„The Problem Of God“: Religiöse Kunst im K 21 Düsseldorf

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In Christuspose: Boris Mikhailovs Bild von Obdachlosen in Charkow, zu sehen in Düsseldorf.

DÜSSELDORF - Der Oberkörper des Mannes ist nackt, obwohl Schnee liegt. Die Menschen, die ihn halten, tragen dicke Mäntel. Er hat die Arme ausgebreitet, blickt leer in die Kamera. Man denkt vor diesem Großfoto von Boris Mikhailov an eine Kreuzabnahme, wie sie zum Beispiel Rubens malte. Aber die „Case History Requiem“ von 1997 stellt die Haltungen der sakralen Kunst nicht bewusst nach. Mikhailov porträtierte die Obdachlosen in seiner ukrainischen Heimatstadt Charkow.

Doch vielleicht sind bestimmte Haltungen so sehr in das kollektive Unbewusste christlich geprägter Gesellschaften eingegangen, dass selbst die Außenseiter sie einnehmen, wenn es darum geht, Bilder zu schaffen. Von der christlichen Ikonografie in der Moderne handelt die Ausstellung „The Problem of God“ in der Kunstsammlung K 21 in Düsseldorf. Mit rund 120 Werken von 33 Künstlern sucht die von Isabelle Manz kuratierte Schau nach den religiösen Spuren in der Gegenwartskunst. Inspiriert wurde sie von der katholischen Kirche. Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Kunstsammlung zu dem Projekt eingeladen.

Unkritisch geht sie darum nicht mit dem Thema und der Institution um. Gleich über der Treppe zum ersten Teil der Schau hängt eine mächtige Glocke, die auch zur vollen Stunde geschwungen wird. Man hört allerdings nichts, denn der Schlegel wurde entfernt. In der Installation „For Whom“ (2012) des belgischen Künstlers Kris Martin bleibt das Signal des Glaubens stumm.

Den Titel hat die Ausstellung von einer Arbeit des polnischen Künstlers Pavel Büchler von 2007. Er hat in ein gefundenes Buch ein Vergrößerungsglas geschoben, das ein Wort spiegelt: „Invisible“. Gott ist unsichtbar. Wie stellt man ihn dar? Das lässt an Bildverbote denken, wie sie ja auch im Christentum zeitweise bestanden, man denke an die Bilderstürmer des Mittelalters. Robert Rauschenberg schuf 1951 seine „White Paintings“, in Düsseldorf ist eine dreiteilige Version ausgestellt. Wie ein Altar-Triptychon sieht der Betrachter nichts als gleichmäßige weiße Fläche. Das Gegenstück hängt an der benachbarten Wand: Ad Reinhardts „Black Painting“ (1960-66), das erst bei sehr langem und genauem Hinsehen offenbart, dass es in schwarze Quadrate aufgeteilt ist, die eine Kreuzstruktur ergeben. Das Höchste nimmt in der Hand besonders skrupulöser Künstler eine Gestalt an, die es in die Nähe des Nichts rückt. So mag es auch der Besucher empfinden, der die Geduld aufbringt, lange genug in James Turrells Lichtraum „Grey Dawn“ zu verweilen. Wenigstens fünf Minuten lang sollte man in der abgedunkelten Kammer auf das große graue Rechteck blicken, damit die Augen sich anpassen. Was aussieht wie eine Projektion, ist die Öffnung in einen weiteren Raum, der vielleicht etwas wie das Jenseits symbolisiert.

Eine andere Traditionslinie folgt den Darstellungen menschlichen Leids, der Trauer und anderer starker Gefühle. Ein Leitfaden durch die Schau ist der „Bildatlas Mnemosyne“ von Aby Warburg. Der Kunsthistoriker hat 1929 aus Fotos von Altargemälden so etwas wie ein visuelles Vokabelverzeichnis sakraler Kunst geschaffen, Pathosposen wie der Körper des Gekreuzigten, das Beten auf den Knien, das Halten der Leiche wie bei der Pietà. Warburgs Katalog in Form von Fototafeln ist ausführlich in der Schau vertreten. In dieser Linie stehen auch die Skulpturen der belgischen Künstlerin Berlinde de Bruyckere, die deformierte Wachskörper in Lebensgröße an Laternenpfähle montiert. Diese Skulpturen heißen „Schmerzensmann“ (2006). Francis Bacon malte 1950 das „Fragment of a Crucifixion“. Hier ist der menschliche Körper ebenfalls in einen unförmigen Torso verwandelt, mit aufgerissenem Mund im Zentrum.

Auch Bill Viola greift in seinem Video „The Quintet of the Astonished“ (2000) die Bildsprache altmeisterlicher Malerei auf, in diesem Fall von Hieronymus Bosch und Andrea Mantegna. In Lebensgröße sieht man vier Männer und eine Frau dicht beeinander stehen. In Zeitlupentempo verändern sie ihre Haltung. Offensichtlich sind sie sehr ergriffen von etwas, was sie sehen. Ist es die Kreuzigung, ein Wunder, eine Katastrophe? Das bleibt eine Leerstelle, in der, bestimmt nicht zufällig, exakt der Betrachter steht. Eine ähnliche meditative Strenge entfaltet das Video „The Bread“ (2012) des belgischen Malers Michael Borremans: Man sieht eine junge Frau, die immer wieder ein Stück Brot in den Mund steckt. Mysteriös, dass der Körper direkt aus dem weißen Tisch zu wachsen scheint. Es ist, als ob eine Skulptur zum Leben erwacht sei.

Für einen eher nüchternen Zugriff stehen die Fotos von Santu Mokofeng aus der Serie „Train Church“ (1986). In der Apartheids-Gesellschaft von Südafrika improvisierten die Menschen in den überfüllten Zügen, die sie aus den Townships zu ihren Arbeitsplätzen brachten, Messen während der Fahrt. Andere Aufnahmen zeigen einen Gottesdienst unter einer Autobahnunterführung. Die Bilder dokumentieren die auch politische Kraft, die sich in Religion manifestieren kann.

Und die Schau hat auch den Mut zum Grotesken: Im Video „Looking For Jesus“ lässt Katarzyna Kozyra Menschen zu Wort kommen, die am „Jerusalem-Syndrom“ leiden. Das heißt, sie halten sich für eine Reinkarnation von Jesus oder einer anderen religiösen Kraft. Und die Mathematiklehrerin, die nach 19 Jahren nur noch Gott dienen will und erzählt, sie habe vier Wunder und drei göttliche Erscheinungen erlebt, wirkt so selbstsicher, dass selbst eingefleischte Materialisten an ihrem Unglauben zu zweifeln beginnen.

Bis 24.1.2016, di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr, Tel. 0211/ 83 81 204, www.kunstsammlung.de, Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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