Stefano Massinis „Die Vereinigten Staaten von Amerika gegen Herbert Nolan“ in Bochum

Ein moralisches Gericht: Szene aus der Bochumer Uraufführung mit Leon Rüttinger und Carlotta Hein. Foto: Hupfeld

Bochum – Es ist möglich in diesen verrückten Tagen, dass in einem Theaterpublikum halb so viele Menschen sitzen, wie auf der Bühne stehen. Auf Zeche Eins in Bochum, spielen zehn Schauspielstudenten aus dem vierten Jahr der Folkwang-Universität. Und als es vorbei ist, wartet die Handvoll Zuschauer ab. Die Technik fängt beherzt an zu klatschen, das Publikum fällt ein. Mau klingt es. Bis die Schauspieler selbst klatschen. Für die Technik, das Regieteam, für sich selbst. Jetzt klingt es nach Schlussapplaus.

Es gibt eine Uraufführung, „Die Vereinigten Staaten von Amerika gegen Herbert Nolan“ von Stefano Massini. Gespielt werden sollte schon im März, im ersten Lockdown. Nun ist der zweite da, aber gespielt werden musste noch schnell. Ein Filmteam nahm das Ganze auf, die jungen Schauspieler müssen sich virtuell bekannt machen und bewerben. Ohne Erstaufführung, so der Verlag, kein Film. Also „Herbert Nolan“, ein Stück mit Schwächen, insbesondere einem Mangel an Festlegung. Vordergründig wird ein Gerichtsdrama gegeben. Eigentlich geht es um die schwer durchdringlichen Schichten von Wahrheit, die sich über ein Geschehnis legen. Die Medien spielen eine unrühmliche Rolle. Angeklagt ist Herbert Nolan, ein Zeitungsmagnat, der in einem ländlichen Bezirk in den USA in den 1950er Jahren eine Schießerei – ein alter Mann sah einen Angriff auf seine Enkelin, wo keiner war, und erschoss einen Fremden – aufbläst und zur Werbung für eine lokale Waffenfirma nutzt, an der er selbst Anteile hält. Um die Schüsse geht es nicht, der alte Mann lebt nicht mehr. Dennoch kreist ein Großteil des Stücks um die Tötung, nicht um die eigentlich gerichtlich zu verhandelnde Berichterstattung darüber. Die Fake-News-Debatte grüßt mit dem Zaunpfahl. Verhandelt werden keine rechtlichen Fragen, sondern moralische. Das Urteil steht längst fest. So bleibt vieles Nacherzählung.

„Herbert Nolan“ ist zunächst eine Prosaerzählung mit verteilten Rollen, die kurze Einblicke in die Gefühlswelt von zehn Geschworenen bietet, ohne dass sich die Charaktere entwickeln können. Die Sprechsoli bleiben Momentaufnahmen. Die Rollen wechseln schnell: Richterin wird zu Journalistin wird zur Angehörigen einer Religionsgruppe (Clara Schwinning kann tough, aber sie trifft auch, als Zeugin, einen Ton leiser Verunsicherung). Die Gerichtsszene weitet sich zu Rückblenden, dann zu Befragungen von Zeugen, zu denen ein Umfeld nachgebaut wird: eine Farm, eine Hauptstraße, eine Schreinerei. Überraschend, wie vielfältig die ehemalige Waschkaue bespielt wird (Regie und Bühne: Thomas Dannemann). Die zehn ziehen sich am Platz um, werfen züchtige Kittelkleider über und werden zu anabaptistischen Farmern, oder ziehen eine Fransenjacke an wie aus dem Elvis-Fan-Fundus (Kostüme: Tanja Maderner) – auch hier ist viel Kreativität zu bewundern.

Vorteil des Stückes sind viele Soloszenen, an denen sich die jungen Männer und Frauen erproben. Auffallend Carlotta Hein als spröde Anwältin wie aus einer CSI-Serie entsprungen. Später hat sie einen Auftritt als Dorflehrerin, deren Besserwisserei sie einen mädchenhaften Trotz beimengt. Pujan Sadri spielt einen Waffengeschäftbesitzer als dreisten Checker mit Gespür für Timing. Er hat einige Pointen zu bringen, und die sitzen. Das tut gut, es ist alles sehr ernst hier und wird mit einem Gutteil Empörung gesprochen.

Trotz allem macht es Spaß, diese Talente zu erleben, wie sie sich in das Spiel stürzen, unter Bedingungen. Es ist viel Spielfreude dabei, wenn eine Befragung plötzlich zur Rückblende wird, wenn die Gruppe in Stampfen ausbricht und den Gospel „Speak, Lord, speak to me“ als Übergang zu einem Umbau nutzt. Und wenn alle sich wie in einer religiösen Zeremonie um Carlotta Hein stellen, die mit „Bang Bang“ die Verführungskraft von Waffen preist.

Das Stück ist ausgespielt. Hoffen wir, dass wir schnell wieder soweit kommen, dass wir Talenten ein Publikum geben.

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