„Ruhe vor dem Sturm“: Das Museum Morsbroich zeigt Kunst des Postminimalismus

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Perfektion wird überbewertet: Reinhard Muchas Installation „v.o.“ (2015) in der Ausstellung postminimalistischer Kunst im Museum Morsbroich. An der Wand hängt Muchas Arbeit „Das Haus auf seinen Schultern“ (2013).

LEVERKUSEN - Für seine aktuelle Arbeit „v.o.“ hat Reinhard Mucha die Neonröhren abgenommen, die eigentlich unter der Decke des Ausstellungsraums im Museum Morsbroich ein Rechteck bilden. Er arrangierte die Lampen auf dem Boden zu einem Kreuz, das die Diagonalen des Raums markiert. Die Stäbe ruhen, von Klebeband fixiert, auf einfachen Hockern. Die Installation definiert den Raum neu. „v.o.“ steht für „von oben“.

Muchas Arbeit ruft beim naiven Betrachter leicht die Frage hervor: „Das soll Kunst sein?“ Die Antwort liefert „v.o.“ selbst. Man steht vor dem monumentalen Arrangement, das den Normalzustand des Raums aufhebt. Man sieht, wie geometrische Prinzipien konsequent angewendet werden. Das Verfahren wird aber durch die lässige Platzierung der Hocker, durch die Nutzung von banalem Industrie-Klebeband gleich wieder in Frage gestellt. Die strenge Komposition trifft auf kalkulierte Schlampigkeit. Dieser Gegensatz lässt Muchas Arbeit so schillern, öffnet sie der Phantasie. Und sie zeigt das Prinzip, dem die Kunstwerke der aktuellen Ausstellung im Leverkusener Museum folgen.

Die Schau führt zurück in die Kunstgeschichte. Der lyrische Titel „Ruhe vor dem Sturm“ meint eine Umbruchphase, das Heranreifen der postmodernen Stilvielfalt um 1970. Das Rheinland, damals eine Brutstätte der Avantgarde, wurde damals mit einem neuen Stil konfrontiert, der Minmal Art aus den USA. 1968 zeigte das Gemeentemuseum Den Haag erstmals in Europa eine Überblicksschau mit Arbeiten von Carl Andre, Donald Judd, Sol LeWitt und anderen. Die Ausstellung wanderte weiter in die Kunsthalle Düsseldorf. Künstler wie Joseph Beuys, Gerhard Richter, Sigmar Polke reagierten sofort auf ihre US-Kollegen. Minimal Art führte die Moderne sozusagen zum Abschluss. Die Handschrift und das Künstler-Ego wurden negiert. Skulpturen bestanden nun aus industriell vorgefertigten Elementen. Künstler wie Judd und Dan Flavin deckten sich im Baumarkt ein, um schlichte, kalte, harte Objekte mit von der Geometrie vorgegebenen Formen wie Kuben, Quader, Kugeln zu fertigen. Einerseits waren die deutschen Künstler durchaus angetan vom Gedanken, ihre Arbeit sozusagen zu demokratisieren. Und speziell der Umgang mit „armem Material“ öffnete neue Wege. Aber die Strenge der Minimalisten provozierte auch zu Ironie.

Museumsdirektor Markus Heinzelmann unterstreicht, dass die Minimal Art eben kein Ende markierte, sondern ihrerseits als Inspiration für neue Tendenzen diente. So dokumentiert die Schau mit mehr als 50 Arbeiten von 16 Künstlern einerseits den postminimalistischen Aufbruch um 1970 mit Schlüsselwerken der Zeit. Und sie zeigt mit aktuellen Stücken, wie die befruchtende Wirkung jener Zeit bis heute anhält. Ein kapitales Beispiel von Minimal Art schließt die Schau ein: Carl Andres Installation „Solarust“ (1984) ist im Schlosspark zu sehen: 300 Stahlplatten sind auf 600 Quadratmetern ausgelegt.

Die deutschen Künstler fühlten sich herausgefordert und reagierten oft mit subtilem Witz. Sigmar Polke ummalte ein Stoffstück, das mit Delfter Kacheln bedruckt war, mit einem weißen Rahmen und schrieb darauf: „Carl Andre in Delft“ (1968). Das konfrontierte die pathetischen Setzungen der Minimalisten – große Formate, harte Materialien – mit Serialität in einer bürgerlich-gemütlichen Ausprägung. Dass die Kacheln dann auch noch aus der direkten Nachbarschaft Den Haags stammen, trieb die Ironie auf die Spitze.

Imi Knoebel malte 1966 ein weißes Quadrat („o.T.“), eine Paraphrase von Kasimir Malewitschs schwarzem Quadrat (1915) und ein zarter Hinweis, dass es Minimalismus schon lange vor Judd und Co gab. Gerhard Richter begann 1966 mit abstrakten Bildern. Sein Diptychon „Zwei Grau nebeneinander“ malte er mit Industriefarben.

Auch Joseph Beuys griff auf die Formsprache der Metallplatten zurück. In „fat up to this level I“ (1972) stellte er drei Zinkplatten in den Raum, mit einer aufgelegten Eisenstange. Der Titel spielt mit der englischen Wendung „fed up“, Schnauze voll von der Minimal Art. Aber Beuys „rettet“ die Richtung auch, indem er sie in sein eigenes Vokabular übersetzt. Seine ohnehin anoxidierten Metallplatten sind mit Fett, einem Wärmemedium, bestrichen. Gegen das Technisch-Mathematische setzt er Emotion und Mythos. Ähnlich macht er es mit dem „Eurasienstab“ (1968/69). Er legt die gekrümmte Kupferstange in eins von vier industriellen Winkelprofilen, die mit Filz überzogen wurden.

Die Leverkusener Schau lohnt auch, weil man hier neben solchen Kunststars auch weniger bekannte Positionen sieht. Marianne Pohl zum Beispiel schuf illusionistische Wandobjekte, bei denen mit Kleister verstärktes Pergament perspektivisch verzerrte Würfel und Quader ergibt. Erinna König lehnte fünf Gerüstbretter, rot lackiert und mit Kreuzen markiert, an die Wand und nannte das „Kreuzstich“ (1984). Da wird das männliche Material zum Spielball weiblicher Zeitvertreibe.

So leise viele Arbeiten hier auch auftreten: Es braucht nicht immer einen Sturm, um Betrachter zu bewegen. Der Postminimalismus lohnt auch den zweiten Blick.

Eröffnung so, 11.30 Uhr. Bis 10.1.2016, di – so 11 – 17, do bis 21 Uhr, Tel. 0214 / 855 560,

www.museum-morsbroich.de, Katalog, Verlag Kettler, Dortmund, 29 Euro

Quelle: wa.de

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