Rheine zeigt die Mittelalter-Ausstellung „Bürgersinn & Seelenheil“

Urängste setzt das Relief mit der Höllenfahrt Christi aus dem Hochaltarretabel der St.-Dionysius-Kirche in Rheine ins Bild, das ein unbekannter Schnitzer schuf. Zu sehen ist es im Museum Falkenhof. Foto: Museum

Rheine – Mürrisch blickt der Teufel zur Seite. Aber seine Macht über die verdammten Seelen hat er verloren. Christus hat einen Fuß auf seinen Hintern gesetzt und weist den nackten Hölleninsassen den Weg aus dem Rachen der Hölle, hier als riesiges Monster dargestellt. Ein Dämon allerdings scheint noch eine letzte Sünderin in den Abgrund schleppen zu wollen.

Es sind die Urängste der mittelalterlichen Menschen, die der unbekannte Meister in diesem um 1443 bis 1450 entstandenen Relief aus dem Hochaltar der Kirche St. Dionysius in Rheine ins Bild setzte. Vor der Hölle fürchteten sie sich so sehr, dass sie große Summen gaben, gar ihr Hab und Gut der Kirche vererbten, um den Qualen zu entkommen. Heinrich III. von Schwarzburg, Bischof von Münster, stellte 1477 in einer Urkunde einen Ablass in Aussicht. Wer für den Bau der Dionysius-Kirche spendete, dem sollten 40 Tage Leiden im Jenseits erspart bleiben. So bekam die ungreifbare Angst einen klar benennbaren Gegenwert.

Zu sehen sind die erhaltenen Reliefs des Altarretabels und die Urkunde im Museum Falkenhof in Rheine. Von Sonntag an ist dort die Ausstellung „Bürgersinn & Seelenheil“ zu sehen. Anlass ist das Jubiläum der spätgotischen Kirche St. Dionysius. 1520, vor 500 Jahren, wurden die Glocken geweiht. Die Kuratoren, Museumsdirektorin Mechthild Beilmann-Schöner und Ursula Lütkemeyer, haben eine kompakte Mittelalterschau aus dem Kirchenschatz von St. Dionysius, aus Museumsbesitz und Leihgaben zusammengestellt. Rund 60 Objekte dokumentieren den erstaunlichen Reichtum in der westfälischen Provinz.

Es war nicht selbstverständlich, dass Rheine, eine Stadt von gerade 1500 Einwohnern, ein so großes Gotteshaus bekommen sollte. Rheine, lange Zeit im Besitz der Frauenabtei von Herford und von örtlichen Vogten verwaltet, hatte 1327 vom Bischof von Münster die Stadtrechte verliehen bekommen, der damit die Stadt widerrechtlich seinem Machtbereich eingliederte. Sie war wegen ihrer Lage an der Ems ein Verkehrsknotenpunkt, durchaus begehrt.

Mindestens ein Jahrhundert lang wurde an der Kirche gearbeitet, die genaue Baudauer ist nicht bekannt. Aber die Umstände deuten auf stetige Finanzierungsprobleme hin. Man behalf sich mit Krediten, die damals eigentlich nicht erlaubt waren. Aber wenn man eine Rente aussetzte, war der Effekt der gleiche: Man bekam jetzt Kapital, für das man jährlich einen bestimmten Betrag abzahlte. In der Ausstellung ist ein Vertrag von 1480 zu sehen, mit dem Kapital für St. Dionysius aufgetrieben werden sollte.

Die Schau ist in fünf Kapitel aufgeteilt, denen jeweils ein Raum zugeordnet ist. Sie beginnt mit dem unscheinbaren „Bruderschaftsbuch“ (um 1450–1500), dessen Zweck lange unbekannt war. Heute weiß man, dass darin die Mitglieder einer Gebetsbruderschaft eingetragen wurden. Diese verpflichteten sich, jeweils für das Seelenheil der anderen zu beten.

Die Kunstschätze von St. Dionysius machen staunen über ihre reiche Fülle. Nicht alle Objekte sehen spektakulär aus, manches erschließt sich erst aus dem Zusammenhang. So gibt es eine Schenkungsurkunde des Priors des Augustinerklosters Marienkamp, der dem Eremiten Egbert Reliquien überließ. In der Kirche befanden sich Reliquienkästen, und die Urkunde im Pfarrarchiv gehört offenbar dazu. Egbert hatte vermutlich die Reste der Apostel Paulus, Jacobus, Thomas aber auch Stücke der Geißelsäule und der Krippe des Herrn der Kirche in Rheine vermittelt. Auch die restaurierten Reliquienbehälter sind ausgestellt, eher schmucklose Kästen, in denen wieder Reliquien befestigt wurden, so dass man einen Eindruck erhält.

Heilige Hinterlassenschaften dieser Art machten St. Dionysius zum Ziel vieler Gläubiger, sie mehrten auch den materiellen Reichtum. So ist eine fein gearbeitete Monstranz ausgestellt, eine Goldschmiedearbeit aus dem 16. Jahrhundert. Ein auf 1485 datiertes Reliquienkreuz mit Spänen des Kreuzes Christi in einem Kristall stammt aus dem Kloster Bentlage und kam 1855 in die Kirche. Auch ein romanisches Aquamanile in Löwenform, das manchmal noch heute zur liturgischen Handwaschung genutzt wird, wurde nicht im Mittelalter, sondern 1872 vom Küster Franz Hölscher der Gemeinde geschenkt.

Kostbar waren solche heiligen Knochen oder Kreuzessplitter. Die Reliquiare waren „nur“ Verpackung. Aber sie konnten ebenfalls aufwendig gestaltet sein. So gab es große Schreine, Goldschmiedearbeiten, mit Edelsteinen verziert. In St. Dionysius gibt es kein Beispiel dafür, darum zeigt die Schau den Prudentiaschrein der Propsteikirche St. Stephanus und Sebastianus aus Beckum, eine prachtvolle Arbeit Osnabrücker Goldschmiede (1230–1240). Und ein kleineres Bursenreliquiar aus Metelen (um 950), in dem ein reisender Missionar die heiligen Objekte würdevoll transportieren konnte.

Außerdem zeugen weitere Skulpturen, Dokumente und kostbare Sakralgewänder von der Frömmigkeit des Mittelalters.

30.8.–28.2.2021, di – sa 14 – 18, so 10 – 18 Uhr,

Tel. 05971/ 920 610, www. rheine.de/kirchenschatz, Katalog, Nünnerich & Asmus Verlag, Oppenheim, 35 Euro

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