Fotografien in Bottrop

Patrick Faigenbaum stellt im Josef Albers Museum aus

Das Bild „Les Jardins de Montmartre (Suzanne und Gabrielle), Paris, Sommer 2015“ (2015/2021)
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Das Bild „Les Jardins de Montmartre (Suzanne und Gabrielle), Paris, Sommer 2015“ (2015/2021) von Patrick Faigenbaum ist im Bottroper Josef Albers Museum ausgestellt.

Seine erste Retrospektive präsentiert der renommierte Fotograf Patrick Faigenbaum im Bottroper Josef Albers Museum. Großartige Porträtkunst.

Bottrop – Die Augen sind nicht zu sehen. Gabrielle und Suzanne schauen auf ihre Hände. Die junge Frau und die alte Dame verbindet ein inniges Gefühl. Es ist der Moment einer Berührung, dem Patrick Faigenbaum zu etwas Großem verhilft. Der Fotograf lässt das blonde Haar Gabrielles im Licht glitzern. Suzanne sitzt im Schatten daneben auf einer Holzbank. Ihr krauses Haar ist grau, die Jahre sind ihr anzusehen wie Gabrielle die Jugend. Ein Gleichklang herrscht, der angesichts des Altersunterschieds versöhnlich stimmt. Der Fotograf Patrick Faigenbaum stellt Leben und Vergehen mit zwei Frauen symbolisch dar und mit der Lichtregie alter Meister. Wie bei klassischen Malern ist das Unsichtbare im Raum, das das Bild mit überirdischer Energie auflädt. Was beide fühlen, spüren und denken, kann den Freiraum zwischen ihnen ausfüllen. Dem Betrachter bleiben Assoziationen.

Die Fotografie von 2015 instrumentalisiert jene transzendente Kraft, die der christliche Bilderkanon in früheren Jahrhunderten parat hielt. Faigenbaum steht wie die Renaissance-Meister dafür, sich dem Irdischen mehr zu nähern, den Reiz allen Lebens zu vermessen und damit doch zu erhöhen. Suzanne ist die Mutter des Fotografen, und die Ausstellung in Bottrop stellt erstmals einen Schwerpunkt im Werk des Franzosen vor, der seiner Mutter gewidmet ist.

Im Josef Albers Museum ist die Schau „Patrick Faigenbaum. Fotografien 1974 – 2020“ als erste Retrospektive des Künstlers überhaupt zu sehen. Die hochkarätige Schau ist der kuratorischen Arbeit von Heinz Liesbrock zu verdanken. Der Direktor des Hauses hatte Faigenbaum bereits 1998 in Münster präsentiert, als er dort den Westfälischen Kunstverein leitete. Aus der Fotoserie „Prag“ sind auch in Bottrop Aufnahmen zu sehen. Prag interessierte Faigenbaum wegen seiner eigenen jüdisch-kulturellen Wurzeln und der Literatur Franz Kafkas. Es geht um „das innere Porträt einer Stadt und ihrer Menschen“, wie es Heinz Liesbrock formuliert.

„Im Restaurant des Gemeindehauses“ (1983) sitzen zwei Menschen beim Getränk beieinander. Sie verdreht die Augen und hält seine Hand. Er schaut sie an – von uns abgewandt. Solche Details verdichten die Erzählung in Faigenbaums Fotografie. Das Gesicht der Frau ist gedankenvoll und erscheint gleichzeitig wie ein Licht. Dagegen wird die obere Hälfte des Schwarzweißbilds von einer düsteren Holzvertäfelung dominiert. „II. Skupina“ (tschechisch: Gruppe) steht auf einem Schildchen. Neben dem Paar wirkt ein Teller mit weißer Stoffserviette wie ein vergebliches Versprechen von Eleganz und Festlichkeit im sozialistischen Staat. Die Prag-Serie endet 1994.

Dagegen sind die Fotografien aus Bremen (1996/97) und Kalkutta (2011–2014) farbig. In dem Stadtstaat fängt Faigenbaum den Zeitenwandel ein. „Das letzte Schiff der Bremer Vulkan-Werft, Bremen Vegesack“ (1997/2021) nimmt die Zukunft vorweg. Das Trockendock der Werft ist menschenleer. Ein Raum ohne Arbeit, ohne Zukunft. Die Fotografien aus Indien stellen sich gegen das Klischee einer Massenmetropole am Ganges. In der „Terrakotta-Werkstatt von Kala Bhavan“ (Santiniketan 2013/2021) ist die Künstlerin ganz allein zwischen all den Arbeitsutensilien. Faigenbaum hatte bereits in Paris, wo er lebt und 1954 geboren wurde, Menschen getroffen, die ihm von Kalkutta erzählt haben. Er suchte die Welt seiner Freunde auf und fotografierte sie, als ob er etwas belegen und festhalten wollte.

Auf Sardinien befasst sich der Fotograf intensiv mit Farbe. Hier lebt die Familie seiner Frau. „Pfirsiche, Pflaumen und Zitronen“ (Santulussurgin, 2005/2008) sind zwei farbstoffbildende Abzüge, die an die Stillleben französischer Impressionisten erinnern. Verteilt liegen die Früchte über einem Deckchen auf der Holzablage. Die Fotografie ist so präzise, dass alle Farbschattierungen auf der Haut der Früche zu sehen sind. Nicht das Farbleuchten interessiert Faigenbaum, sondern das Spektrum der Farbtiefen. Es sind Entdeckungen im eigentlich zeitlosen Sujet der Malereigeschichte.

Patrick Faigenbaum fühlte sich zu Beginn seiner Karriere in Paris noch isoliert. Zeitgenossen orientierten sich am ereignisbezogenen Reportagestil. Für Faigenbaum war nicht das aussagestarke Motiv und Handschrift des Fotografen wichtig, sondern das Zusammenspiel von Licht, Raum und Farbe. Mit der Komposition wollte er eine Stimmung wiedergeben. Seine Strategie geht auf das „autonome Bild“ in der Malerei zurück, das sich nicht am Sichtbaren in der Welt orientiert. In Bottrop erzählt der 66-Jährige, wie drei seiner Fotografien von Richard Avedon 1977 in New York gewürdigt wurden. Die Auswahl ist in Bottrop zu sehen. Wie zum Beispiel „Boston“, das Bild eines Obdachlosen (1974/1993, Chlorbromsilberabzug). Dieses Porträt in weichen Grautönen zeigt einen hageren Mann. Er sitzt vornübergebeugt auf einer Bank, die aus rohen Holzelementen montiert ist. Kraftlos und benommen erscheint er, kann sich kaum halten, so labil sein Körper. Das Gesicht ist weggedreht, der Mensch profillos – ein Niemand. Das Bild erschüttert noch heute.

Faigenbaum ist vor allem Porträtist. Die Ausstellung beginnt mit Bildern italienischer Adelsfamilien aus Rom, Florenz und Venedig. Ihre Genealogie geht bis in die Antike zurück. Diskretion ist ihnen wichtig. Faigenbaum findet einen Zugang, wie zur Familie Del Drago, die er 1987/89 in Rom ablichtet. Es sind durchdachte Arrangements. Die Familie wirkt standesbewusst in dem historischen Palazzo. Die Porträtieren erscheinen im Bild von Strukturen aus dem Hintergrund unauffällig gerahmt. Es gibt eine Ordnung über die Jahrhunderte. Daneben legt das Porträt einer antiken Büste aus den Kapitolinischen Museen nahe, dass es Ähnlichkeiten zur jungen Frau Del Drago gibt. Faigenbaum fotografiert nur das Gesichtsfeld der Büste, so werden individuelle Merkmale von „Salonina, Rom“ (1987) sichtbar und lebendig. Es gelingt ein visuelles Spiel mit Genealogie und Kulturgeschichte.

Vor allem im Oberlichtsaal des Museums ist Faigenbaums Kunst augenfällig. Die Studien zu seiner Mutter visualisieren die Beschwernisse des Alterns (2015/21) als unumkehrbaren Prozess. Bis zum Abbild der Toten im November 2015. Ihr Kopf liegt auf einem weißen Tuch. Ihr Gesicht ist entspannt, aber das Lebendige, das ihr in den Bildern zuvor noch blieb, fehlt nun ganz. Faigenbaum ist konsequent.

Wie der Tod sich aufs Leben legt, zeigt er in einer weiteren Fotoserie mit seiner Schwiegermutter: „Salvatorica, Santulussurgiu“ (2005/2008). Außerdem ist in 66 Interieurbildern dokumentiert, wie Faigenbaums Mutter in ihrem Pariser Apartment gelebt hat: „Die Wohnung von Suzanne Faigenbaum (1923 – 2015), rue de clichy, Paris 2016 – 2020/21“. Der Fotograf nimmt sich ganz zurück und wählt nur den Bildausschnitt. Er ist demütig angesichts des Ortes auch seiner Biografie.

Bis 22. 8.; di-sa 11 – 17 Uhr, so 10 – 17 Uhr; Tel. 02041/372030; Katalog im Verlag Schirmer/Mosel, München. 34,80 Euro im Museum. www.quadrat.bottrop.de

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