Monster Truck inszeniert „Marat/Sade“ in Bochum

Integratives Theaterprojekt: Szene aus „Marat/Sade“ am Schauspielhaus Bochum mit Lino Reifferscheidt, Renate Stahl und Sabine Schrader (von links). Foto: Krauß

Bochum – Alles ist irre. Die „Nationalversammlung“: eine Schaum-Karaoke-Party mit riesigem aufblasbarem Krokodil und einem pinken Flamingo zum Reinsetzen. Der Marquis de Sade: eine Dragqueen voll Lebensekel. Die Zuschauer sind auch nicht ausgenommen, denn was ist schon normal. An den Kammerspielen Bochum haben sich die Theatermacher von „Monster Truck“ das Stück „Marat/Sade“ von Peter Weiss vorgenommen, um die Frage zu stellen: Was ist normal, und was wollen wir für normal halten?

„Monster Truck“ arbeiten mit geistig behinderten Menschen, plus zwei „Figurenspielern“ (Dasniya Sommer, Lukas von der Lühe in halber Ordenskleidung, er oben ohne, sie untenrum). Die Mitspielenden werden dem Publikum per Übertitelung vorgestellt: einer hat Angststörungen, ein anderer Schizophrenie, eine Frau ist Autistin. Das führt dazu, dass in den ersten 40 Minuten außer der Vorstellung nicht viel passiert, und der Zuschauer ständig nach oben schaut, um die Informationen mitzulesen. Die Bühne bleibt währenddessen kahl und schwarz. Weiße Boxen werden hereingeschoben. Daraus tauchen, kalt und distanziert, die Köpfe der Mitspielenden auf. Sie erhalten ihre Signale durch Klopfzeichen der Figurenspieler, und offenbar durch Musik.

„Monster Truck“ wollen thematisieren, dass Behinderung eine gesellschaftliche Zuschreibung ist, Normalität eine Frage der Perspektive. Dafür eignet sich „Marat/Sade“, weil das Originalstück bereits mit realen Ereignissen spielt. Der Marquis de Sade wurde tatsächlich 1801 seiner Schriften wegen in das Irrenhaus Charenton eingewiesen, wo er bis zu seinem Tode blieb. Dort leitete er Theateraufführungen, in denen die Insassen mitspielten. In „Marat/Sade“ spielen die Patienten die Ermordung des Revolutionsführers Jean-Paul Marat durch Charlotte Corday nach. Zu solchen Aufführungen wurden damals tatsächlich Bürger aus Paris eingeladen.

Nur leidet „Marat/Sade“ in Bochum an zwei Schwächen: Erstens übersetzt „Monster Truck“ seine Vorüberlegungen zunächst in allzu karge, theoretisch erklärbedürftige Bilder. Die Theatermacher wollen den Mitspielenden einen selbstbewussten Platz auf der Bühne bieten. Aber dann stellen sich Dasniya Sommer und Lukas von der Lühe hinter die Mitspieler und klappen ihnen die Münder auf und zu, während der Text verzerrt eingesprochen wird. Fragmente der Geschichte und gesteuerte Figuren – das ist durchaus eine spannende Überlegung, die in der Umsetzung aber nicht überzeugt. Denn wenn „Monster Truck“ alle Menschen emanzipiert nebeneinander stellen will, darf es sie nicht gesteuert wirken lassen – oder muss diese Idee zumindest klug brechen.

Das versuchen die Theatermacher zwar im zweiten Teil mit der Schaumparty. Die Dragqueen Renate Stahl tritt als de Sade mit messerscharfer Überheblichkeit auf. Die Party gibt allen Mitspielenden die Gelegenheit, mit Karaoke selbst aktiv zu werden. Ein junger Mann mit Down-Syndrom ruft die Party aus. Deplatziert wirkt der Meckerauftritt der Dragqueen, die alle ausschimpft und die Party umzuorganisieren versucht. „Monster Truck“ scheinen nicht zu wissen, ob sie verfremden, überzeugen oder anrühren wollen. Das ist die zweite Schwäche: Allzu große interpretatorische Offenheit führt nämlich ins Vage.

Ein, zwei ironische Details gibt es, wenn Sahar Rahimi von „Monster Truck“ die Freiheitsfigur Marianne darstellt, barbusig und mit Billigtrikolore. Und ihr Kollege Manuel Gerst stellt sich als Napoleon unten ohne in Positur. Beide werden per Sackkarre abtransportiert wie ausgediente Museumsstücke. Schon klar: „Monster Truck“ will Theater neu und radikal inklusiv denken. Bloß überzeugt das Ergebnis nicht.

4., 6., 9., 10.,12.7., Tel. 0234/ 33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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