus der Vergangenheit neu. Weibliche Positionen erhalten mehr Aufmerksamkeit. Gehen Sie auch diese Wege?
Sicher. Ja, da geht es auch über Künstlerinnen hinaus, würde ich sagen. Auch unterrepräsentierte Positionen zählen dazu. Ich habe nicht die Illusion, dass man alles zeigen kann, aber dass man letztlich sensibler wird, was man zeigt, und was man damit aber auch nicht zeigt. Ja, und auch in einer Ausstellung zeigen, was so ein Werdegang bedeuten kann. Was bedeutet es, wenn man als Künstlerin in den 70er Jahren gearbeitet hat. Wie beeinflusst das die Arbeit, die Haltung, und wie beeinflusst das, was man zum Beispiel schreibt. Ich lese gerade die Tagebücher von Eva Hesse. Wie sie untergeordnet wird als Künstlerin, und wie ihre Arbeit auch gewertet wurde. Das beschäftigt natürlich eine Künstlerin auch.
Was fehlt dem Museum Bochum?
Ich denke, dass ganz viel fehlt. Aber das ist auch inhärent bei einem Museum. Wenn man nachdenkt über eine Sammlung, dann denke ich, ist hier sehr gut gesammelt worden. Was hier in den 60/70er Jahren gesammelt wurde mit einem Fokus auf Osteuropa, das finde ich interessant, eigensinnig. Es ist nicht das Übliche, was man erwarten würde. Dazu kommt, dass das städtische Museum einen beschränkten Etat hat. Von diesem Punkt aus würde ich das nicht als etwas Negatives sehen. Aber trotzdem fehlen Bereiche, es fehlen auch weibliche Positionen, es fehlen auch nicht-westliche Positionen, obwohl es Interesse gab und gibt. Ich habe Lust, die unterschiedlichen Gebiete Vermittlung, Kommunikation, Ausstellung und Sammlung zusammen zu denken. Ein ganzheitliches Konzept.
Sehen Sie das Museum Bochum in Konkurrenz mit den großen Häusern in Essen, wie dem Folkwang, oder in Düsseldorf, Köln und Münster?
Nein, weil ich einen Konkurrenzgedanken überhaupt nicht interessant finde. Ich arbeite in einem kleinen Kunstverein bei Hannover. Dort gibt es auch große Kunstvereine, die Kestner Gesellschaft ist ein Kunstverein. Ich habe es als Kunstvereinsleiterin von Langenhagen genossen, dort sehr flexibel zu sein. Ich konnte sehr eigensinnig sein und sehr experimentell. Ich habe einen Vorstand, der mir sehr viele Freiheiten gelassen hat. Das lässt sich nicht eins zu eins aufs Museum übertragen. Aber ich glaube, dass das Museum auch einen eigensinnigen Wege gehen kann.
Bringen Sie spezielle Konzepte aus den Niederlanden mit?
Was ich mache, ist viel in Deutschland geprägt worden. Ich habe viel Interesse an Vermittlung. Ich bin nicht eine Kuratorin, die sagen würde, okay, ich mache die Ausstellungsprogramme und mit der Vermittlung beschäftige ich mich nicht. Was bedeutet das, wenn ich etwas aufhänge? Das ist schon Vermittlung. Was mich stark in den Niederlanden geprägt hat, ist grafische Gestaltung. Dafür habe ich eine große Vorliebe. Ich habe im Kunstverein mit einem niederländischen Grafiker gearbeitet. Das möchte ich hier wiederholten.
Welche Bedeutung soll ein Kunstmuseum für die Menschen haben?
Ja, unterschiedliche Bedeutungen. Es ist nicht nur ein Ort, wo das gezeigt wird, was aufbewahrt wurde. Ich finde es selber angenehm, wenn man zu einem Museum geht und die Sammlung sieht und wieder sieht und wieder sieht, dass man wirklich Beziehungen aufbaut. Aber ich glaube auch, dass ein Museum ein Diskussionsort sein sollte. Wir sprechen mit einem Künstler und einer Künstlerin, und wir sprechen auch zusammen, dort wo man sich repräsentiert fühlt und nicht etwas komplett Fremdes ist. Auch die ganze lange Geschichte von Einwanderung ins Ruhrgebiet, das ist eine Geschichte, die hier sichtbar sein könnte.
Wie reagieren Sie auf unsere Medienwelt, die viel Aufmerksamkeit bindet?
Ich kenne die Ablenkung auch. Man hat die ganze Welt vor sich. Mit der Coronakrise haben wir krass erlebt, dass man eigentlich alle Veranstaltungen in New York, in San Francisco und in Beijing, wenn sie englisch übersetzt werden, theoretisch verfolgen kann. Aber ich glaube nicht, dass das passiert. Nur teilweise. Man hat lieber einen physischen Ort, an dem man zusammenkommen kann. Aber ich glaube trotzdem, dass es derzeit die Frage ist, wie man lokal arbeiten kann. Ich möchte das Digitale nicht wichtiger machen, aber es gibt derzeit eine Explosion an Angeboten.
Wie lässt sich die Schwellenangst zum Museum überwinden?
Für wen wollen wir eigentlich da sein, müssen wir uns fragen. Das Bildungsbürgertum ist von früher schon verbunden mit dem Museum. Das ist aber nicht mehr selbstverständlich. Ja, ich wünsche mir, das Bildungsbürgertum anzusprechen, aber auch andere Gruppen. Wir müssen auch andere Gruppen ansprechen, für die das Museum nicht der Ort ist, wo man regelmäßig hingehen würde. Wie kann man Leute einbinden in das Programm, wie kann man ein bisschen mehr der Spiegel einer Gesellschaft sein?
Das Museum kooperiert mit der Wohnungsgesellschaft Vonovia, die in Bochum sitzt. Ab 21. April sollen Fotografien ausgestellt werden, die im Vonovia-Wettbewerb „Zuhause“ prämiert wurden. Wie wichtig ist die Kooperation für Sie?
Wie wichtig? Ja, es ist ein Projekt, das schon geplant war, bevor ich nach Bochum gekommen bin. Ja, es ist wichtig, mit Partnern zu kooperieren. Die Frage ist, wie wir als Museum kooperieren können. Das Projekt ist jetzt geplant. Nächstes Jahr sind es fünf Jahre, seitdem es diesen Preis gibt. Ich würde sehr gern mit Vonovia sprechen.
Vonovia unterhält 400 000 Wohnungen bundesweit. Es hat kritische Presseberichte gegeben zu Mietkonditionen, fehlender Instandhaltung, fragwürdigen Nebenkosten. Wird Ihre Kooperation mit Vonovia davon berührt?
Was mir generell sehr wichtig ist, dass wir als Museum nicht nur Symbolpolitik betreiben. Zum Beispiel möchte ich für 2022 sehr gern Arbeit und Arbeitsbedingungen als roten Faden für meine Museumsarbeit haben. Es ist natürlich ein bisschen lächerlich, wenn man mit einer Firma arbeiten würde, die für Punkte kritisiert wird, die sehr stark mit dem Leben von Bürgerinnen und Bürgern zu tun haben. Ja, ich würde mir das kritisch anschauen. Wie gesagt, ich kann so nichts zu Vonovia sagen, weil ich die Nachrichten so noch nicht kenne. Aber mit jeder Kooperation muss das eine Diskussion sein. Anders hat man auch kein Recht mehr, als Museum zu sprechen.
Der moralische Anspruch wächst. Kuratoren achten darauf, dass Programme auf Rassismus, Ausgrenzung und Sexismus reagieren.
Auch wenn man Teil der Gesellschaft sein will, muss man sich mit diesen Themen auseinandersetzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir etwas anderes sein wollen als Teil der Gesellschaft.

Zur Person

Noor Mertens (36), in Neerpelt (Belgien) geborene Niederländerin, studierte in Utrecht und Amsterdam Kunstgeschichte und Museumskuration von 2002 bis 2011. Bereits während des Studiums arbeitete sie für Galerien und betreute die Sammlung zur Moderne und Zeitgenössischen Kunst sowie die Stadtsammlung im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam. Sie hat über das Galeriewesen in Amsterdam geschrieben und Preise juriert. Seit Januar 2017 führt sie den Kunstverein Langenhagen bei Hannover. Im Mai wird Mertens nach Bochum ziehen. Sie hat eine Wohnung nahe dem Museum gefunden. In Bochum konzentriert sich Mertens auf die Kunst des 20./21. Jahrhunderts und nennt das „eine glückliche Kombination“, weil sie sich mit diesen Themen schon befasst hat.

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