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Erich Grisars Reisefotografien sind im Industriemuseum Zeche Zollern zu sehen

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Von: Achim Lettmann

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Zwei Frauen auf Kohlensuche auf einer Schlackenhalde
Frauen suchen Kohlestücke auf einer Halde. Ein Junge blickt in Erich Grisars Kamera in Mons. © Erich Grisar stadtarchiv dortmund

Erich Grisar zählt zu den Klassikern der Ruhrgebietsfotografie. Nun sind seine Reisefotografien aus Europa im Dortmunder Industriemuseum Zeche Zollern ausgestellt.

Dortmund – Erich Grisar hat im Ruhrgebiet von 1928 bis 1933 fotografiert und damit der Endphase der Weimarer Republik ein Gesicht gegeben. Im Industriemuseum der Zeche Zollern in Dortmund ist nun eine Ausstellung zu sehen, die Erich Grisar als Reisefotografen präsentiert. Grisar war zur Fotografie gekommen, weil er seine journalistischen Texte für Zeitungen bebildern wollte. Auch eine Frage der Honorierung. Denn der gelernte Vorzeichner aus einer Kesselschmiede (1912–1915), der im Krieg (1918) schwer verwundet wurde, arbeitete frei. Seit 1924 verheiratet und Vater einer Tochter, lebte er von Presseartikeln, schrieb Gedichte, Anekdoten, Romane Autobiografisches und Texte für Arbeiterchöre. Von 1928 bis 1932 besuchte er immer mal wieder europäische Nachbarländer. Nach seinem Reisebuch „Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa“ ist auch die Ausstellung auf Zollern getitelt.

Geboren in Dortmund ist Grisar der einzige Klassiker der Ruhrgebietsfotografie, der aus der Region kam und das Milieu kannte, wo er seine Beobachtungen festhielt. Anders als Albert Renger-Patzsch, der aus Würzburg kam, 1929 nach Essen zog und bis 1944 blieb. Er fotografierte die typischen Umbruchzonen zwischen alten Dörfern und neuen Industrieanlagen. Mit seinen „Ruhrgebietslandschaften“ (1927–1935) gab er der Industrieregion eine fotokünstlerische Identität.

Kurzzeitig für ihre Fotoaufträge waren Heinrich Hauser und Chargesheimer ins Ruhrgebiet gekommen. Hausers Fotoreportage war 1928 ein erster journalistischer Blick ins „Schwarze Revier“. Dagegen lichtete Chargesheimer die Nachkriegszeit und das Wirtschaftswunder in einer Fotostrecke 1957 ab. Den Text zum Bildband „Im Ruhrgebiet“ schrieb Heinrich Böll.

Erich Grisar (1898–1955) lebte vor allem in Dortmund. Er war im Norden der Stadt als Sohn eines Montagearbeiters und einer Näherin geboren worden. Stadtleben, Kindheit, Arbeit und Alltag im Industrieraum interessierten ihn. Vor allem die Fotografien von Arbeiterkindern, wo sie lebten und wie sie spielten, zählen zum Konvolut deutscher Sozialfotografie. Einzelne Beispiele sind in Dortmund zu sehen. Grisar erlebte Armut in der Nordstadt. Bisher zeigten Kinderbilder der Weimarer Republik den bürgerlichen Nachwuchs, gut gekleidet und mit Spielzeug ausgestattet.

Grisar verstand sich als Schriftsteller, fotografierte intuitiv, um sein Beobachtungen zu belegen. Aber auch wenn viele Reiseaufnahmen fototechnische Mängel haben, wird die Stimmung der Bilder nicht gestört.

Sehenswert sind die rund 200 Bilder schon aufgrund ihres Zeitkolorits. Und Grisars Gespür für soziale Missstände ist auch den Reisefotografien zu entnehmen. Wie beispielsweise am Rande der Bergarbeiterstadt Mons in Belgien, wo Frauen auf einer Halde nach Kohlestücken suchen. Und das Erich Grisar an Menschen interessiert war, zeigt sich durchgehend. Der Schuhputzer in Barcelona 1929 verstrahlt die gleiche Jugendlichkeit wie sein Kunde. Nur fehlt ihm Arbeit, weil doch die Korbsessel neben ihm unbesetzt sind. Die Weltausstellung in Barcelona, wo 1929 Mies van der Rohes deutscher Pavillon zur Architekturikone wurde, lockte den Mann aus Dortmund nicht. Stierkämpfe besuchte er, aber er nahm die Fotos zum blutigen Schauspiel nicht zu seinem Reisebericht. Ihn interessierte das Leben auf der Straße, die mobilen Kaffeebars, Marktszenen und die Sagrada Familia.

Die Ausstellung lädt auch zum Hören ein. Auszüge aus Grisars Buch sind in mehreren Hörstationen abrufbar. Auf dem „Sprung nach Holland“ folgt ein Bummel in Amsterdam. Dort gibt es „nieuwe hollandsche Harings“, die entgrätet waren und gleich zum Verzehr angeboten wurden. Anachronistisch wirkt ein Altstadtgeschäft „Water and Vuur“ (Wasser und Feuerwerk), das warmes Wasser für den Haushalt verkaufte. Auf den Stellwänden der umsichtig arrangierten Schau sind Fotos vergrößert und aufgedruckt. Hier findet sich auch der Hinweis, das der Matjes im jüdischen Viertel Amsterdams billiger war und ein Werbespruch: „Den Hering in den Ort, den Doktor über Bord“.

In Alkmaar ließ Erich Grisar den Käsemarkt nicht aus, wo schon 1928 der Gouda in einer ehemaligen Kirche ausgewogen wurde. Viele Städte waren auf Pauschaltouristen vorbereitet. Grisar reiste mit seiner Frau 1928 nach Venedig, wo er sich im Geflecht der Straßen verlief und schimpfte: „Diese Stinkgassen gehören zugeschmissen.“ Erst eine Gondelfahrt zum gesuchten Hotel besänftigte ihn – „Das war sehr schön“.

Weitere Ziele Grisars waren Mailand, London, Warschau, Lodz, Brüssel, Charleroi, Middelbourg, Paris und Marseille. In der südfranzösischen Stadt fotografierte er 1929 das Wahrzeichen, eine Stahlkonstruktion mit einer Gondel für Waren und Menschen über der Einfahrt zum alten Hafen. „Die Verwandlung schweren Metalls zur leichten schwingenden Form empfindet der Mensch als den Ausdruck dieser Zeit“, würdigte Grisar das Bauwerk. 1944 haben es deutsche Truppen gesprengt.

Der schriftliche Nachlass Erich Grisars liegt beim Fritz Hüser Institut, die Fotografien im Stadtarchiv Dortmund. Es gibt 4200 Aufnahmen auf Glasplatten und Film, die 2011 digitalisiert wurden. Die Ausstellung im Industriemuseum bietet zahlreiche nie gezeigte Reisefotografien des Schriftstellers.

Bis 16.10.; di–so 10 – 18 Uhr; Tel. 0231/6961 111; www.zeche-zollern.lwl.org

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