Das Museum unter Tage in Bochum zeigt die Ausstellung „Farbanstöße“

Alles ist hier Malerei: Joachim Grommeks Bild #152 (2011) ist in Bochum zu sehen. Foto: Museum unter Tage

Bochum – Auf den ersten Blick wirkt die quadratische Tafel von Joachim Grommek wie das Fundstück aus dem Keller eines durchgeknallten Bastlers. Da hat jemand eine Spanplatte willkürlich mit farbigem Isolierband beklebt. Die Streifen überlagern sich. Die Farben folgen keinem erkennbaren Schema. Nichts an diesem Ding erscheint besonders.

Tatsächlich stehen wir vor einem Werk der brillantesten Feinmalerei. Alles an dieser Tafel ist Malerei, die sich überlagernden Bandstücke, deren Kanten wir sehen, sogar das am Rand scheinbar frei gelassene feine Muster der Spanplatte. Der 1957 in Wolfsburg geborene Künstler spielt mit der Wahrnehmung und den Erwartungen der Betrachter. Was Zufall scheint oder auch Abstraktion, erweist sich als penibelster Realismus.

Zu sehen ist das Gemälde im Museum unter Tage in Bochum. Die Ausstellung „Farbanstöße“ zeichnet nach, welche Bedeutung die Farbe als ein Grundbestandteil der Kunst haben kann, wie sie eingesetzt wird, was man mit ihr machen kann. Anspruch auf Vollständigkeit erheben die Kuratorinnen Silke von Berswordt und Maria Spiegel nicht. Die Präsentation ist eher ein visueller Essay mit mehr als 80 Werken von mehr als 50 Künstlern.

Die Schau setzt ein mit Werken der klassischen Moderne vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Pierre Bonnard zeigt im Gemälde „Der Schlepper“ (1912) den Einbruch der Technik in die heile Natur. Die in lichten Farben dargestellte Flusslandschaft wird vom linken Rand her eingedunkelt von der schweren Rauchfahne, die das Dampfschiff ausstößt. Lovis Corinth malte 1917 die „Küste bei Nienhagen“: Kein Badeidyll, sondern ein Bild aus dem Krieg. Vom Meer sieht man nur einen schmalen Streifen, der Strand ist verdeckt durch Äste. Der Maler nimmt die Perspektive eines heimlichen Beobachters, eines Wachpostens ein. Auch Cuno Amiets Gemälde „Obstgarten“ (1930) zeigt keine heile Welt. Die Bäume sind kahl und tragen keine Früchte. Und die untere Bildhälfte wird bestimmt von einem giftigen Gelb, das den Blick flirren lässt. Das soll Rasen sein? Allein durch die Farbigkeit thematisiert der Künstler ein Unbehagen an der Welt.

Farbe kann aber auch direkt politische Bedeutung annehmen. Terence Kohs „Rosa Winkel“, mit Latexfarbe direkt auf die Wand gemalt, 1,71 Meter Kantenlänge, was der Körpergröße des Künstlers entspricht, steht für den Aufnäher, mit dem Homosexuelle in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten gekennzeichnet wurden.

Yaghoub Emdadian wiederum malt Landschaften, stark abstrahiert, die hinter Rechtecken vorscheinen. Gegenständliche Malerei ist im Teheran von heute, in einer muslimisch dominierten Gesellschaft schon eine Provokation. Mehr noch, wenn der Künstler bevorzugt Grün einsetzt, das vom Islam als Farbe des Propheten verstanden wird wie in dem Bild „ohne Titel“ (2010). Der Künstler nimmt sich die Freiheit zu Grün, ungeachtet der religiösen Besetzung.

Natürlich darf in einer Ausstellung mit diesem Thema nicht Josef Albers fehlen, von dem zwei „Homages To The Square“ gezeigt werden, in denen der Meister aus Bottrop die Wechselwirkung von Farben demonstriert. Man hat ein monochromes Werk von Yves Klein in seinem patentierten „International Klein Blue“ (1956). Ein abgründiger Farbraumkörper von Gotthard Graubner ist zu sehen (1988) und Bespiele für Shaped Canvass Malerei wie Frank Stellas drei Meter breites „Basra Gate I“ (1967) und Leon Polk Smiths „Oh Happy Day“ (1972), ein Ensemble aus drei Ovalen in grün, schwarz, weiß, orange.

Der französische Maler Claude Viallat malt eine abstrakte, organische Form seriell auf Stoffe, die er auf Flohmärkten findet oder geschenkt bekommt, oft stark gemustert. Seine Arbeit „Ohne Titel, n. 21“ (2013) hängt unter der Decke und bietet durch den unterschiedlichen Lichteinfall von jeder Seite her eine komplett andere Ansicht.

Bei anderen Künstlern tritt die Farbe noch präsenter auf. Bei Armans „ohne Titel (Accumulation)“ (1980) sind Farbtuben auf die Leinwand gebracht, die offensichtlich ausgequetscht wurden, so dass sich aus ihnen ein fetter Streifen Rot, Orange, Gelb, Weiß ergießt. Der koreanische Videokunstpionier Nam June Paik gab seinem „First 21st Century Painting“ (1988!), ausgeführt direkt auf einer Staffelei, das Streifenmuster des damals gebräuchlichen Testbilds aus der Frühzeit des Farbfernsehens. Und in einem kleinen Ausschnitt läuft ein keiner Monitor – mit Testbild. Sigmar Polke malte 1990 ein Bild mit Harz, das sich unter Lichteinfall verändert, ein grandioses Gleichnis für Vergänglichkeit.

Man muss auch nicht malen, um Farbe einzusetzen. Richard Serras Video „Color-Aid“ (1971) zeigt farbige Papiere in Nahaufnahme. Ab und zu zieht die Hand des Künstlers das oberste Blatt vom Stapel, und aus gelb wird rosa.

Katinka Pilscheur arbeitet mit Fundsachen, baut einen Farbkreis aus bunten Kleiderbügeln oder hängt ein gelbes Kabel vor ein abgenutztes graues Brett, was wie abstrakte Malerei aussieht. Und Rolf Julius baute Skulpturen aus aus Pigmenten. In den Beuteln „Gelb Grün“ stecken kleine Lautsprecher. Durch die Schallschwingungen wird der Farbstaub verteilt, malt sich sozusagen selbst in den Raum.

Bis 19.4.2020, mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr,

Tel. 0234/ 29 88 901, www.situation-kunst.de, Katalog 28 Euro

Quelle: wa.de

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