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Kunstmuseum Ahlen zeigt „Reset. Krise//Chance“

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Von: Achim Lettmann

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 „The Oneironaut“ (2021)  ist Teil einer Ausstellung im Kunstmuseum Ahlen.
In eine raumhohe Blase hat Lena von Goedeke eine Lagerstätte mit Bettzeug gestellt. „The Oneironaut“ (2021) ist Teil einer Ausstellung im Kunstmuseum Ahlen. © Lettmann

Wie reagieren Künstlerinnen und Künstler auf die Corona-Krise? Das Kunstmuseum Ahlen zeigt überzeugende Antworten von Bill Viola bis Thomas Wrede.

Ahlen – Wer in einer Blase lebt, bekommt nichts mit. Dem Wortbild nach geht es um eine Realitätsferne, die jemandem vorgehalten wird. Es geht im Kunstmuseum Ahlen aber nicht um sozialunverträgliche Mitmenschen, dafür sind die Erfahrungen seit März 2020 zu heftig. Die Corona-Pandemie hat den Alltag vieler Menschen massiv verändert. Neben den Todesopfern, die die Covid-19-Erkrankung forderte, ist soziale Isolation eine Folge. Zuhause bleiben, keine Freunde treffen – Einsamkeit wird in Lena von Goedekes Rauminstallation „The Oneironaut“ (2021) plastisch erweitert. Wie ein Zeppelin füllt die durchsichtige PVC-Hülle einen Schauraum des Museums aus. Nach einem Einstieg ließe sich das Bett nutzen, aber eine Kamera in dem Luftei nimmt alles auf. Die Sicherheit vor Umwelt und Viren impliziert allerdings auch die Überwachung der Abgeschirmten. Die Freiheit geht verloren.

In ihrer ersten Ausstellung „Reset. Krise//Chance“ zeigt Museumsdirektorin Martina Padberg, wie 19 Künstlerinnen und Künstler aus acht Ländern auf Veränderungen in ihrer Welt reagieren. In Ahlen ist keine Corona-Ausstellung konzipiert worden, allerdings sind viele bedenkliche Prozesse unserer Welt während der Krise beschleunigt oder sichtbar gemacht worden. Diese Dynamik hat künstlerische Arbeit forciert.

Klaus Fritze beispielsweise, Biologe und Künstler, baute ein tranportables Labor in Ahlen auf: „In vito Habitat“ (2021). Er setzt Kresse in Plastiktüten mit Wasser und schaut, was sich entwickelt. Pflanzen wachsen in Reagenzgläsern, Regale sind vollgestellt mit Anpflanzungen, und an anderer Stelle finden sich Porträtfotos von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ex-Grünen-Fundamentalistin Jutta Ditfurth in schmalen Gläschen. Fritzes Ansatz hat etwas Subversives. Was wird mit den Politikerinnen? Kann man sich autark machen mit Zimmerplantagen?

Die Abhängigkeit des Menschen von der Natur wächst. Diese Erkenntnis hat in den letzten Monaten mehr Akzeptanz gefunden. Thomas Wrede gibt dieser Einsicht schon lange Bildbeispiele. Im Lichtsaal des Museums sind seine großformatigen Fotografien zu sehen. „Rhonegletscher outside“ (2019) fokussiert dreimal auf das Vlies, mit dem verhindert werden soll, dass der Gletscher weiter abschmilzt. Seit 2017 begleitet Wrede diese Art des Umweltfürsorge mit Fotografien, die eher an Wundheilung erinnern denn an Naturschutz. Im Landschaftsausschnitt dominieren faltige Tücher. Es ist ernst.

Jutta Burkhardt hat dagegen von der Natur gelernt. Aus jeder Krise kann etwas Neues werden. In Griechenland fotografierte die Künstlerin Singzikaden. Zu den Transformationsstadien des Insekts hat Burkhardt getextet („Das war es also, was von meinem alten Leben übrig blieb“). Dazu sind Überreste nach der Verpuppung fotografiert. In „Imago II“ (2021) vollzieht sich eine Identifikation, die krisenbedingt ein wenig tröstlich wirkt.

Lea Grebe verweist mit ihren plastischen und fotografischen Werken zum „Cocooning“ (2020) auf unerlässliche Schutzräume fürs Weiterleben. Zum einen sind ihre Keramiken und zum anderen Aufnahmen von Kokons aus dem Naturkundemuseum Berlin in Ahlen zu sehen.

Es gibt zahlreiche Positionen in der Schau „Reset. Krise//Chance“, die spürbar machen, wie hilfreich die künstlerische Ausdruckskraft sein kann. Für Museumsdirektorin Martin Padberg ist das Zurücksetzen (Reset) eigentlich die Chance auf einen Neuanfang unter besseren Vorzeichen. Was haben wir gelernt?

Politische Positionen werden in Ahlen nicht besetzt. Lösungen bietet die eigene Schaffenskraft, wie der Raum von Noa Yekutieli zeigt. Sie hat während des Lockdowns in Los Angeles ihr Atelier, das sie nicht erreichen konnte, fotografisch nachgebildet und diese Visualisierung als Scherenschnitt im Raum dupliziert. „The Chaos in Order“ („2020) ist eine meditative Arbeit, mit der die amerikanisch-jüdische Künstlerin Fake News, Donald Trump und Covid-19 begegnete. „Es war hart“, sagt sie in Ahlen.

Die gelungene Ausstellung bietet neben hochspannenden Arbeiten von Timm Ulrichs, Hans Op de Beeck, Yasam Sasmazer und anderen noch eine Videoinstallation von Bill Viola. „The Raft“ (2004) zeigt, wie 19 Menschen von zwei Wasserfontänen umgeworfen und niedergehalten werden. Viola ist es wichtig, zu sehen, wie die Menschen wieder aufstehen und einander helfen.

Eröffnung, Samstag, 2. 10., 16 Uhr; bis 16. 1. 2022; mi-sa 15 – 18 Uhr, so und Feiertage 11 – 17 Uhr; Katalog

20 Euro; Tel. 02382/91 830; www.kunstmuseum-

ahlen.de

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