„Tatort“ aus Dortmund: „Kollaps“

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Gereizte Stimmung: Kommissar Faber (Jörg Hartmann, Mitte) tritt Tarim Abakay (Adrian Can, rechts) und dessen Leuten auf die Füße. Szene aus dem Dortmund-„Tatort“.

"Kollaps“, der neue „Tatort“ aus Dortmund, beginnt mit einer der furchtbarsten vorstellbaren Katastrophen. Die sechsjährige Emma findet im Sandkasten eine Tüte. Sie probiert die „Bonbons“ darin – und stirbt an den Drogen. Alle in der Nordstadt wissen, dass auf dem Spielplatz gedealt wird. Die völlig aufgelöste Mutter verteidigt sich. „Sie gehen hierhin?“ „Weil das ein Spielplatz ist.“

Gleich peilt der Film von Dror Zahavi (Regie) und Jürgen Werner (Buch) ein aktuelles Konfliktpotenzial an. Auf einem Überwachungsvideo sind die beiden mutmaßlichen Dealer zu sehen, die ihren Stoff im Sand versteckt hatten, um einer Razzia zu entgehen. Es sind Flüchtlinge aus dem Senegal, das Geschwisterpaar Niara und Jamal. Das ist eigentlich noch kein Fall für die Mordkommission um Hauptkommissar Faber (Jörg Hartmann). Aber als die Leiche des Flüchtlingsmädchens gefunden wird, wird es brisant. Emmas Mutter schlägt Kommissarin Bönisch die Tür vor der Nase zu: „Die interessiert mich nicht. Und wenn sie mit zwölf verreckt wäre, würde Emma noch leben.“

Zuwanderung, Drogenkriminalität, Rassismus, Gleichgültigkeit – das ganze Spektrum eines Problemviertels wird entfaltet. Dieser „Tatort“ von den Schattenseiten dürfte dem Tourismusbüro der Ruhrgebietsstadt die Arbeit nicht gerade erleichtern.

Als noch ein schwarzer Dealer stirbt, wird klar, dass hier einer „aufräumt“, wie es ein Mann aus der Nachbarschaft formuliert: „Wurde ja auch Zeit.“ Der Verdacht fällt auf Emmas Vater (Sönke Möhring) und auf den zwielichtigen Freund der Familie, Dieter Lahnstein. Werner Wölbern ist offenbar abonniert auf die Darstellung schmieriger Typen. Dass Jamal und Niara auch nur Opfer sind, hilflose Werkzeuge für unsichtbare Hintermänner, wird schnell sichtbar gemacht, ohne dass der Film zu sehr ins Lehrhafte verfällt.

Was macht Faber? Er, so formuliert es die mürrische Pathologin Leitner (Sybille Schedwill), „fabert hier rum“. Der Kommissar, der seine Familie ja auch durch ein Verbrechen verlor, verdächtigt den türkischstämmigen Gangsterboss Tarim Abakay als Drahtzieher hinter den Drogengeschäften. Zeit für Höflichkeiten vergeudet er nicht, beleidigt gleich die Leibwächter und fragt: „Kann ich nochma son lecker Tee haben oder krich ich gleich auf die Fresse?“ Hartmann hält seine Figur wieder grandios in jenem schmalen Bereich, wo der Zuschauer sich fragt: Dreht er völlig durch oder hat er einen Plan? Adrian Can als glatter Gangster hält ebenbürtig dagegen. Die Wortgefechte der beiden so ungleichen Alphatiere sind so packend, weil nie ganz klar wird, wer nun wirklich die Oberhand behält.

Fabers Arbeit wird nicht gerade erleichtert durch die erheblichen privaten Probleme in seinem Team. Martina Bönisch (Anna Schudt) steht vor der Scheidung – und ihre Kinder wollen lieber zum Vater als zu ihr. Ihre Verlustangst stört im Fall des toten Kindes ihr sonst so klares Denken. Und Faber muss sich wieder kümmern, mit heißem Kaffee im Foyer des Hotels am Morgen nach einer schnellen Affäre.

Auch Kossik (Stefan Konarske) läuft neben der Spur: Seine Kollegin Dalay (Aylin Tezel) hat einen neuen Freund mit teurer Limousine. Der junge Kommissar wird zum eifersüchtigen Beobachter. Und reagiert dünnhäutig auf die riskanten Ideen Fabers.

Mit dieser Mischung, zugegeben sehr viel Stoff für 90 Minuten, wird der Dortmunder „Tatort“ wohl nie zu Jedermanns Liebling werden wie bei den Kollegen aus Münster. Aber der Film ist so vielschichtig erzählt, dass er wieder zu den Höhepunkten der Sonntagskrimis zählt. Allein schon, wie viel hier in dialoglosen Szenen geschieht, einfach in Gesten und Mimik erzählt wird. Die Bilder aus dem trostlosen Flur im Nordstadthaus, mit den aufgebrochenen Türen und den vorbeihuschenden Plünderern. Und dann schiebt eine missmutige Rollator-Oma durch die Szene. Auch sie spielt eine Rolle bei der Lösung dieses Bündels aus Verbrechen und zufälligem Unheil.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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