Niederländische Malerei aus dem Museum Singer Laren in Dortmund

Verträumte Momentaufnahme in impressionistischem Licht: Das Gemälde „Mädchen mit Blume“ von Albert Neuhuys (um 1910) ist in Dortmund zu sehen. Fotos: Museum Ostwall

Dortmund – Versunken in Gedanken blickt das Mädchen auf die Blumen, die es in der Hand hält. Sieht sie die Stängel überhaupt? Albert Neuhuys hielt in seinem Gemälde „Mädchen mit Blume“ (um 1910) einen konzentrierten Moment fest.

Das spätimpressionistische Gemälde weckt bestimmt „Ein Gefühl von Sommer“, das die Ausstellung des Museums Ostwall im Dortmunder U verspricht. Die aktuelle Ausstellung bringt Meisterwerke aus dem niederländischen Museum Singer Laren ins Revier, als Frucht eines grenzüberschreitenden Kulturaustauschs. Das Dortmunder Museum wird im Kulturkomplex gerade umgebaut und kann seine Sammlung nicht zeigen. Also leiht es seinen großartigen Bestand von expressionistischer Malerei ans Singer Laren. Dort kamen in den ersten drei Wochen schon 15 000 Besucher – so werden die Bilder zu Botschaftern des Dortmunder Instituts.

Im Gegenzug bekommt die Revierstadt eine grandiose Wechselausstellung. Das Museum Singer Laren geht auf das Ehepaar William Singer und Anna Spencer-Brugh zurück. Der Amerikaner war Erbe des bedeutendsten Stahlmagnaten von Pittsburgh, wollte aber lieber Künstler sein. So zog er nach Europa. Ab 1901 lebte das Paar in Laren, 20 Kilometer westlich von Amsterdam, das sich Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Künstlerkolonie mit europaweiter Ausstrahlung entwickelt hatte. Hierher kam auch Max Liebermann, von dem eine Skizze ausgestellt ist. Hier bauten die Singers eine Villa und etablierten ihre Sammlung. 1956 gründete Anna Spencer-Brugh das Museum. Die Sammlung umfasst 3000 Werke und dokumentiert vor allem die Entwicklung der klassischen Moderne in den Niederlanden.

Aus diesem reichen Bestand wählten Jan Rudolph de Lorm, Direktor des Singer Laren, und Regina Selter vom Museum Ostwall rund 110 Gemälde aus der Zeit zwischen 1880 und 1920. Und selbst Kunstkenner werden hier überrascht, erweist sich doch die Kunst unseres Nachbarlandes als vielseitig und qualitätvoll. Die wenigsten Künstler sind hierzulande prominent, allenfalls Piet Mondrian, von dem freilich nur ein kleines frühes Landschaftsbild ausgestellt ist. Von Jan Toorop ist das Gemälde „Abend vor dem Streik“ (um 1888/89) zu sehen, ein gesellschaftskritisches Werk in ungewöhnlicher pointillistischer Technik. Und unter den Porträts sticht Kees van Dongens Frauenbildnis „Der blaue Hut“ (1937) hervor.

Am Anfang stehen einige Werke William Henry Singers. Er malte impressionistische Landschaften wie das lichtdurchflutete, farbenfrohe „In meinem Garten, Frühling“ (1912). Er war offen für neuere Tendenzen, wie das fast monochrom blaue Werk „Das Nordlicht“ (1929) zeigt. Das Paar hatte aber einen konservativen Geschmack, bevorzugte gegenständliche Werke. Zum Beispiel die ländlichen Szenen der Haager Schule. Typisch ist Anton Mauves Gemälde „Das neugeborene Lamm“ (um 1884), das einen jungen Hirten mit der Schafherde und dem titelgebenden Tier auf dem Arm in der Heide zeigt, alles in stimmungsvollen Braun- und Grüntönen.

Aber die Impressionisten waren nicht nur dem Landleben verfallen. George Hendrik Breitner hielt in einem großformatigen Bild 1891 das Treiben auf dem Dam in Amsterdam fest. Und Isaac Israels malte um 1920 das „Japanische Mädchen mit Lippenstift“ als eigenwillige, moderne Frau. Viele Maler nutzten auch die Technik des Pointillismus, um die besondere Stimmung am Strand festzuhalten. Überzeugende Beispiele dafür sind die Bilder von Ferdinand Hart Nibbrig und von Co Breman.

Aber die Niederlande waren auch offen für andere Tendenzen. Gleich zwei expressionistische Gruppen bildeten sich, die Bergener Schule und de Ploeg in Groningen. Jaap Weijland porträtiert knorrige Arbeitertypen im Gemälde „Diskurs über den Krieg in der Dritten Klasse“ (1918). Und der Franzose Henri Le Fauconier, eine zentrale Figur der Bergener Gruppe, schuf das monumentale, düstere Triptychon „Der Traum des Vagabunden“ (1916/17). Die Künstler von De Ploeg waren von den „Brücke“-Künstlern beeinflusst, Jan Wiegers zum Beispiel greift in der „Landschaft in der Schweiz“ (1925) Farben und Formen Ernst Ludwig Kirchners auf.

1917 wurde die Gruppe „De Stijl“ gegründet, unter anderm von Mondrian, Theo van Doesburg und Bart van der Leck. Von letzterem stammt das Konzept der klaren Grundfarben, für die die Gruppe mit ihren abstrakten Arbeiten weltberühmt wurde. In Dortmund sind nicht nur Arbeiten von ihm zu sehen wie die kleine prägnante „Komposition“ (1917/18), sondern auch andere Avantgardisten wie Vilmos Huszár mit stilisierten „Bridgespielern“ (1932/33). Eine eigene Werkgruppe macht mit der Malerin Lou Loeber (1894–1983) bekannt, die eine ganz eigene, auf geometrischen Strukturen beruhende Bildsprache fand. Ihr Gemälde „Mühle“ (1922) zersplittert das Motiv in eine Art Mosaik aus Mehrecken. Ihre Farben sind nicht so reduziert wie beim Stijl, sondern leuchten voller Energie.

Eröffnung heute, 18.30 Uhr, bis 25.8., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0231/ 50 24 723,

www.museumostwall. dortmund.de,

Katalog 24,95 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare