Schillers „Don Karlos“ am Schauspiel Bochum

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Herzschlagnähe: Don Karlos (Torsten Flassig) und Prinzessin von Eboli (Minna Wündrich) am Schauspielhaus Bochum.

Bochum - Eine besondere Tragik zwischen Vätern und Söhnen besteht, wenn der ältere durch seine eigenen Erwartungen nicht hindurchsieht. Dann kann es geschehen, dass er am Sohn hasst, was er an dessen Altersgenossen bewundern mag. Im „Don Karlos“ unter der Regie von Jan Neumann am Schauspiel Bochum sind beide, Posa und der Infant, Stürmer und Dränger, der eine um ein weniges vernünftiger als der andere.

Aber Philipp (Jürgen Hartmann), der seinen Sohn verachtet und ihm misstraut, liebt Posa (Daniel Stock), und wenn nur als Folie für seine eigenen Überlegungen. Das Gespräch zwischen Posa und dem König ist im Grunde ein Selbstgespräch Philipps mit einer nach außen projizierten Zweiflerstimme. Jürgen Hartmann lässt das Publikum müde Augen und ein leidendes Gesicht sehen. Posa derweil kämpft sich ab.

Es scheint ein Krieg der Generationen zu herrschen: die Macht-Kaste gegen die Jungen, die noch wünschen können. Das scheint Philipp den Jüngeren zu neiden, deshalb beugt er sich so resigniert dem Großinquisitor.

Man möchte diese Erkenntnis Jan Neumanns Regie zuschreiben, und in der Tat hat Neumann ein Gefühl für Bruchlinien, die sich in den Seelen der Menschen auftun, die in einem geschlossenen System leben. Aber er müsste hier ansetzen. Die Begegnung Philipps mit Posa funktioniert, weil Jürgen Hartmann ein gelassener Darsteller ist und neben dem mit vollem Körpereinsatz aufspielenden Daniel Stock wie ein Kraftzentrum wirkt.

Karl (Torsten Flassig) reibt sich in dem System auf. Er liebt eigentlich nicht, auch nicht die Königin: Er will berührt werden. Die Spätfolge einer liebelosen Kindheit. In der Gefängnisszene umarmt Flassig plakativerweise einen Eisblock.

Neumanns „Don Karlos“ soll allerdings, so die optische Behauptung, eine Studie über Macht und Überwachung sein. Der König sitzt auf einer Rampe, die wie eine lange Fensterfront gestaltet ist. Über ihm hängt ein Spiegel. Zu Philipp gelangen Rampenstürmer und Kletterer; gelegentlich stürzen sie ab. Die Rampe ist Baustelle, Spieren stehen ab. Eine Plane verdeckt ein Gerüst (Bühne: Dorothee Curio).

Zu Anfang sind Aufnahmen des Madrider Escorial-Palastes – Grablege der spanischen Könige – und der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes in Berlin zu sehen. Alle Macht ist offenbar irgendwie gleich. Der Großinquisitor wird vom Zuschauerraum aus gesprochen von Bettina Engelhardt. Sie lässt sich ein Handy zureichen. Eine ferngesteuerte, blinkende Überwachungs-Palme ist nur ein visueller Gag. Kein Kommentar zum Thema Überwachungsstaat, trotz Snowden, trotz NSA.

Das zuvor verdeckte Gerüst wird enthüllt und verkündet auf Englisch: „Diese Wörter haben keine Macht über dich“. Darunter blinkt es: „Ich, der König“. Da ist Philipp längst machtlos. Sonst macht Neumann ziemlich konventionelles Theater.

Es geht ihm letztlich immer ums Individuelle, ums Gefühl. Auch daraus hätte sich mehr machen lassen, zum Beispiel, indem man die Frage gestellt hätte, wie machtvoll persönlicher Einsatz sein kann. Posa ruft als idealistischer Schwärmer seine Ideen von der Rampe, aber seine Ideen verfangen nirgends. Der Idealismus ist tot. Mehr bleibt nicht.

Elisabeth (Juliane Fischer), auch sie eine junge Wilde ohne Ziel, schreit wie ein Girlie auf und wirft sich auf den Boden, als sie von Posas Opfer erfährt. Das ist, wie Karls Leiden, mehr Pose als alles andere. Glaubhafter ist Minna Wündrichs Eboli. Ihr nimmt man die seelische Not ab, die die Verirrung in einem Macht-System mit sich bringt.

Gut gemacht sind die Kostüme von Nini von Selzam. Sie macht die Frauen wie für eine Retro-Fashion-Show zurecht: mit Krinolinen und geometrischen Jacken, dunkel und streng, aber glamourös. Die Männer tragen Schwarz und Reitstiefel. Nur der Infant trägt noch Schuhe. Posa trägt ein weißes Hemd, um seine Verletzlichkeit zu markieren.

11., 18. 11.; 5., 29. 12.;

Tel. 0234 / 3333 5555

Quelle: wa.de

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