Ruhrgebietskarneval „Geierabend“ startet in 25. Session

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Günter Rückert (links), geboren in Löningen/Oldenburg 1952, lebt seit 1954 in Dortmund, ist promovierter Germanist, Zeichner, Maler und Theaterregisseur. Seit 19 Jahren gehört er zum Geierabend. Vorher zählte er zum Ensemble des Rocktheater N8chtschicht. Roman Henri Marczewski, Jahrgang 1952, war Straßenmusiker in der Kapelle MEK-Bochum, bevor er Präsident und Kopf des Dortmunder Alternativ-Karnevals wurde, Mann der ersten Stunde. Er organisierte Amateur-Theater und Kulturhaus-Initiativen. Franziska Mense-Moritz, geboren 1959 in Enniger, lebt seit 1979 in Dortmund. Sie gehörte seit 1978 zum Rocktheater N8chtschicht, hatte Engagements als Schauspielerin, Sängerin und Moderatorin, arbeitete für den WDR und trat 2005 mit ihrem Soloprogramm „Warum ich?“ auf.

Dortmund - Zum 25. Mal geht der alternative Ruhrgebietskarneval in die närrische Session. Zum Jubiläum gibt es 24 Nummern in drei Stunden. Regisseur Günter Rückert und seine 13 Mitstreiter proben seit dem 1. November auf der Zeche Zollern in Dortmund. „Es läuft gut“, sagt Rückert, der seit 19 Jahren dabei ist. Im letzten Jahr waren alle Geierabende so gut wie ausverkauft: 18.000 Besucher.

Auch für 2015/16 wird mit einem Ansturm auf die 37 Termine gerechnet. Außerdem profitiert das Industriemuseum. Seit es den Geierabend auf Zeche Zollern gibt, haben sich die Besucher-Zahlen verdreifacht, weiß Günter Rückert. Mit dem Regisseur, mit Roman Henri Marczewski, dem „Präsi“ und mit Franziska Mense-Moritz sprach Achim Lettmann über das neue Programm, den Erfolg und den „Kern“ des alternativen Ruhrgebietskarnevals.

Sie starten ins 25. Programm. Ist das was Besonderes?

Roman Henri Marczewski: Okay ja, 25 Jahre. Aber im Grunde genommen ist es unser Geierabend. Wir geben alles wie immer, egal ob das 12, 25 oder 77 Jahre sind.

Franziska Mense-Moritz: Ich denke schon. Das hat ein bisschen was von Silberhochzeit. Es ist wie eine Langzeitehe. wir machen uns an und vertragen uns auch wieder, bis so ein Programm steht.

Gibt es Überraschungen?

Günter Rückert: Es gibt ein komplettes neues Geierabend-Programm. Aber wir haben kein spezielles Jubiläumsprogramm. Wir haben den Motto-Song „Komm’ wiesse bis“. Das ist eine Covernummer von Nirvana. Das Album kam vor 25 Jahren heraus.

Hat sich der Geierabend verändert?

Mense-Moritz: Ja, ich bin ja erst 19 Jahre dabei. Und genauso wie der Günter. Als wir hier angefangen sind, war das noch lange nicht so durchorganisiert, und es war noch nicht so professionalisiert wie jetzt. Damals war das eine Subkultur, heute sind wir beinahe schon etabliert. Zur Premiere kommt der Bürgermeister, das war vor 25 Jahren nicht so. Wir gucken, dass wir eine bunte Mischung zusammen bekommen. Früher hat jeder seine Ideen mitgebracht. Heute gibt es ein richtiges Konzept.

Haben Sie erwartet, dass das so eine Erfolgsnummer wird?

Marczewski: Im Grunde genommen haben wir es mal gemacht. Wir dachten, da ist nicht viel los in der Zeit. Da haben wir das gemacht, damals im Theater Fletch Bizzel. Und es war alles so selbstgestrickt. Noch mit Münsterländer Themen.

Rückert: In den ersten Jahren war ich nicht dabei. Nach sechs Jahren hatte man mal überlegt, vielleicht brauchen wir einen Regisseur. Dann wurde das im Laufe der Zeit immer professioneller und konzeptioneller. Heute fragen wir uns, was ist los in Gesellschaft und Politik, wie müssen wir darauf reagieren?

Mense-Moritz: In den Anfängen gab es 180 Sitzplätze, da saßen die Leute schon aufeinander. Wie oft habt ihr gespielt? Dreimal?

Marczewski: Wie dreimal?

Zwölfmal!

Mense-Moritz: Zwölfmal. Ja, guck mal. Dann sind wir irgendwann umgezogen in die Florianhalle.

Marczewski: Schwierig war der ganze Umbruch, von der kleinen Bühne im Fletch Bizzel. wo noch alles gemütlich war und noch Kleinkunst war. Dann kamen mehr Leute und wir merkten, wir müssen was Größeres haben. Da sind wir in die Florianhalle, das war schäbbig. Dann hatten wir einen Personalwechsel. Es war eine Entwicklung von Kleinkunst im Fletch Bizzel zur wirklichen Show auf Zeche Zollern.

Ruhrpott-Deutsch und die Typen des Reviers sind für den Geierabend sehr wichtig. Das scheint Allgemeingut in ganz Deutschland geworden zu sein. Wann haben Sie das gespürt?

Rückert: Als wir auf die Zeche umgezogen sind, hat sich der Geierabend zu dem entwickelt, was er heute ist. Die Leute haben das als Kultveranstaltung begriffen. Es gibt gewisse Rituale mit Figuren, die erwartet werden, wie die zwei von der Südtribüne. Der eine sagt: ,Wo warst Du solange?’ Und der andere sagt: ,War Abitur machen.’ Das wird mitgesprochen. Als wir auf der Zeche 1999 anfingen, hatten wir 3000 Zuschauer, heute 18 000.

Mense-Moritz: Die Frage war ja nach den Revier-Typen. Die haben sich kultiviert im Laufe von 30 Jahren. Ich habe das beim Rocktheater-Nachtschicht schon gemacht. Da stieß das auf sehr viel Freude bei den Zuschauern und hatte einen hohen Wiedererkennungswert. Ich sag’ mal, wir waren damals die einzige Gruppe, die sowas gemacht hat. Außer in Österreich, da waren noch die Schmetterlinge. Aber unsere Typen, die gab es nicht im Fernsehen und in jeder Irgendwie-Show. Mittlerweile findet man solche Typen in ganz normalen Fernsehformaten. Ob die aus dem Ruhrgebiet kommen, aus Berlin oder Timbuktu, das ist völlig egal. Kabarettisten trauen sich vielmehr, in diese regionalen Figuren zu steigen. Irgendwie haben die Leute verstanden, dass es dem Zuschauer gefällt, wenn er sich wiedererkennt. Das ist unser großes Plus, erstens kommen wir hier her und zweitens haben wir den Humor, die Denkart der Menschen, die hier leben.

Seit 20 Jahren hat sich die Comedy-Unterhaltung durchgesetzt, wie wichtig ist diese Entwicklung für Ihr Programm?

Rückert: Wir haben drei Säulen im Programm. Die eine ist Kabarett, politische Satire, die zweite ist Ruhrpott-Humor und Typen und das dritte ist dieser Comedy-Anteil. Das Besondere am Geierabend ist, dass wir mit 13 Menschen auf der Bühne sind. Mehrere Schauspieler, ein Moderator, der durchs Programm führt, das ist eine große dichte Show.

Also, der Kern der Show kommt aus den 70er Jahren. Pioniere aus der Ruhrgebietsszene geben die Richtung vor.

Rückert: Das würde ich so unterschreiben.

Mense-Moritz: Ja, kann schon sein.

Aber Sie gehen mit der Zeit. Der Erfolg spielt eine große Rolle...

Marczewski: Wir sind immer noch basisdemokratisch organisiert.

Rückert: Manchmal (Mense-Moritz lacht, alle lachen).

Marczewski: Wenn wir uns nicht einigen können, hat der Regisseur das letzte Wort.

Mense-Moritz: Wenn einer inhaltlich sagt, das kann ich nicht unterschreiben, das mache ich nicht mit, dann lassen wir das auch sein.

Haben Sie mal an Gastauftritt gedacht, das mal Uwe Lyko alias Herbert Knebel, Helge Schneider oder Fritz Eckenga auftreten?

Mense-Moritz: Wir haben nicht drüber nachgedacht. Wir brauchen das auch nicht. Klar, kann man sich Leute holen, die bundesweit bekannt sind durch Funk und Fernsehen. Aber wir können das eigentlich selbst.

Hat die Zeit der Kulturhauptstadt 2010 einen Einfluss auf Ihren Geierabend genommen?

Rückert: Nein, wir hatten eine ziemlich kritische Haltung zur Kulturhauptstadt.

Marczewski: Seit 2010 hat sich aber die Partner-Stadt-Geschichte entwickelt. Jede Stadt konnte ja ihre super Kultur 2010 präsentierten. Und wir suchen seitdem einen Partnern aus dem Ruhrgebiet, hofieren sie ein Jahr, treten dort auf. In diesem Jahr ist Hamm dran.

Seitdem Sie auf der Zeche Zollern auftreten, läuft der Geierabend. Was ist der Grund für diesen Erfolg?

Mense-Moritz: Erstmal wir selbst. Zweitens, sagen wir immer die Wahrheit.

Rückert: Wir sind authentisch. Wir machen das aus unserer eigenen Lebensgeschichte heraus, den Humor, den wir im Ruhrgebiet mitbekommen haben...

Mense-Moritz: Auch was wir erleben.

Rückert: Die Typen, die auf die Bühne kommen, der Sauerländer gehört ja auch dazu, Martin F. Risse kommt ja aus dem Sauerland. Neben der großen Show ist das der Kern der Veranstaltung. Wir sind die alternative Karnevalssitzung im Ruhrgebiet, was die Skunksitzung in Köln ist.

Marczewski: Wir sind ein Paket. Wir könnten in größeren Hallen spielen, aber das Ambiente von der Zeche Zollern können wir nicht mitnehmen.

Die Termine:

Auf der Zeche Zollern, Grubenweg 5, Dortmund, finden 37 Veranstaltungen statt. Premiere 29.12. (ausverkauft), bis 9. Februar. Beginn 19.30 Uhr; Karten-Tel. 0231/142525; online-Verkauf: www.geierabend.de

Infos online unter www.fletch-bizzel.de.

Quelle: wa.de

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