Stefan Otteni inszeniert „Das Floß der Medusa“ nach Franzobel in Münster

Eingeengte Schiffbrüchige: Szene aus dem Stück „Das Floß der Medusa“ in Münster mit Frank-Peter Dettmann, Andrea Spicher, Ilja Harjes, Carola von Seckendorff, Christoph Rinke, Sandra Schreiber, Christian Bo Salle und Louis Nitsche (von links). Foto: Berg

Münster – Die Geschichte sollte ins Gedächtnis Europas eingebrannt sein: Dass ein unfähiger Kapitän nach dem Schiffbruch der französischen Fregatte „Medusa“ vor der afrikanischen Küste 150 Menschen auf einem Floß aussetzte. 13 Tage lang trieben sie auf dem Meer, nur 15 überlebten.

Ein Skandal, der vor mehr als 200 Jahren Europa erschütterte. Théodore Géricault malte das „Floß der Medusa“. Sein Bild hängt heute im Louvre. Der österreichische Schriftsteller Franzobel verarbeitete die Katastrophe 2017 zu einem Roman. Jetzt hat Stefan Otteni am Theater Münster eine Bühnenfassung inszeniert.

Am Anfang stellen die Schauspieler Géricaults Gemälde nach, das an den Bühnenhintergrund im Kleinen Haus projiziert wird. Die neun Männer und Frauen sind fast die ganze Zeit auf einem stilisierten Floß, das Bühnenbildner Peter Scior aus Möbeln, Türen, Kisten zusammenpuzzelte. Nach wenigen Minuten, wenn auf der Leinwand die Wogen der wilden See schwappen, überträgt sich die Bedrängnis auf das Publikum.

Die schlimmsten Details lassen sich nicht zeigen, und das sagen die Darsteller auch. Da liegen sie längst nackt auf diesem lächerlich zusammengestoppelten Gebilde und erzählen vom Sterben, vom Hunger, davon, wie sie sich von den Gestorbenen ernähren. Man konnte sich einbilden, an einem Carpaccio zu kauen, heißt es. Ein Schiffsjunge bricht sich das Bein, das amputiert werden muss. Den Schlag mit der Axt zeigen sie, aber es spritzt kein Blut. Carola von Seckendorff kriecht danach nur über die Planken und deutet in ihrer Stimme Schmerz und Verzweiflung an.

Die Inszenierung erreicht eine unglaubliche Dichte und Präsenz mit den Mitteln des epischen Theaters. Die Akteure schlüpfen in die verschiedensten Rollen. Carola von Seckendorff ist auch der unfähige Kapitän. Sie sitzt in einer grotesken Szene auf dem Rand einer Badewanne und deutet mit Pfurzgeräuschen den Durchfall an, während sie zugleich die erfahrenen Seeleute abwimmelt, die sie vor der Gefahr des Auflaufens warnen.

Das Schaurige hat ja auch seine komischen, sogar seine idyllischen Momente. So spielen Andrea Spicher (Viktor) und Louis Nitsche (Hosea) berührend die Freundschaft zwischen dem ausgerissenen Bürgersjungen und dem wissbegierigen Seemann, der sich jedes neue Wort aufschreibt.

Immer wieder deuten sie mit Choreografien die Ereignisse an. Anfangs schließen sie sich in einer Kollektivumarmung zu einem Menschenklumpen zusammen, deuten die Gemeinschaft an, die sich gegenseitig stützt und hält. Später fallen sie in einem wilden Rudelkampf übereinander her, boxen, treten, beißen, jeder gegen jeden, bis sie vor Erschöpfung zusammenzucken. Einer dreht durch, will über Bord gehen und springt in ein Wasserbecken, das sich unter einer Klappe auftut. Quälend lange zappelt er, wehrt sich dagegen, wieder auf die Planken gezogen zu werden. Das alles unterlegt Mariana Sadovska an Harmonium, Elektronik und Gesang mit einem suggestiven Soundtrack. In Ruhemomenten schließen sich die Darsteller wieder zusammen und summen eine Art Chor.

Dieser historische Schiffbruch hat für den heutigen Nachrichtenzuschauer genug Parallelen zu den Dramen, die sich täglich auf dem Mittelmeer abspielen. Da sterben viele Menschen, eingezwängt auf kleinen Booten, im Stich gelassen von Schleppern und einem sich abschottenden Europa. Franzobel hat einige Anachronismen in den Text eingebaut, Anspielungen auf die ein Jahrhundert später untergegangene „Titanic“ und das moderne gekenterte Kreuzfahrtschiff Costa Concordia zum Beispiel. Oder – wie passend im Wahlkampf – einige Beschwörungen der europäischen Werte, die besonders dann ihren Zynismus entfalten, wenn das Überleben durch Kannibalismus als kulturelle Leistung gepriesen wird. Die Regie überlässt es der Empathie und Aufmerksamkeit der Zuschauer, diese Dinge wahrzunehmen. Nur am Ende wird der Funkverkehr eingespielt zwischen einem Flüchtlingsschiff in Seenot und Rettern.

Ein überaus eindringlicher Abend, dessen Erzählfluss auch durch eine Pause nicht gestört wird. Nach mehr als zweieinhalb Stunden großer Beifall.

16., 17., 19.5., 8., 15., 27.6., 9., 12.7., Tel. 0251/ 5909 100; www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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